Urban Priol ließ an manchen Stellen seine Zuhörer ratlos zurück.  Foto: Botzenhart
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Urban Priol ließ an manchen Stellen seine Zuhörer ratlos zurück.

Kabarettist im Tölzer Kurhaus

„O’gsteckt is“: Urban Priol über Corona, Merkel und frühen Fußball

Kabarettist Urban Priol stellt sein neues Programm im Tölzer Kurhaus vor – und dabei befindet sich noch vieles „Im Fluss“

Bad Tölz – „Im Fluss“ heißt das aktuelle Programm von Urban Priol, das er am Donnerstagabend im Tölzer Kurhaus vorstellte. Das Konzept steckt noch merklich im Entstehungsprozess. Zwei ungewöhnliche Details fielen auf: Erstens: Urban Priol las viel vom Manuskript ab. Dafür hatte er eine plausible Erklärung: Während des Auftrittsverbots dank der Pandemie hatte er immer wieder sein Programm umgeschrieben. Überhaupt nicht ungewöhnlich für einen Kabarettisten seines Kalibers. Zweitens: Beim Titel „Im Fluss“ wähnte man Priol schon auf der Bühne wild hin- und hergerissen, aber der Kabarettist blieb ungewohnt standhaft am Stehpult. Rätselhafterweise waren trotzdem Tisch und Stuhl aufgebaut, aber nur einmal stützte er sich resignierend darauf ab.

Keine Partei blieb von ihm verschont. Aber die Kanzlerin scheint er regelrecht zu verabscheuen. Als er das Treffen von Markus Söder und Angela Merkel auf Herrenchiemsee durch den Kakao zog, formulierte er: „Dann trat das Königspaar auf, König Markus der Erste und Lady Macbeth.“ Letztere ist die düstere Intrigenherrscherin aus Shakespeares gleichnamigem Drama. Enttäuscht sei Priol von der „Kutsche“ gewesen, einem Bierwagen, von zwei Kaltblütern gezogen, „hintendrauf nochmal zwei…“. Dem Publikum gefiel’s, es schien wohl überwiegend aus Kritikern der Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus zu bestehen, denn es applaudierte stets laut, wenn Priol diese anprangerte und Söder vorwarf, er regiere mit Angst.

Eine Unlogik machte er mit treffend schwarzem Humor deutlich: „Da wird in feuchten Kellern eine Wirtshauswies’n erlaubt, nach dem Motto: O’gsteckt is!“

Priol selbst litt in der Quarantäne am meisten unter dem deutschen Fernsehprogramm und Sendungen wie „Bares für Rares“. Die Fußballspiele aus den Archiven der Sportsender ahmte der Kabarettist herrlich nach, indem er den Moderator sehr langsam sprechen ließ: „Beckenbauer… zu Rummenigge… – so langsam haben die damals Fußball gespielt! Pure Entschleunigung!“

Vor Alexa hat man nur Ruhe, wen man „etwas ohne Corona“ hören will

Sein Management rate ihm schon lange zur Digitalisierung, sagte Priol. Aber damit habe er seine eigenen Erfahrungen gemacht: „Neulich hab ich Siri was gefragt, da sagte es: Frag Alexa!“ Und vor „Alexa“ habe er nur eine Stunde Ruhe, wenn er „etwas ohne Corona“ hören wolle.

Erstaunlich gegensätzlich gab er sich beim Thema Jugend. Priol zeigte größtes Verständnis für die feiernden Jugendlichen: „Was hätten wir denn im selben Alter gemacht?“, fragte er. Aber er verzieh ihnen nicht den liegengelassenen Müll. Den Wegwerfern als Strafe ein rosa Schweinchenkostüm anzuziehen mit dem umgehängten Schild „Ich bin eine Umweltsau“ – das passte so gar nicht zum liberalen Künstlergeist.

Alles in allem habe sich im Lauf der Zeit nicht viel geändert, sagte Priol: „Die Kleinen werden gehängt, die Großen lässt man laufen. Geld regiert die Welt“, fasste er am Ende zusammen. Aber mit diesen Allerweltsprüchen ließ er die Zuhörer, die im Kurhaus an Tischen saßen, ratlos zurück. Dabei hatte er selbst die Frage gestellt: „Wo sind neue Ideen?“ Er aber bot keine an. Allerdings herrschen besondere Umstände, und Priols Programm befindet sich im Schreibfluss. Eines Tages wird er eine Endfassung haben. BIRGIT BOTZENHART

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