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Wenn Jugendliche in die Drogenszene abrutschen, ist häufig die Hilfe des Jugendamts gefragt. 

Bei Budgetberatung im Ausschuss

Jugendamts-Chef berichtet über Drogen-Clique, Schulbegleiter und Mangel an Pflegeeltern

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Mit Kosten in Höhe von geplant rund 11,6 Millionen Euro netto macht die Arbeit des Jugendamts einen dicken Batzen im Kreishaushalt 2019 aus. Einblicke, welche Schicksale sich hinter den Zahlen verbergen, erhielten die Mitglieder des Kreistags-Ausschusses für Jugend und Familie in ihrer Sitzung am Dienstag von Jugendamtsleiter Ulrich Reiner. Am Ende segnete das Gremium das Budget einstimmig ab.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Besondere Aufmerksamkeit erregte in Reiners Vortrag ein Beispiel, das illustrieren sollte, wie unvorhersehbar sich die Kosten für Heimunterbringung entwickeln können. Er berichtete von einer Clique von 14- und 15-Jährigen, die das Jugendamt betreut hatte. „Es war der erste Fall, bei dem uns im Landkreis die Droge Crystal Meth untergekommen ist.“ Zudem hätten Mädchen aus der Gruppe Verbindungen ins Münchner Prostituiertenmilieu gehabt. Das Amt habe drei Jugendliche geschlossen untergebracht. Allein dadurch seien Kosten in Höhe von 308 000 Euro entstanden. „Während ich noch mit diesem Fall gehadert habe, ging bundesweit der Fall eines Mädchens durch die Schlagzeilen, das von einem Asylbewerber ermordet wurde.“ Da es gewisse Parallelen gegeben habe, „habe ich mich bestätigt gefühlt“, sagte Reiner. „So etwas möchte ich hier bei uns nicht erleben.“

Einer der Jugendlichen fand neue Perspektive im Leben

Im Fall der genannten Clique habe ein junger Mann heute eine neue Perspektive für sein Leben gefunden und wohne mittlerweile weit weg von den früheren „Freunden“ in einem anderen Bundesland. Bei einem Mädchen sei die Entwicklung „mittelprächtig“. Die dritte Jugendliche nutze jede Gelegenheit eines offenen Ausgangs „zum Entweichen“.

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Trotz der unsicheren Erfolgsaussichten „sollte man weiter immer hinschauen“, sagte Reiner. „Jeder hat eine zweite Chance verdient.“ Das rechtfertigt aus seiner Sicht auch Ausgaben für einzelne „Auslandsmaßnahmen“. Die seien in der Praxis auch nicht viel teurer als manche sozialpädagogische Maßnahme in der Heimat, könnten sich aber als hoch effektiv erweisen, wenn man zum Beispiel einen Jugendlichen komplett aus seinem sozialen Umfeld herausnehme, bestätigte Josef Birzele, ehemaliger Leiter der Jugendsiedlung Hochland. Laut Reiner sei es vor Jahren einmal sehr erfolgreich gewesen, als eine Betreuerin mit einem Jungen den Jakobsweg ging.

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Kritische Anmerkungen hatte Reiner zum Thema Schulbegleiter. 2016 waren davon im Landkreis noch acht im Einsatz, 2018 aber 24 – die Kosten verdoppelten sich beinahe. Diese Entwicklung sei ein „bayernweites Phänomen“, das mit der Inklusion zusammenhänge. „Eltern können frei entscheiden, auf welche Schule ihr behindertes Kind geht. Wenn es dort dann aber nicht zurechtkommt, können sie einen Schulbegleiter beantragen.“ Reiner sah einen Widerspruch darin, „dass der Freistaat sagt: ,Wir wollen Inklusion‘, aber dann die Rahmenbedingungen nicht so gestaltet, dass es ohne Weiteres funktioniert.“

Wenige Familien haben genug Platz für Pflegekind

Wenn das Jugendamt aber einmal zu dem Schluss gelange, dass ein Schulbegleiter nicht nötig sei, weil das betreffende Kind nicht auffälliger sei als manche anderen auch, dann gebe es schon mal einen „Aufstand“ bis hin zur „Dienstaufsichtsbeschwerde gegen eine Mitarbeiterin“.

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Für Diskussionen sorgte zudem die Frage, warum sich immer weniger Menschen als Pflegeeltern zur Verfügung stellen. Nach Reiners Ansicht liegt das zum einen an den hohen Mieten. „Nur wenige Familien haben so große Wohnungen, dass sie problemlos ein weiteres Kind aufnehmen können.“ Zum anderen sei das Familienmodell, dass der Vater arbeitet und die Mutter zu Hause ist, inzwischen die Ausnahme. Pflegefamilien, in denen beide Elternteile in Vollzeit arbeiten, akzeptiere das Jugendamt aber nicht. Und die rund 1000 Euro, die das Amt einer Pflegefamilie als Ausgleich zahle, kompensiere nicht unbedingt den Verzicht auf einen Job.

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