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In Bad Tölz zu leben, ist schön – wenn man eine Wohnung hat. Wer obdachlos ist und auf der Straße steht, ist auf die Hilfe der Stadt angewiesen.   

Schicksal

Obdachloser sucht Hilfe bei der Stadt – was dann passiert, macht fassungslos

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Ein 40-jähriger Tölzer steht auf der Straße. Die Stadt weigerte sich aber, das anzuerkennen. Doch das ist erst der Anfang einer langen, grotesken Geschichte, die von Absatz zu Absatz mehr trifft.

Bad Tölz – Sebastian Wolf (Name geändert) war ein erfolgreicher Leistungssportler. Er gewann Meisterschaften, trainierte viel. Sein Leben verlief in geregelten Bahnen. Er arbeitete als Maler und Lackierer, lebte in einer Beziehung und hatte eine Wohnung. Doch irgendwann begann alles schief zu laufen. Ob der Alkohol dafür verantwortlich war oder ob die Sucht erst später kam – das erzählt Wolf nicht so genau.

So oder so – sein Leben geriet aus den Fugen. Wolf hat danach einige wirklich dumme Dinge getan. Dreieinhalb Jahre saß er dafür im Knast. Heute ist der Tölzer schwerer Alkoholiker. Immer mal wieder trocken, aber eben nie auf Dauer. Seinen Eltern, bei denen der 40-Jährige zuletzt auf der Couch schlief, wurde das Ganze irgendwann zu viel. Sie warfen ihn raus. Wolf hat dafür Verständnis. „Welche Mutter erträgt es schon, wenn der Sohn jeden Abend betrunken nach Hause kommt“, sagt er.

„Mir wurde gesagt, ich sei nicht obdachlos“

Seit November 2017 ist Wolf obdachlos. Zuständig für seine Unterbringung wäre nun eigentlich die Stadt Bad Tölz. An die wandte sich Wolf auch – bekam aber keine Hilfe. Stattdessen landete er mit sieben Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs vor Gericht. Der 40-Jährige will seine Geschichte erzählen, „weil ich mich zumindest artikulieren kann. Es gibt viele, denen geht es viel schlechter als mir. Aber die schlucken alles. Die haben keine Stimme.“

Alles begann Ende November 2017. Weil Wolf nach dem Rauswurf nicht wusste, wohin und die Nächte immer kälter wurden, suchte er Unterschlupf bei seinen Kumpeln, die in der städtischen Notunterkunft an der Dietramszeller Straße leben. „Sie haben gesagt, dass ich bei ihnen schlafen kann“, sagt der 40-Jährige. Als er allerdings bei einem Kontrollgang der Stadt entdeckt wurde, bekam er Hausverbot und eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Warum Wolf dort Zuflucht suchte, danach habe ihn niemand gefragt, sagt er.

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Seine Spezln rieten ihm, sich bei der Stadt offiziell obdachlos zu melden. Von diesem Moment an ist die Kommune in der Pflicht, eine Unterkunft für den Betroffenen zu finden. Wolf wandte sich an die zuständige Abteilung im Rathaus, schilderte seinen Fall, inklusive seiner kriminellen Vorgeschichte und seines Alkoholismus’ und hoffte auf Hilfe. „Stattdessen wurde mir gesagt, ich sei nicht obdachlos. Ich könnte doch zu meinen Eltern zurückgehen und wieder dort auf der Couch schlafen“, schildert der 40-Jährige. Er habe mehrfach versucht, klar zu machen, dass das keine Option ist, dass ihn die Eltern nicht mehr aufnehmen würden, dass das Ganze sowieso nie offiziell gewesen sei, weil der Vermieter nicht Bescheid wusste.

Das alles half nichts: Wolf stand wieder auf der Straße – und suchte wieder Unterschlupf an der Dietramszeller Straße. „Was hätte ich denn machen sollen?“, fragt der Mann aus Tölz. Erneut wurde er bei einem Kontrollgang aufgegriffen, erneut angezeigt. Und die Stadt tat noch mehr: Sie untersagte den Bewohnern der Notunterkunft generell, Besucher empfangen zu dürfen.

Zimmer abgelehnt – aber nicht grundlos

Wolf war schon klar, dass er die Räume eigentlich hätte meiden müssen, er habe aber einfach nicht gewusst, wohin. Mitten im Winter. Anfang Februar 2018 hatten sich sieben Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs angesammelt. Wolf betont aber auch, dass er sich darüber hinaus nichts zu schulden habe kommen lassen. „Ich habe nie ein schlechtes Wort gesagt. Ich habe mich immer entschuldigt und bin sofort gegangen.“

Irgendwann bekam er von einem Spezl dann den Tipp, sich an die Caritas zu wenden. Das tat Wolf. Mit Barbara Stärz von der Obdachlosenhilfe an seiner Seite suchte er erneut Unterstützung im Rathaus. Und dort war man nun tatsächlich bereit, seine Obdachlosigkeit anzuerkennen und bot ihm ein freies Zimmer in einer der vier städtischen Notunterkünfte an. Das Problem: Die anderen Bewohner dort sind laut Wolf schwere Trinker, er selbst hatte zu diesem Zeitpunkt aber gerade eine Entgiftung hinter sich. Trocken zu bleiben, wäre ihm in der avisierten Notunterkunft nicht möglich gewesen. „Ich habe darum gebeten, in eine suchtmittelfreie Unterkunft zu dürfen“, sagt der 40-Jährige. Weil er die meisten Obdachlosen in der Stadt kennt, machte er sogar einen Vorschlag, wie und wo diese Unterbringung möglich wäre. „Die Stadt hat Unterkünfte, wo ich die Chance hätte, abstinent zu bleiben“, sagt Wolf. Ein Entgegenkommen habe es nicht gegeben.

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Als er das Zimmer ablehnte, war die Tür wieder ganz zu. Stattdessen wurde dem 40-Jährigen im Juli ein Strafbefehl zugestellt. 600 Euro (40 Tagessätze á 15 Euro) sollte er wegen des mehrfachen Hausfriedensbruchs bezahlen. Das konnte Wolf nicht. Die Angelegenheit landete vor Gericht. Dort wurde der Tölzer verurteilt. Allerdings wandelte der Richter die Strafe in 80 Stunden sozialen Dienst um – abzuleisten im Caritas-Möbellager Carisma.

Eine Lösung für Wolfs eigentliches Problem ist nicht in Sicht. Mittlerweile schläft er im Haus Jakobus. Das ist die Notunterkunft der Caritas an der Salzstraße. Die spartanischen Zimmer sind maximal für eine Verweildauer von 14 Tagen gedacht. Wolf lebt dort seit fast einem halben Jahr. Längst hat er wieder angefangen zu trinken. Er würde sein Leben gerne wieder auf die Reihe bekommen, möchte wieder als Maler und Lackierer arbeiten und einen festen Wohnsitz haben. „Aber in diesem ganzen Chaos hier...“, sagt er und zuckt die Schultern. Wolf ist schon klar, dass er nicht nur ein Opfer der Umstände ist. „Aber ich kann nicht verstehen, wie die Stadt mit Menschen, die Hilfe brauchen, umgeht.“

Das sagt die Stadt zu dem Fall:

Die Stadt Bad Tölz tut sich schwer mit einer Stellungnahme zum oben geschilderten Fall. Datenschutzgründe und der Schutz von Persönlichkeitsrechten anderer Menschen in den Unterkünften führt Pressesprecherin Birte Otterbach dafür unter anderem als Gründe an. Daher kann sie beispielsweise nicht kommentieren, warum die Stadt den Bewohnern der Unterkunft an der Dietramszeller Straße generell untersagt hat, Besuch zu empfangen. Nur so viel: „Grundsätzlich regeln eine Nutzungsvereinbarung, kein Mietvertrag, sowie die Hausordnung die Nutzung der Notunterkunft. Soziale Kontakte der Bewohner sind ausdrücklich gewünscht, allerdings steht dafür beispielsweise der Mittagstisch der Caritas zur Verfügung. Das Besuchsrecht ist in der Obdachlosenunterkunft nicht zuletzt deshalb stark reglementiert, um die Rechte aller Bewohner auf Ruhe und Sicherheit zu gewährleisten“, so Otterbach. 

Und zum konkreten Fall des 40-Jährigen, erklärt Otterbach: „Prinzipiell nimmt die Stadt ihre Verpflichtung, in Not geratenen Menschen zu helfen, sehr ernst: Wenn eine Person glaubwürdig erklärt, dass ihr die Obdachlosigkeit droht, wird zur Abwendung der drohenden Obdachlosigkeit und zur Vermeidung von eventuellen Gesundheitsgefahren eine zeitlich befristete Wohneinheit in einer Obdachlosenunterkunft zugewiesen. Aktuell nutzen dies in Bad Tölz 22 Personen.“ 

Vier Unterkünfte gibt es in der Stadt. In einem Fall wie dem geschilderten sei jeder „von Mitgefühl erfüllt. Unsere Mitarbeiter bemühen sich nach Kräften, alle erdenkliche Hilfestellung zu bieten.“ Allerdings bestehe die kommunale Aufgabe darin, Gefahr für Leib und Leben in Folge von Obdachlosigkeit zu verhindern. Weitere Hilfeleistungen oder gar psychische und medizinische Betreuung könne eine Kommune nicht leisten. „Dafür gibt es eine Vielzahl an sozialen Einrichtungen, die wir zum Teil vermitteln, um die sich ein Betroffener allerdings selbst bemühen muss.“ 

In der Vergangenheit habe der 40-jährige Tölzer eine Meldeadresse angegeben, demnach galt er laut Gesetz nicht als obdachlos. „Erst nachdem er durch seinen Anwalt glaubhaft versicherte, er sei obdachlos, hatte die Stadt die Möglichkeit, ihm ein Zimmer in einer Obdachlosenunterkunft zuzuweisen. Er suchte die Unterstützung der Wohnungslosenhilfe der Caritas und lehnte das Zimmer aus persönlichen Gründen ab.Ein weiteres Zimmerangebot im Mai blieb bis dato unbeantwortet.“ 

Recherchen unserer Zeitung ergaben allerdings, dass es sich bei diesem Angebot wiederum um ein Zimmer in eben jener Unterkunft handelte, die der Tölzer bereits zuvor abgelehnt hatte, weil es ihm dort nicht gelingen würde, trocken zu bleiben.

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