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Für die Pferde, die bei Leonhardi zum Einsatz kommen, sei das Gespannfahren eher eine leichtere Arbeit, meint der Experte Dr. Thomas Möllmann.

Interview

Deshalb starb Pferd „Perle“: Tierarzt nimmt Stellung zur toten Stute bei Leonhardifahrt

Bei der Tölzer Leonhardifahrt verendete ein Pferd aus ungeklärten Gründen. Tierarzt Dr. Thomas Möllmann betreute das Tier regelmäßig und erklärt, was „Perle“ passiert sein könnte.

Bad Tölz – Der Fall des nach der Leonhardifahrt verendeten Pferds sorgt für viele Diskussionen. In einem Leserbrief und vor allem in den Sozialen Medien werden Vorwürfe von „ungeheuerlichem Stress für die Pferde“ bis zur Tierquälerei im Zusammenhang mit der Leonhardifahrt in den Raum gestellt. Der Tölzer Kurier hat mit Dr. Thomas Möllmann aus Eurasburg gesprochen. Er ist Fachtierarzt für Pferde, hat viele Kunden und „Patienten“ im Isarwinkel und Loisachtal und hat auch die verendete Stute regelmäßig betreut.

Haben Sie eine Vermutung, warum das Pferd verendet ist? 
Die 14-jährige Stute Perle wird von ihrem Besitzer schon seit Jahren regelmäßig eingespannt und war sehr gut trainiert. Sie hatte seit einigen Jahren keine Fohlen mehr. Meines Erachtens ist sie wohl an einem Aorten-Abriss gestorben.

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Was ist das? 
Es gibt beim Pferd am Übergang vom Herzen zur Aorta eine Schwachstelle. Und die kann jederzeit, bei Belastung oder in der Ruhephase auf der Koppel, abreißen. Das passiert immer wieder. Dann verblutet das Pferd innerhalb weniger Minuten nach innen. Wenn man so will, war das für das Pferd ein schöner Tod. Denn das Tier musste nicht lange leiden. Bei einem Aorten-Abriss kann man auch als Tierarzt nicht mehr helfen. Wohlgemerkt, das ist meine Vermutung. Der Nachweis des Aorten-Abrisses könnte nur durch eine Sektion geführt werden.

Wäre das sinnvoll? 
Bestimmt. Dann wäre der Fall eindeutig geklärt, und es gäbe keine Grundlage für andere Vorwürfe.

Werden die Tiere bei der Leonhardifahrt überanstrengt? 
Das bei uns gebräuchliche Süddeutsche Kaltblut, die Haflinger und Percheron sind ja zum Teil seit Jahrtausenden für den Arbeitseinsatz gezüchtet. Früher waren sie im Wald und bei der Feldarbeit im Einsatz. Das war richtig schwere Arbeit. Im Vergleich dazu ist das Gespannfahren eher leichtere Arbeit.

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Dr. Thomas Möllmann, Fachtierarzt für Pferde.

Auch am steilen Maierbräugasteig? 
Das Anfahren an der Steigung ist natürlich die größte Kraftanstrengung. Das A und O ist aber immer gutes Training und eine gute Vorbereitung. Wenn die Pferde trainiert sind, können sie die Last aus dem Rücken und der Hinterhand problemlos ziehen.

Jede der genannten Rassen? 
Natürlich spielt das geringere Körpergewicht eines zierlichen Haflingers gegenüber einem massiv gebauten Percheron eine Rolle. Da wird man halt dann ein etwas geringeres Zuggewicht anspannen.

Ein Leserbriefschreiber spricht vom großen Stress, dem die Pferde bei der Leonhardifahrt durch vielfältige Quellen wie Lärm, Blasmusik und Menschen ausgesetzt sind. Was meinen Sie? 
Um auf „Perle“ zurückzukommen: Sie war seit Jahren auf unzähligen Umzügen mit dabei. Für die war das bestimmt kein Stress mehr gewesen. Sie kannte das, so wie die meisten Tiere.

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Spielte das Wetter eine Rolle? 
Das glaube ich nicht. Natürlich haben die Pferde schon ihr Winterfell. Aber es war ja nicht extrem warm. Ich habe mit dem Besitzer von „Perle“ gesprochen. Er meinte, dass das Tier nicht übermäßig geschwitzt hat und auch die Atmung sich schon weitgehend beruhigt hatte.

Ist übrigens das Kopfsteinpflaster ein Problem? 
Ideal ist es nicht. Jedenfalls sollte man nicht galoppieren, denn der Beschlag mit Eisen und Stollen gibt auf dem Kopfsteinpflaster weniger Halt.

Haben Sie als Tierarzt unter dem Aspekt des Tierschutzes grundsätzlich ein Problem mit der Tölzer Leonhardifahrt? 
Das ist wie die anderen Leonhardifahrten und -ritte eine schöne Tradition, die auch erhalten bleiben sollten. Voraussetzung ist immer, dass die Pferde gut trainiert sind.

Irgendeine Anregung? 
Bei Reit- und Fahrturnieren ist auch immer ein Turniertierarzt dabei. Ich würde mir wünschen, dass bei einer Leonhardifahrt ein Tierarzt anwesend ist. Im Fall von „Perle“ hätte der aber wohl auch nicht mehr helfen können.

cs

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