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Tritt am 1. Mai seinen neuen Arbeitsplatz im Tölzer Rathaus an: Ingo Mehner, der die Bürgermeisterwahl bereits im ersten Wahlgang gewonnen hat. „Kommunikation mit dem Bürger ist mir sehr wichtig“, sagt er.

„Es ist nicht die Zeit für Luftsprünge“

Im Interview äußert sich der designierte Tölzer Bürgermeister Ingo Mehner über sein Topergebnis, die Stellvertreter-Entscheidung und den Umgang mit Niederlagen.

Bad Tölz - Dass er trotz dreier Konkurrenten gleich im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit von 50,8 Prozent der Stimmen errang, war eine Überraschung. Im Interview mit dem Kurier-Redakteur Christoph Schnitzer äußert sich der designierte Tölzer Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) über sein Topergebnis, die Stellvertreter-Entscheidung, das Thema Bichler Hof und den Umgang mit Niederlagen.

Vor einigen Tagen war die vermutlich letzte Sitzung des Tölzer Stadtrats in dieser Amtsperiode: Dabei muss Ihnen doch eine Menge durch den Kopf gegangen sein?

Es war schon skurril und sonderbar. Jeder glaubt, dass man schon Bürgermeister ist. Man ist es aber noch nicht. Die Sitzung war mit dem Punkt Haushalt eigentlich extrem wichtig. Ich hätte eigentlich einige Ideen dazu gehabt. Aber mit Corona ist der Haushalt zur Formalie geworden.

Wer ist denn Ihr Arbeitgeber und wie funktioniert die Übergangsphase?

Das ist noch die „LV 1871“, also die „Lebensversicherung von 1871“ in München. Ich bin dort als Jurist in der Immobilienabteilung führend tätig. Ich bin letztes Jahr auf meinen Arbeitgeber zugegangen. Der hat mich sehr unterstützt, wofür ich dankbar bin. So hatte man Zeit für die Nachfolgersuche. Er ist, das ist ganz aktuell, auch schon gefunden. Ich werde am 30.  April aufhören und am 1.  Mai als Bürgermeister in Tölz anfangen.

Was ist, wenn Sie in sechs Jahren abgewählt würden? Können Sie zurückkehren?

Dann kann ich ein Bewerbungsschreiben schicken und hoffen, dass ich genommen werde. Aber es gibt keine Rückkehrklausel. Wenn mein jetziger Posten besetzt ist, ist er besetzt.

Hand aufs Herz: Wann haben Sie das erste Mal den Gedanken gehabt, dass Sie Tölzer Bürgermeister werden wollen?

Es gab nicht den einen Tag, an dem die Entscheidung gefallen ist. Ein Thema war es aber schon, seit ich im Stadtrat war – ich wurde auch oft genug darauf angesprochen.

Inwieweit sind Sie denn schon eingebunden in die Arbeitsprozesse im Rathaus?

Ich muss ja noch in meinem alten Job weiterarbeiten und kann nicht sagen: Ich bin dann mal weg. Ich stehe jeden Tag mit dem Rathaus in Kontakt und bin in Abstimmung mit den Referatsleitern. Ich kriege nicht so viel mit wie der Bürgermeister, bin aber ziemlich gut eingebunden. Das ist auch wichtig. Am 1. Mai darf es keine lange Einarbeitungsphase geben.

Wie läuft es mit Herrn Janker?

Im Hinblick auf Einarbeitung, Infos und Wissenstransfer bekomme ich alles, was ich brauche. Aber Herr Janker hat seinen Stil und seine Methode, ich die meinen, und er bleibt Bürgermeister bis zum 30. April. Ich entscheide also jetzt nicht zu 30 Prozent mit und bin auch kein Teilzeitbürgermeister.

Ihr Ergebnis mit 7329 Stimmen war historisch hoch. Können Sie es mit etwas Abstand schon bewerten?

Von der Gefühlslage her würde ich sagen, bin ich immer noch überwältigt und glücklich. Das konnte ich so nicht erwarten. Aber wenn ich an Corona denke und daran, was es für viele bedeutet, kommt keine Euphorie auf. Das ist nicht die Zeit für emotionale Luftsprünge.

„Der Bürger sollte sich jetzt deutlich mehr repräsentiert fühlen“

Schauen Sie sich mal den neuen Stadtrat an: Was denken Sie?

Ich kenne noch nicht jeden persönlich. Aber die einzelnen Räte sind wohl deutlich unterschiedlicher, und sie werden unterschiedliche Impulse einbringen. Ich meine das ganz wertfrei. Ich selbst habe ja bei unserer Liste darauf geachtet, dass die Bewerber möglichst verschiedene Lebenswirklichkeiten abbilden. Wir haben nun nicht Alt oder Jung, sondern beides. Auch bei den Frauen. Diese Bandbreite brauchen wir auch. Der Bürger sollte sich so deutlich mehr repräsentiert fühlen.

Das könnte auch mehr Konfliktpotenzial bedeuten. Im alten Stadtrat ging es ja nach dem Bichler-Hof-Bürgerentscheid ziemlich hart zur Sache unter den Fraktionen.

Ich habe die Lagergrenzen über die sechs Jahre so nicht gesehen. Beim Thema Bichler Hof gab es sie. Da hatten wir danach eine Verhärtung, die niemandem geholfen hat. Man muss daran arbeiten, dass es zu so etwas nicht mehr kommt. Manchmal gibt es nun mal politische Siege, manchmal eine Niederlage.

Stichwort Niederlage: Herr Janker hat bei Abstimmungen auch schon mal eine 1:24-Klatsche erlebt und sie lächelnd weggesteckt. Können Sie mit Niederlagen umgehen?

Ich glaube, dass ich sogar stark darin bin. Das habe ich von klein auf im Sport gelernt. Im Biathlon gab es Jahre, in denen ich nicht aufs Podest gelaufen bin. Das musste ich einfach wegstecken. Ich bin sogar überzeugt, dass es eine Stärke von mir ist, aus Kritik und Niederlagen zu lernen. Ich muss eher aufpassen, dass ich nicht zu viel Selbstkritik übe und mich zu sehr hinterfrage.

Darf ich zum Bichler Hof nochmals nachhaken? Es war doch ein kapitaler Fehler der Stadt, dieses Areal nicht selber zu erwerben? Zumal zu einem Spottpreis. Damit hätte man auf viele Jahre hinaus Vorratsflächen gehabt.

Ich bewerte das am Bichler Hof angedachte Hotelprojekt immer noch anders als Sie. Es wäre positiv für Tölz gewesen. Was den Flächenerwerb betrifft: Ich möchte jetzt nicht in der Rückschau gescheit daherreden. Aber mit dem jetzigen Wissen würde ich den Grund wohl versuchen zu erwerben. Das Thema Flächenbevorratung ist enorm wichtig. Die Stadt Tölz hat selbst wenig Grund. Eine vorausschauende Politik wird es erfordern, dass man zugreift, wenn man Flächen bekommt.

Sie sagten gerade, dass es nicht mehr zu einer Verhärtung kommen dürfe im Stadtrat. Das Thema Zweiter Bürgermeister wird da gleich einmal ein erster Prüfstein werden. Die Grünen sind die zweitgrößte Fraktion. Haben Sie dazu schon eine Meinung?

Es gab viele Zurufe, und Ideen sind mir zugespielt worden. Aber ich weiß bis jetzt noch nicht, wer kandidiert. Ich muss ja erst einmal wissen, wer es werden will. Außerdem ist das kein Bürgermeister-wünsch-dir-was-Spiel. Das entscheidet der Stadtrat. Mal schauen, zu wem die Räte tendieren. Wer in den letzten sechs Jahren ausgezeichnete Arbeit gemacht hat, das ist Christof Botzenhart. Er hat viele eigene Ideen gehabt und Impulse gesetzt. Ich will, dass er als weiterer Bürgermeister weitermacht.

Welche Rolle spielt Ihre Frau Stephanie?

Für mich eine zentrale. Sie kennt mich genau und kann mich einschätzen. Sie wird auch ein politischer Ratgeber sein. Aber ich werde mit dem Ehepartner nicht die nichtöffentliche Sitzung nachdiskutieren. Meine Frau ist kein Stadtrat und auch kein Spindoktor.

Für die Tölzer sind die Themen Wohnen, Umwelt und Radfahren sehr wichtig

Gab oder gibt es denn einen Spindoktor, also im weitesten Sinn Berater?

Spindoktor ist eher ein negativer Begriff. Ich habe Gott sei Dank eine Mannschaft um mich herum, mit der ich mich extrem gut austauschen kann. Dazu kommt meine Frau. Im Wahlkampf spielte Benedikt Fuhrmann eine ganz wesentliche Rolle. Normalerweise sucht man ja als Bürgermeisterkandidat eine Werbeagentur. Gefunden habe ich mit ihm jemanden, mit dem ich gemeinsam das Thema Kommunikation mit dem Bürger auf allen Kanälen entwickeln konnte. Die Gespräche mit Benedikt Fuhrmann empfand ich als extrem befruchtend. Dem ging es nie um den Wahlkampf, sondern er hat immer darüber hinaus geschaut: Wie kann man spannende Leute für die künftige Arbeit einbinden?

Wird Fuhrmann weiter eine Rolle spielen?

In jedem Fall als Freund und Gesprächspartner. Inwieweit er wieder formell eingebunden wird, muss man sehen.

Wird es in irgendeinem Punkt einen gravierenden Kurswechsel geben?

Glaube ich nicht. Ich habe bei den Haustürgesprächen gemerkt, dass die Themen Wohnen, Umwelt und Radfahren sehr wichtig sind. Und für mich persönlich wird die Kommunikation mit dem Bürger eine große Rolle spielen. Eigentlich wollte ich in den sechs Wochen bis zur Amtsübergabe Gespräche mit verschiedensten Tölzern führen, die ich spannend finde, um andere Entwicklungsimpulse zu bekommen. Da hat mir jetzt Corona reingefunkt. Ich telefoniere zwar viel, aber das ist nicht dasselbe.

Wagen Sie einen Blick in die Zeit nach Corona!

Deutschland wird einen wirtschaftlichen Einbruch erleben. Die Stadt wird zur Rettung der Betriebe nicht das Geld mit der Gießkanne ausschütten können. Aber die wirtschaftliche Entwicklung und das Thema Förderung der Regionalität wird ganz sicher eine riesige Rolle spielen. Die Plattform „Unser Tölz“ war da schon ein guter Anfang. Man muss die heimische Wirtschaft stärken. Ich kann jetzt kein Aufbauprogramm präsentieren, weil das heißen würde, auf bewegliche Ziele zu schießen. Wir müssen jetzt erst einmal schauen, ob die Ausgangsbeschränkungen nach dem 19. April aufrechterhalten werden.

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