„Als hätte Obelix beim Vorbeigehen einen Hinkelstein verloren.“ Claus Janßen (li.) und Alexander Karl Wandinger aus Bad Tölz sind von der „Steinwüste“
am Eingang des mit großem Aufwand umgebauten Taubenloch-Parks nicht gerade begeistert.
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„Als hätte Obelix beim Vorbeigehen einen Hinkelstein verloren.“ Claus Janßen (li.) und Alexander Karl Wandinger aus Bad Tölz sind von der „Steinwüste“ am Eingang des mit großem Aufwand umgebauten Taubenloch-Parks nicht gerade begeistert. „Warum gibt es bei städtebaulichen Fragen eigentlich keinen Gestaltungsbeirat?“ fragen sie. Eine Baumschutzkommission gibt es ja auch.

Zwei Tölzer wünschen sich für die städtebauliche Entwicklung einen Gestaltungsbeirat

Bad Tölz: Eine Stadt, die zu glatt und geschleckt ist?

Bad Tölz – In diesen Tagen beginnt die Sanierung des Tölzer Stadtteils Gries. Vor Kurzem wurde der Taubenloch-Park eröffnet. Gleichzeitig sind viele kleine stadtbildprägende Baumaßnahmen in der Stadt zu beobachten. Über die gern beschworene Tradition und den Tölzer Baustil haben Claus Janßen (61) und Alexander Karl Wandinger (53) diskutiert. Der eine ist Vorsitzender des Historischen Vereins, der andere leitet das Trachten-Informationszentrum in Benediktbeuern. Beide legen aber Wert darauf, dass ihre Funktionen nichts mit ihren Aussagen zu tun haben. „Wir sorgen uns als Privatleute um Tölz“, sagen sie.

Wenn Sie offenen Auges durch Tölz wandern, was sehen Sie da?

Wandinger: Ich sehe viel Edelstahl, Plastik und Granit, wie man es heute halt so macht. Keine Gestaltungskraft, die der Tölzer Baugeschichte Rechnung trägt. Es ist alles ziemlich geschleckt und glatt.
Janßen: Vieles sehe ich auch so. Wenn man durchs Gries marschiert, sieht man plötzlich Kunststoff-Haustüren aus dem Baumarkt in einem alten Haus. Mitten in einem historischen Reihenhaus-Ensemble in der Kohlstatt ist ein Teil plötzlich modern saniert worden, mit einer völlig unpassenden Gaube im Dach. Das ist ärgerlich.
Wandinger: Wer genehmigt so etwas, frage ich mich?

Ja, wer trägt da die Verantwortung?

Wandinger: Es ist nicht nur die Stadt und der Kreis- oder Stadtbaumeister. Da liegt auch viel Verantwortung beim Eigentümer. Wer solch alte Immobilien kauft, hat auch eine Verantwortung. Unsere Vorfahren haben auch mit Materialien wie Stein, Metall und Holz gearbeitet. Aber mit einer Qualität, die auf Langlebigkeit ausgerichtet und gleichzeitig durch Naturmaterialien ökologisch verantwortbarer war. Ich finde die heutigen Lösungen dagegen oft zu beliebig.

Gibt es auch Positivbeispiele?

Janßen: Natürlich. Es wird gerade von privat ein lange leerstehendes, denkmalgeschütztes Haus in der Königsdorfer Straße wirklich sehr schön hergerichtet. Auch im Gries kann man immer wieder positive Beispiele sehen. Wenn ein Hauseigentümer es gut macht, dann gibt es immer auch Nachahmungseffekte. Die Kirchen, das wird oft vergessen, haben viel Geld für die Sanierung der Tölzer Gotteshäuser ausgegeben. Und im Mühlfeld sind die Bierkeller wirklich gut umgebaut worden.

Da hätte das Bauamt an der Osterleite zunächst aber auch einen Elektrofachmarkt zugelassen.

Janßen: Aber die Proteste sind gehört worden. Und jetzt schaut es gut aus.

Darf man moderne Bauten neben traditionelle setzen? Könnte ja ein gelungener Kontrapunkt sein.

Wandinger: Da gibt’s zum Beispiel in Vorarlberg und im Bregenzer Wald gute Beispiele, wie historische Bausubstanz mit moderner Architektur kombiniert wird.
Janßen: Aber es muss sich in den umgebenden Baustil einfügen. Ich kann das moderne Haus neben der Villa Anna in der Annastraße für sich gelten lassen, aber im Zusammenhang mit der Villa Anna und der Wandelhalle geht das gar nicht. Es gibt auch ein schönes Beispiel aus der Vergangenheit. Warum ist vor 30 Jahren die sogenannte Pferdetränke in der Marktstraße wieder beseitigt worden? Der Brunnen war einfach zu großflächig, zu viel Granit, nicht profiliert und hat sich optisch nicht eingefügt. Das hat den Widerstand erzeugt.
Wandinger: Viele Menschen spüren ganz unbewusst, ob etwas stimmt oder nicht, ob ein Bauwerk auch gut tut.
Janßen: Es gibt meines Erachtens drei Gründe für die Entwicklung. Es hängt viel am Bauherrn, der natürlich optimieren will. Das neue Baurecht lässt zudem viele Freiheiten zu und den Rest erledigen dann auch noch die Gerichte.
Wandinger: Darum frage ich, warum gibt es in einer Stadt wie Tölz keine Gestaltungssatzung oder einen Beirat? Damit könnte man viel positiv beeinflussen.
Janßen: Diese Frage ist sehr berechtigt.
Wandinger: Es ist einfach wichtig, dass in einer Gesellschaft ein Schönheitsideal, auch beim Bauen, immer wieder neu verhandelt wird. Verhandelt wird aber nicht, es wird einfach gemacht.

Kommen wir zu einem anderen Thema: das Tölzer Pflaster.

Janßen: Schwieriges Thema. Es ist in allen Städten ein Problem. Es muss ja immer barrierefrei sein. Um außerdem besser räumen zu können, sieht man immer öfter geschnittene Kunst- oder Natursteine, meist auch leider in Einheitsfarbe, bei denen die Kanten nicht gebrochen sind.
Wandinger: Da ist oft überhaupt kein Farbenspiel drin. Das ist maustotgrau. Wenn man sich die Testverlegefläche im Gries am Jungmayrplatz anschaut: Die Steinplatten sind für den kleinstrukturierten Gries viel zu großflächig und sehen im rechten Winkel zur Häuserzeile aus wie eine Zahnreihe. Die kleineren Steine daneben sollen einen Wildverband darstellen, sind aber in ihrer scharfen kantigen Form dafür gar nicht geeignet. Eine für den Gries passende Verlegeweise ist das im Bogen verlegte Kleinsteinpflaster, das ergibt ein wirklich lebendiges Bild. So aber ist es sauber, gut zum Putzen und Räumen, aber kalt und, wie gesagt, maustotgrau.

Zwischen Villa Anna und Wandelhalle (hi.) steht im Badeteil ein moderner Neubau, der nicht nur Janßen und Wandinger als krasser Stilbruch vorkommt. Das hätte nie erlaubt werden dürfen, meinen sie.

Wie gefällt Ihnen beiden dann das neue Taubenloch?

Janßen: Reden wir nur vom Eingang. Eine Steinwüste. Und dann mittendrin dieser Stein.
Wandinger: Als hätte Obelix beim Vorbeigehen einen Hinkelstein verloren. Ein Steinmonster vor dem Brückenheiligen. Warum hat man den nicht in die Wiese getan? Wenn die Kinder beim Spielen herunterfallen, tun sie sich wenigstens nicht weh.
Janßen: Der Nepomuk in seinem Häuschen war immer von verschiedenen Büschen eingesäumt, die zu verschiedenen Zeiten geblüht haben. Jetzt ist alles Grün weg. Ich verstehe auch nicht ganz, warum man den Taubenloch-Park ausgerechnet zu einer dreispurigen Straße hin öffnet. Früher war da die Straße, dann die Parkplätze und Büsche und dann der Park.

Gibt es beim Pflastern auch Positivbeispiele?

Janßen: Erst noch das Negativbeispiel Busbahnhof Isarkai. Das Großsteinkopfpflaster hat eine ausgesprochen schlechte Oberflächenqualität und ist schlecht verfugt. Die Farbe ist in Ordnung. Gut gemacht ist dagegen der Kreisel auf der Isarbrücke.
Wandinger: Richtig. Da schießt du nicht einfach drüber.

Gibt es sonst noch Kritikpunkte?

Janßen: Mir sind viele Kleinigkeiten ein Dorn im Auge. Diese Gasdruckregelstation direkt vor der Evangelischen Kirche. Furchtbar. Die war früher auf dem Gelände der Jod AG und wurde von den Stadtwerken als optischer Abschluss der Allee hingestellt. Genau in der Sichtachse der Kirche. Wie ein Klohäuschen. Es gibt auch sonst viele Gedankenlosigkeiten. Die Busanzeiger am Maierbräugasteig und die vielen Elektrokästen, die unmotiviert herumstehen. In der Marktstraße haben sie alle Kabelschächte mit hässlichen Metalldeckeln versehen. Da braucht die Telekom nur noch einen Mann zum Öffnen, früher waren zwei nötig. Da hat die Telekom also in einem Denkmalschutzensemble das Recht, alle Deckel auszuwechseln.

Da hilft das schönste Graffiti-Bild nicht. Eine Gasdruckregelstation genau am Ende der Schützenstraßen-Allee in der Sichtachse einer Kirche zu errichten, findet Claus Janßen „furchtbar“. Wandinger pflichtet ihm bei.

Und wie gefällt Ihnen der neue Funkturm neben der Kalvarienbergkirche? Der Betreiber sagt, er sei nicht gefragt worden, ob man den auch verrücken kann.

Wandinger: Ja, da wünsche ich mir schon mehr Aufmerksamkeit, dass so etwas nie wieder passiert. Es sind so viele Kleinigkeiten. Aber so verliert Bad Tölz sein Gesicht.
Janßen: Wird am Kalvarienberg ein Baum umgeschnitten, dann muss die Baumschutzkommission und die Untere Naturschutzbehörde gehört werden. Genau so bräuchte es für die sensiblen städtebaulichen Geschichten einen Gestaltungsbeirat, der gefragt wird.

Ist es dafür nicht schon viel zu spät?

Wandinger: Es ist niemals zu spät. Man muss halt miteinander reden. Es geht ja eigentlich nicht um die Touristen, sondern um die Menschen, die hier wohnen und arbeiten. Janßen: Wir haben wirklich noch genug Substanz. Das spannendste Projekt wird für mich das Hotel an der Bockschützstraße. Wandinger: Ich bin gespannt auf den Bräustüberl-Umbau. Janßen: Und ein Lob will ich auch noch loswerden. Dass sich die Stadt am Ketteler-Ring gegen den Bauträger und die Untere Baugenehmigungsbehörde am Landratsamt durchgesetzt hat, ist klasse.

Von Christoph Schnitzer

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