Johannes Kufner, Chef der Tölzer Polizeiinspektion.
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Johannes Kufner leitet seit Anfang 2020 die Tölzer Polizeiinspektion. Zum Interview kam er in die Redaktion des Tölzer Kurier.

Neue Herausforderungen durch Pandemie

Tölzer Polizeichef zu Corona: 460 Verstöße, aber die Hoffnung auf ein gutes Ende

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    vonVeronika Ahn-Tauchnitz
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Die Corona-Pandemie und die Beschränkungen des öffentlichen Lebens stellten die Polizei vor Herausforderungen. Der Tölzer Polizeichef Johannes Kufner zieht im Gespräch ein Zwischenfazit. Er spricht über neue Freiräume, die Sorgen der Polizei und die Erkenntnis, „dass wir das hinbekommen“.

Bad Tölz – Rückblickend, sagt Johannes Kufner, sei alles bei Weitem nicht so schlimm gekommen wie befürchtet. Das wussten der Leiter der Tölzer Polizeiinspektion und seine Kollegen aber nicht, als Ende März wegen Corona das bayerische Infektionsschutzgesetz in Kraft trat und sich die Polizei plötzlich mit neuen Aufgaben und einer völlig neuen Situation konfrontiert sah. „Es ist uns vermutlich wie vielen gegangen: Wer hat schon Erfahrungen mit einer Pandemie?“, sagt Kufner.

Eine Sorge war, dass die neuen Aufgaben die Inspektion mit einem doch sehr großen Zuständigkeitsbereich zeitlich komplett in Beschlag nehmen würden. Doch als das öffentliche Leben durch die Beschränkungen nahezu zum Erliegen kam, galt das gleichermaßen für kriminelle Aktivitäten. „Es gab kaum noch Ladendiebstähle, kaum noch Aufbrüche. Selbst Betrugsanrufe wurden deutlich weniger gemeldet. Vielleicht war sogar die Gegenseite verunsichert“, sagt Kufner.

Da auch auf den Straßen nur noch wenig los war, mussten die Beamten nur selten zu Verkehrsunfällen ausrücken. Was zudem wegfiel, waren die Verkehrserziehung für Schüler und die personalintensiven Einsätze bei Eishockeyspielen. Dadurch seien neue Freiräume entstanden. „Das einzige, was aus meiner Sicht zugenommen hat, sind Radlunfälle. Und davon hatten wir leider einige sehr schwere“, sagt der 51-Jährige.

Viele Bürger waren verunsichert und fragten in der Inspektion nach

Mit den neuen Aufgaben gab es gleichzeitig – zumindest zeitweise – personelle Verstärkung. „Wir konnten eine eigene Corona-Streife für Handel und Gastro bilden und den Wach- und Streifendienst generell ausbauen“, sagt Kufner. Aber nicht nur draußen – auch in der Inspektion waren die Polizisten plötzlich an einer neuen Front gefordert. Praktisch mit jeder Beschränkung, die erlassen wurde, nahmen die Anrufe in der Inspektion zu. Gerade am Anfang habe es Unschärfen und Unklarheiten in den Regelungen gegeben, die zu Verunsicherung bei den Bürgern führten. „Es ging viel um Verständnisfragen, warum man beispielsweise im ÖPNV eine Maske tragen musste, aber anfangs nicht im Fernverkehr. Oder es ging darum, ob ein Kiosk, der vielleicht eine Zeitung am Tag verkauft und ansonsten vor allem Zigaretten, offen haben darf oder nicht“, sagt Kufner. Hatte die Polizei nicht die Antwort parat, habe man zu den zuständigen Stellen, beispielsweise am Landratsamt vermittelt. Als dann die Ministerien die gängigsten Fragen auf ihren Internetseiten beantworteten, wurde es in der Inspektion ruhiger – zumindest in dieser Hinsicht.

Aufklärungsarbeit an Wanderparkplätzen

Was dann kam, waren die Hinweise auf – oft nur vermeintliche – Verstöße gegen Corona-Auflagen. Dass der Nachbar einfach mal angeschwärzt wurde, das habe es relativ selten gegeben, sagt er Polizeichef. „Viele haben sich über den auswärtigen Ausflugsverkehr beschwert.“ Wobei man den Anrufern auch hier immer wieder habe erklären müssen, dass das Verlassen der eigenen Wohnung per se nicht verboten sei. Spazierengehen, Radfahren, Joggen, Wandern – all das war zu jeder Zeit erlaubt. Trotzdem waren die Beamten auf den Wanderparkplätzen, aber auch auf dem Blomberg oder dem Jochberg unterwegs. „Dort ging es hauptsächlich darum, Aufklärungsarbeit zu leisten, darum, den Leuten zu erklären, dass sie sich aus dem Weg gehen und Abstand halten sollen“, sagt Kufner. Wichtig gewesen sei aber auch, das Übernachten von Wohnmobilisten in der Zeit der Beschränkungen frühzeitig zu unterbinden. „Die Szene ist gut vernetzt.“ Wäre man hier nicht dagegen vorgegangen, hätte sich das herumgesprochen – mit den entsprechenden Folgen.

Ebenfalls kontrolliert wurde, dass sich Einzelhändler und Gastronomen an die Vorgaben hielten. „Glücklicherweise habe ich sehr umgängliche Kollegen, die wissen, wie sie mit den Leuten umgehen müssen“, sagt Kufner, der die Inspektion seit Anfang des Jahres leitet. Für die Gastro sei beispielsweise ein altgedienter Kollege zuständig gewesen, „der nichts mehr hasst als angeschwindelt zu werden. So ein gefaktes Essen to go mit Bierausschank im Hinterzimmer gab es da nicht“, sagt Kufner. Letztlich sei man aber ohnehin meist auf Verständnis gestoßen, „wenn wir erklärt haben, dass es darum geht, Infektionsketten zu vermeiden. Und gerade in der Region gab es ja durchaus hohe Infektionszahlen“.

Knapp 460 Corona-Verstöße im Zuständigkeitsbereich

Ganz ohne Sanktionen ging es aber natürlich auch nicht. Knapp 460 Corona-Verstöße gab es in den vergangenen Monaten im Zuständigkeitsbereich der Inspektion. 180 davon ereigneten sich in Bad Tölz, 80 in Lenggries und 70 in Kochel am See. Die letzten beiden Kommunen seien Ausflugsziele, daher habe es dort eine ganze Reihe von Verstößen gegen Ausgangsbeschränkungen gegeben, erklärt Kufner. Darüber habe mancher Kollege auch den einen oder anderen „altbekannten Problemfall dranbekommen, weil sie sich mit Freunden getroffen haben – trotz des Verbots“, sagt Kufner. „Man trifft sich eben immer zweimal im Leben“, sagt der Inspektionsleiter mit einem Augenzwinkern.

Einige Fälle sind ihm in Erinnerung geblieben. Einmal musste einer Münchner Großfamilie, die schon lange ein Haus im Isarwinkel gemietet hat, dort aber nicht gemeldet ist, erklärt werden, dass sie alle zu ihrem Erstwohnsitz zurückkehren müssen. „So richtig verstanden haben sie das nicht.“ Auch in der Gastro gab es Verstöße. Ein Lenggrieser Betrieb hielt sich trotz mehrmaliger Hinweise nicht an die Auflagen. Es folgten zwei Ordnungswidrigkeitsanzeigen, bis auch dort wieder Ruhe einkehrte. Einmal mussten die Beamten in einem Zug der BOB eingreifen. Ein Fahrgast verweigerte die Kontrolle und brüllte zudem, er sei mit Covid-19 infiziert.

Der Kirchsee als Party-Hotspot ?

Neben diesen realen Fällen gab es aber auch eine Reihe von hartnäckigen Gerüchten. Beispielsweise hieß es, ein Obststandl-Betreiber habe 5000 Euro Strafe zahlen müssen, weil er beim Aufbau des Stands keine Maske aufhatte. Im Fall einer privaten Geburtstagsfeier in einem Gasthaus zur Zeit der strikten Beschränkung war sogar die Rede davon, dass der Gastgeber mit 25 000 Euro zur Kasse gebeten wurde. Gehört hat Kufner beide Gerüchte, keines davon ist wahr. Und Corona-Partys? „Die gab es sicher“, sagt Kufner. „Wir haben aber meistens erst im Nachgang davon gehört.“ Man behalte das Ganze aber auch jetzt im Auge. Beispielsweise gebe es die Befürchtung, dass sich der Kirchsee zum Party-Hotspot entwickle. „Das muss man beobachten.“

Neben allen Aufgaben und Zuständigkeiten forderte Corona die Polizei noch auf einer anderen Ebene. „Hinter jedem Polizisten steckt auch ein Mensch, der Sorge hat, sich anzustecken“, sagt Kufner. Es gab Kollegen, die Angst hatten, sich im Einsatz zu infizieren – zumal anfangs niemand so genau wusste, wie sicher die Schutzausrüstungen sind und wie lange sie reichen würden. Andere hatten die Befürchtung, die Infektion von außen in die Inspektion zu schleppen. Diese Sorge belastete auch Kufner. Wie lange würde die Inspektion im Falle einer Infektion handlungsfähig bleiben? „Das Problem ist, es gibt keinen Plan B. Wenn wir zusperren, wer soll übernehmen?“ Einiges wurde intern umgestellt. „Es gibt nur noch feste Dienstgruppen, die keinen Kontakt zueinander haben. Bei Besprechungen bleibt jeder zweite Stuhl frei.“ Besprechungen wurden auf ein Mindestmaß reduziert.

Die Gefahr, sich im Einsatz anzustecken, wurde am 8. Juli dennoch ganz real. Beamte durchsuchten die Asyl-Unterkunft an der Peter-Freisl-Straße. Am nächsten Tag erhielt einer der Bewohner ein positives Corona-Testergebnis. Insgesamt hatten sich am Ende 26 Menschen aus der Unterkunft angesteckt. Bei den Beamten fielen alle Tests dagegen negativ aus.

Kufner: „Bürger haben sich bislang sehr vernünftig verhalten“

Wie groß ist die Sorge bei Kufner vor einer zweiten Welle, vor neuen Beschränkungen und den damit verbundenen Polizeiaufgaben? „Wir haben ja jetzt zumindest ein paar Erfahrungswerte“, sagt der Tölzer Polizeichef. „Und wir haben gemerkt, dass wir es hinbekommen.“ Beispielsweise habe man sich einen Corona-Ausbruch in einer Gemeinschaftsunterkunft immer als „Worst-Case-Szenario“ vorgestellt. „Wir hätten nicht gedacht, dass wir die Quarantänemaßnahme in der Unterkunft so reibungslos umsetzen können“, sagt Kufner. Aus polizeilicher Sicht gebe es bei einer zweiten Welle wohl weniger Probleme – auch, weil sich die Bürger bislang sehr vernünftig verhalten hätten, sagt er. „Dafür möchte ich auch mal Danke sagen.“ Er verbindet das aber direkt mit dem Appell, nicht zu sorglos zu werden. Die Gefahr sei nicht gebannt, das würden auch die wieder steigenden Infektionszahlen zeigen. Dass es wieder zu Beschränkungen kommen könnte, sieht Kufner durchaus mit gemischten Gefühlen. „Privat“, sagt er, „mache ich mir schon Sorgen, wie belastbar unser Gesellschaftssystem ist.“ Und wenn das bröckle, „dann werden wir polizeilich ganz anders gefordert sein“. Kufner blickt aber nicht nur sorgenvoll in die Zukunft: „Ich habe schon die Hoffnung, dass das Ganze ein gutes Ende nehmen wird.“

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