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Den Gedanken an eine Türkei-Reise haben Halit und Gülten Vural vom Imbiss „Orient Kebab“ nahe der Tölzer Isarbrücke für heuer schnell verworfen – Halit Vural gehört zur Risikogruppe.

Wegen Corona-Krise

Familienbesuch in der Türkei fällt aus

  • Patrick Staar
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Die Reisepläne vieler in Tölz lebender Türken wurden für diesen Sommer vereitelt: Ihr Heimatland ist weiterhin als Risikogebiet eingestuft.

Bad Tölz-Wolfratshausen –Der mehrwöchige Sommerurlaub bei der Verwandtschaft ist für viele Türken selbstverständlich. In diesem Jahr entfällt bei den meisten dieser Fixpunkt im Kalender, glaubt Tarkan Demir, Trainer des SC Rot-Weiß Bad Tölz: „Der ein oder andere wird schon hinfahren, aber die Masse wird es sicher nicht. Gerade wenn man Kinder und Familie hat, ist das Risiko zu groß. Du weißt nicht, ob du wieder zurückkommen kannst. Wenn da was passiert, ist der Teufel los.“

Demir hatte seine Urlaubsreise schon lange geplant, die Flugtickets waren gebucht. Doch dann kam die Corona-Krise. Erst waren die Grenzen komplett dicht. Inzwischen ist die Einreise wieder erlaubt, allerdings hat die Bundesregierung die Türkei zusammen mit 130 weiteren Ländern als Corona-Risikogebiet eingestuft. Dies hat Konsequenzen: Einreisende aus einem Risikogebiet müssen damit rechnen, dass sie 14 Tage in Quarantäne müssen.

Vor diesem Hintergrund beratschlagte sich Demir mit seiner Familie, und am Ende fiel das Urteil einmütig aus: Der Urlaub wird abgesagt. „Es ist schließlich kein Weltuntergang, wenn wir mal ein Jahr lang nicht in die Türkei fliegen“, sagt Demir. „Gott sei Dank konnte ich meine Flugtickets stornieren, und das sogar ohne Gebühren.“ Die meisten Türken würden laut Demir allerdings mit dem Auto zur Verwandtschaft reisen, was vor allem finanzielle Gründe hat. Zur Hochsaison in den Sommerferien koste ein Flugticket zwischen 600 und 700 Euro, rechnet der Fußball-Trainer vor. Und dann müsse man sich vor Ort noch ein Leihauto besorgen, um alle Verwandten besuchen zu können: „Da ist man dann schnell mal bei 3000 bis 4000 Euro und hat noch keinen Urlaub gemacht.“

Um Geld zu sparen, nähmen viele die 20- bis 30-stündige Autofahrt in Kauf. Diese bringe jedoch in der Corona-Zeit einige Risiken mit sich. Um in die Türkei zu kommen, müsse man durch Österreich, Slowenien, Serbien, Kroatien und Bulgarien fahren. „Was passiert, wenn plötzlich ein Land keine Durchreise mehr zulässt?“, fragt Demir. „Man muss dann einen Umweg fahren, oder man steht noch schlimmer da.“ Dieses Risiko sei es „einfach nicht wert“. Mal abgesehen davon, dass Präsident Recep Erdogan jederzeit die Grenze dicht machen könne: „Der ist da eher gnadenlos.“

Gedanken an Türkei-Reise schnell verworfen

Halit Vural vom Imbiss „Orient Kebab“ nahe der Tölzer Isarbrücke hat den Gedanken an eine Türkei-Reise ebenfalls schnell verworfen – auch wenn er die Corona-Situation in der Türkei nicht allzu dramatisch einstuft. Die Hygiene-Vorschriften seien streng und die Hotels bestens gerüstet. So will die Türkei unter anderem mit einem Zertifikationsprogramm punkten, das auch vom TÜV Süd geprüft wird. Hotels und Gastronomen können daran freiwillig teilnehmen. Dazu muss ein ganzer Katalog von Auflagen erfüllt werden. An Stränden etwa muss ein Sicherheitsabstand eingehalten. Gebrauchsgegenstände in Räumen müssen desinfiziert werden. In Hotels und Flughäfen werden Wärmebildkameras eingesetzt. Bei Symptomen und Bedarf kann ein kostenloser Coronatest gemacht werden. Trotz aller Vorsichts-Maßnahmen sagt Vural: „Das Corona-Virus sieht man nicht. Ich bin Diabetiker, gehöre zur Risikogruppe – das ist mir alles zu gefährlich.“ Deshalb verzichtet er auch auf Ausflüge innerhalb von Bayern.

Der Verzicht auf den Türkei-Urlaub fällt ihm nicht schwer. Vural wurde in einer Ortschaft nahe der Grenze zu Syrien geboren. Als 13-Jähriger kam er nach Bad Tölz und lebt nun seit über 45 Jahren hier: „Abgesehen von der Verwandtschaft kenne ich in der Türkei niemand und hab dort auch keine Freunde.“ Daher habe er auch seine Staatsbürgerschaft zurückgegeben. Davon abgesehen sei Tölz ohnehin der ideale Urlaubsort: „Schöner als hier ist es doch eh nirgendwo. Wenn ich Zeit hätte, würde ich immer hier Urlaub machen.“

Keine allzu große Furcht vor dem Corona-Virus hat dagegen Eishockey-Nationalspieler Yasin Ehliz: „Ich hätte kein Problem damit, jetzt in die Türkei zu reisen. Es ist nicht so, dass ich wegen Corona nirgendwo mehr hingehe.“ Trotzdem entfällt auch bei ihm die jährliche Türkei-Reise. Normal mache er immer Ende Mai nach den Eishockey-Weltmeisterschaften Urlaub. Doch zu diesem Zeitpunkt waren heuer die Grenzen dicht. Mittlerweile ist Ehliz längst ins Sommertraining eingestiegen. „Hier hab ich die Trainings-Möglichkeiten, um fit für den Saisonstart zu sein“, sagt der Stürmer des EHC Red Bull München.

Reise finanziell nicht zu stemmen

Aus ganz anderen Gründen verzichtet eine Tölzer Geschäftsfrau, die namentlich nicht genannt werden will, auf die jährliche Reise in die Türkei: „Bei uns ist es seit Corona sehr, sehr ruhig geworden. Wir hätten die Reise finanziell nicht geschafft.“ Sie ist „traurig“, dass die Türkei als Risikogebiet eingestuft ist, obwohl das Risiko ihrer Einschätzung nach „gar nicht so hoch“ ist. Die Einstufung führe zu Problemen. „Wir haben schulpflichtige Kinder. Wegen der Quarantäne können sie womöglich nicht rechtzeitig in den Unterricht zurück“, meint sie. „Außerdem wäre es schade, wenn jemand aus der Verwandtschaft sterben würde, und wir könnten deshalb nicht bei der Beerdigung dabei sein.“

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