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Waren Obdachlose früher alleinstehende Männer jenseits der 40, sind heute immer mehr Menschen unter 30 betroffen. Familien, Pärchen, Frauen. In der Region für sie eine neue Wohnung zu finden, ist nicht möglich. 

Obdachlos im Oberland:

Alina (26) und Leon (21) lebten im Auto - jetzt haben sie genug von Oberbayern 

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Obdachlosigkeit ist ein Problem, das in Oberbayern in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Das zeigt die Geschichte von Alina (26) und Leon (21).

Bad Tölz – Irgendwann ging es für Alina (Name geändert) zu Hause nicht mehr. Die Mutter trank immer mehr, ihrem Vater konnte sie nie etwas recht machen. Es kam zu Handgreiflichkeiten. „Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten“, sagt die 26-Jährige. Sie wollte nur noch weg.

Also nahm sie ihren sechsjährigen Sohn, setzte sich ins Auto und fuhr los. Es war der Beginn einer stetigen Abwärtsspirale, die schließlich in der Obdachlosenunterkunft der Caritas in Bad Tölz endete.

Vor allem obdachlose Frauen sind Freiwild

Alina sei längst kein Einzelfall mehr. „Früher waren Obdachlose in der Regel alleinstehende Männer jenseits der 40 – und genau auf die sind die Unterkünfte zugeschnitten“, sagt Barbara Stärz, bei der Caritas zuständig für die Wohnungslosenhilfe. Heute seien zunehmend Menschen unter 30 betroffen, Familien, Pärchen, alleinstehende Frauen. „Und vor allem die sind Freiwild“, sagt Stärz. Oft werde die Obdachlosigkeit von Frauen nicht einmal bekannt, weil sie irgendwo auf einer Couch unterkommen – oft geknüpft an mehr oder weniger unangenehme Bedingungen. „Viele rutschen in eine Zwangssituation.“

Zumindest das blieb Alina erspart. Sie schlief erst einmal bei Freunden, fand sogar kurzzeitig eine Wohnung, musste dann aber wieder ausziehen. Sie telefonierte mit Einrichtungen, um irgendwo unterzukommen. Die einen sagten ihr, sie seien nicht für sie zuständig, weil sie nicht in ihrer Gemeinde obdachlos geworden sei, die anderen hatten keinen Platz. Was ihr blieb, war ihr Auto. Doch fürs Benzin reichte das Geld oft nicht mehr. Alina verlor in der Folge ihre Stelle als Hauswirtschafterin an einer Klinik. Für Caritas-Berater Robert Pölt ein Beispiel dafür, „wie unglaublich schnell man in Obdachlosigkeit rutscht“.

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Ihren Sohn hatte Alina zu diesem Zeitpunkt bereits zu seinem Vater gebracht. „Wir hatten eineinhalb Jahre keinen Kontakt. Aber ich hab’ ihm gesagt, du musst das Kind nehmen.“ Irgendwann fand die 26-Jährige einen Platz in einer Unterkunft. 28 Tage – das ist die Höchstdauer – durfte sie dort bleiben. Dort lernte sie ihren Freund Leon kennen. Er war aus seiner Wohnung geflogen, als der Vermieter Eigenbedarf anmeldete. „In der Unterkunft gab es viel Stress und Ärger. Ich hab’ mich dort nie sicher gefühlt“, sagt Alina. Als die 28 Tage vorbei waren, blieb den beiden wieder nur das Auto. „Es war sehr kalt. Und ich bin öfters krank geworden“, sagt die 26-Jährige.

Jung und obdachlos: Ohne Wohnsitz keine Autoversicherung

In ihrer Not telefonierten sie und Leon Anlaufstellen in der ganzen Region ab, auf der Suche nach einer Bleibe. Barbara Stärz rief zurück. „Sie haben sich so verzweifelt auf dem Anrufbeantworter angehört“, sagt sie. Alina und Leon zogen ins Haus Jakobus. Die Einrichtung der Caritas ist ausgerichtet auf alleinstehende Männer. Entsprechend groß war auch dort das Konfliktpotenzial – zumal das Geld des Paares mehr als knapp war.

Nicht ihr einziges Problem. Da Alinas Post immer noch bei ihren Eltern landete, diese die Tochter aber aus ihrem Leben gestrichen hatten, bekam die 26-Jährige zu spät mit, dass der Versicherungsschutz für ihr Auto abgelaufen war. „Sobald ich das wusste, haben wir es nicht mehr gefahren“, sagt sie. Für ein nicht mehr zugelassenes Auto in Tölz dauerhaft einen kostenlosen Parkplatz zu finden, ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Leon fand trotzdem eine Lösung: Er putzte als Gegenleistung für einen Abstellplatz. Alina versuchte derweil, wieder eine Autoversicherung abzuschließen. Ohne Wohnsitz – ihre Heimatgemeinde hatte sie von Amts wegen abgemeldet – ist das nicht möglich. Mit der Hilfe von Freunden löste sie auch dieses Problem.

Die Situation im Haus Jakobus wurde allerdings immer unerträglicher. Mit viel Unterstützung der Caritas und einer Spende von „Leser helfen helfen“ konnten die beiden schließlich in ein Zimmer ziehen, in dem vor allem Alina mal zur Ruhe kam. „Ich hab’ im Haus Jakobus kaum noch geschlafen“, sagt sie.

Vollzeitjobs reichen nicht für die Miete

Am 15. April werden die beiden Tölz verlassen. Über Freunde haben sie eine Wohnung gefunden und einen Vermieter, der kein Problem damit hat, dass sie derzeit von Arbeitslosengeld und Hartz IV leben. „Er hat gesagt, ich hol Euch aus diesem Teufelskreis raus“, sagt Alina. „Das ist wie ein Sechser im Lotto“, ergänzt Leon. Als nächstes wollen beide Arbeit finden. „Damit hab ich nie ein Problem gehabt“, sagt Alina. Leon will seine Ausbildung als Kfz-Mechaniker abschließen. Und dann möchte Alina ihren Sohn wieder regelmäßig sehen.

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Die neue Wohnung liegt in Schwaben. „Hier in der Region finden wir für keinen unserer Klienten mehr etwas“, sagt Barbara Stärz. Niederbayern, Franken, Oberpfalz – da gebe es noch Möglichkeiten. „Aber auch da wird es immer schwerer.“ Viele ihrer Klienten, die wohnsitzlos oder kurz davor sind, haben Jobs. „In die Beratung kommen Krankenschwestern, Altenpfleger, Menschen, die Vollzeit arbeiten, aber sich keine Miete leisten können“, sagt Stärz. Einer ihrer Klienten hat eine feste Stelle in München – und lebt seit zwei Jahren in seinem Auto. „Es gibt keine Perspektive, dass sich das ändert. Der Mann hat meine komplette Hochachtung, dass er es schafft, jeden Tag arbeiten zu gehen.“ Eine andere Klientin hat einen Wohnberechtigungsschein, der ihr das Anrecht auf eine Sozialwohnung attestiert. „Nach sieben Jahren hat sie jetzt eine Wohnung bekommen“, sagt Stärz.

Bauen würde helfen. Doch statt für Geschosswohnungsbau schaffen die meisten Gemeinden weiterhin vor allem Bauland für Doppel- und Reihenhäuser. Die Not von Stärz’ Klienten wird das nicht lindern.

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Eine Schlehdorfer Familie aus dem Mittelstand findet sich unversehens in der Obdachlosigkeit wieder. Der Fall zeigt einmal mehr, wie gravierend die Wohnungsnot in der Region ist.

Seit fast zwei Jahren ist ein 34-jähriger Tölzer obdachlos und lebt meistens in seinem Auto. Er findet keine Wohnung, obwohl er Vollzeit arbeitet und einiges an Miete zahlen könnte. 

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