Eine geschlechtergerechte Kirche fordert die Initiative „Maria 2.0“ – hier heftet eine Aktivistin ein Thesenpapier ans Portal der Münchner Frauenkirche.
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Eine geschlechtergerechte Kirche fordert die Initiative „Maria 2.0“ – hier heftet eine Aktivistin ein Thesenpapier ans Portal der Münchner Frauenkirche.

Reforminitiative

Bad Tölz: Stimmen zu Maria 2.0: „Kirche kann Frauen nicht länger abspeisen“

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Für eine geschlechtergerechte Kirche setzt sich die Initiative „Maria 2.0“ ein. Auch Katholikinnen im Landkreis befürworten den Vorstoß.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Initiative „Maria 2.0“ hat es am Wochenende gemacht wie Luther und ihre Thesen an Kirchentüren geschlagen. Frauen in der katholischen Kirche fordern darin einen tiefgreifenden Wandel, unter anderem die Zulassung von Frauen zur Priesterweihe, eine Abschaffung des Pflichtzölibats und eine veränderte Sexualmoral der Kirche.

Im Landkreis fand sich das Plakat mit den sieben Thesen zwar an keiner Kirchentür. Doch für die Inhalte gibt es viel Rückendeckung.

„Wenn ich’s vorher gewusst hätte, auf alle Fälle!“, antwortet Cornelia Irmer auf die Frage, ob sie auch die Thesen von Maria 2.0 an eine Geretsrieder Kirchentür geschlagen hätte. Die ehemalige Bürgermeisterin von Geretsried leitet seit 38 Jahren eine Frauengruppe der katholischen Arbeitnehmerbewegung. „Mir geht es dabei um das Menschenbild in der Kirche“, sagt sie. „Dass ein Teil der Menschheit mehr wert sein soll als der andere“, das sei einfach nicht aufrechtzuerhalten. „Jeder Mensch soll sich so verwirklichen können, wie es seinem Wesen entspricht“, sagt Cornelia Irmer. „Und dazu gehört auch, dass Frauen genau wie Männer die Weihe erhalten können.“

Pflichtzölibat abschaffen: „Jeder braucht im Leben ein Gegenüber“

Auch vom Pflichtzölibat hält die Geretsriederin nichts. „Jeder braucht im Leben ein Gegenüber, bei dem er ein Zuhause findet, bei dem er einfach Mensch sein kann“, argumentieret sie. „Und das gilt für Menschen, die im seelsorgerischen Bereich tätig sind, sogar ganz besonders.“ Und was die katholische Sexualmoral angehe, „darüber haben die Kirchenmitglieder ohnehin schon in der Praxis abgestimmt: „Kein Mensch hält sich noch an die kirchlichen Gebote und Verbote.“

An der Bewegung „Maria 2.0“ findet Cornelia Irmer gut, dass sie aus der Mitte der Kirche ein Gesprächsangebot mache. Das sei viel besser als Angriffe von außen. „Denn die Kirche leistet schließlich viel Sinnvolles. Ohne die Kirche wäre die Gesellschaft in vielen Bereichen aufgeschmissen.“

Auch Angelika Lindmair, Vorsitzende des Pfarrgemeinderats Maria Himmelfahrt in Bad Tölz, findet es gut, dass die Aktivistinnen von „Maria 2.0“ sich nicht etwa von der Kirche entfernen oder diese „kaputt machen“ wollen, sondern sich für Verbesserungen einsetzen. Den Inhalt der Thesen findet die Tölzerin auch „soweit alle richtig“. Trotzdem: Persönlich hätte sie die Thesen nicht an die Kirchentür geheftet.

„Ein Zug, der einmal aufs Gleis gesetzt ist, lässt sich nicht mehr aufhalten“

„Mag sein, dass jüngere Frauen da mehr Kampfgeist haben“, meint Angelika Lindmair. Sie selbst findet den Weg von Streiks und Gottesdienst-Boykott, den „Maria 2.0“ einschlägt, aber nicht für den richtigen – und auch keinen realistisch Erfolg versprechenden. „Ich glaube nicht, dass Rom darauf reagiert“, sagt die Pfarrgemeinderatsvorsitzende. „Deutschland ist nur ein Land – die Kirche aber umspannt die ganze Welt. Da mahlen die Mühlen weiterhin sehr langsam.“ Aus ihrer Sicht ist viel Geduld gefragt.

Lindmair weist darauf hin, dass viele der Anliegen von „Maria 2.0“ beim „synodalen Weg“ behandelt würden, einem kirchlichen Gesprächsformat, das unter anderem zur Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen angestoßen wurde. Und auf gemeindlicher Ebene vor Ort setzt Angelika Lindmair auf „viel Reden im Kleinen“. Im Kirchenalltag seien Frauen als gleichwertige Gesprächspartner anerkannt – „Gott sei Dank“.

Schwester Josefa Thusbaß hingegen glaubt, dass sich die Anliegen von „Maria 2.0“ durchsetzen werden. „Ein Zug, der einmal aufs Gleis gesetzt ist, lässt sich nicht mehr aufhalten“, sagt die MissionsDominikanerin aus Schlehdorf. Sie vergleicht die aktuelle Bewegung mit dem einstigen Kampf ums Frauenwahlrecht. „Das ist eine Dynamik, die sich nicht bremsen lässt.“

Eine Gesellschaft – und auch die Kirche – könne es sich einfach nicht leisten, die Hälfte der Menschen auszuschließen. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Lehrerin an der Mädchenrealschule in Schlehdorf sei es ihr immer besonders wichtig gewesen, dass ihre Schülerinnen „stark in dieser Welt“ stünden. „Das Ergebnis sind starke Frauen, die sich nicht aufhalten lassen“, so die Ordensschwester. Die Kirche könne die Frauen nicht länger abspeisen – „oder sie verliert die Frauen“.

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