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Bad Tölz und die Moderne: Architektur-Ausstellung im Stadtmuseum

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„Das Erkennen ihrer besonderen Ästhetik rettet die Bauten“: Ziel erreicht bei der Ausstellung „Die Moderne der Welt zu Gast in Bad Tölz“. Architektur-Historikerin Kaija Voss und Investoren und Vernachlässigung als Achitekturfeinde In schlechter Zeit selbstbewusst in Moderne investiert
„Das Erkennen ihrer besonderen Ästhetik rettet die Bauten“: Ziel erreicht bei der Ausstellung „Die Moderne der Welt zu Gast in Bad Tölz“. Architektur-Historikerin Kaija Voss und Investoren und Vernachlässigung als Achitekturfeinde In schlechter Zeit selbstbewusst in Moderne investiert © graf Jean Molitor. Foto: cs

Eine neue Architektur-Ausstellung im Tölzer Stadtmuseum zeigt, dass due Kurstadt und die Moderne kein absolut kein Widerspruch. Bei der Eröffnung bekam Anton Hoefter viel Lob.

Bad Tölz – Gute Fotografen trauern immer noch der Schwarz-Weiß-Fotografie hinterher. Die Konzentration auf das Wesentliche, das Spiel mit Licht und Schatten, die Eindringlichkeit. Allerdings ist das nichts für Knipser. Da muss sich der Fotograf seine Berufsbezeichnung noch verdienen. Wer’s nicht glaubt, soll bitteschön mal ins Tölzer Stadtmuseum gehen, wo am Freitagabend eine dreimonatige Aufstellung eröffnet wurde: „Die Moderne der Welt zu Gast in Bad Tölz“ heißt sie und behandelt in drei Kapiteln und Räumen im Erdgeschoß Bauhaus-Architektur in Bayern, Europa und in der Welt.

In gut 60 Ländern war der Berliner Fotograf Jean Molitor unterwegs und hat faszinierende Architektur-Aufnahmen der klassischen Moderne zusammengetragen. Allein in Tel Aviv stehen 4000 Bauhaus-Gebäude, eines schöner als das andere. „Ist ihre besondere Ästhetik erst einmal entdeckt, dann sind diese Bauten gerettet“, formulierte Architektur-Historikerin Kaija Voss die zentrale Antriebsfeder und Anspruch der Ausstellung zugleich. Dass dieses Erkennen nötig ist, daran ließen sowohl Voss als auch Molitor wenig Zweifel. Viele der gezeigten Bauten waren und sind in Gefahr abgerissen oder günstigenfalls umgebaut zu werden. „Investoren und Vernachlässigung“ seien die größten Feinde moderner Architektur.

Investoren und Vernachlässigung als Achitekturfeinde

Dafür reicht ein kurzer Rundblick durch den Bürgersaal des Stadtmuseums, wo Bauhaus in Bayern präsentiert wird. Der Verdi-Bau in Kochel sowie das Verstärkeramt aus der Postbauschule sind bereits Geschichte. Molitors brillante Fotografien sind bereits nur noch Nachrufe. Wer nicht soweit gehen will: Der Tölzer Wandelhalle, viel gelobtes Architektur-Beispiel der Moderne (1929/30), droht der Einbau von Wohnungen. Der Park verfällt.

Stichwort Wandelhalle: Anton Hoefter war selbst bei der Vernissage anwesend und durfte – zusammen mit dem Stadtarchiv – viel Lob für die vielen erhalten gebliebenen Pläne, Dokumente und Fotos aus der Bauzeit einstreichen. Sogar die originalen Farbmuster sind erhalten, schwärmte Stadtmuseumsleiterin Elisabeth Hinterstocker. Ihr gelang es, die Wucht der Ausstellungsbilder mit ihrem Detailwissen noch einmal eindrucksvoll zu verstärken.

Wer weiß schon, dass der ebenfalls zu sehende Siegerentwurf für die Wandelhalle von Ernst Moll und Ernst van den Velden, der in einem Architektenwettbewerb mit 109 Bewerbern ermittelt wurde, nicht ansatzweise so wie geplant verwirklicht wurde? Bauherr Anton Höfter organisierte eigens eine Reise zu modernen Bädern, um die Architekten von Notwendigkeiten und Funktionalität zu überzeugen. „Der große Wurf“ entstand laut Hinterstocker erst im engen Zusammenspiel von Bauherr und Baumeistern.

In schlechter Zeit selbstbewusst in Moderne investiert

Noch ein – nie gehörtes – Beispiel: Das beschauliche Tölz sei voll von jungen Architekten gewesen, berichtet Hinterstocker. Schon 1934 hat sie einen – allerdings nicht verwirklichten – Bauantrag für ein Wohnhaus mit Flachdach im Archiv gefunden. Und das tatsächlich gebaute originelle Wetteramt in der Badstraße von 1938 ist eine Mischung aus Heimatschutzstil und Bauhaus. Der Architekt ist mit Franz Albrecht ein gebürtiger Tölzer aus dem Gries. Er verantwortete auch den Blumenpavillon neben der Wandelhalle. Albrecht saß sogar einmal im Tölzer Stadtrat, hat Hinterstocker ermittelt.

Diesem gehört 70 Jahre später Christof Botzenhart an, der dem vermeintlichen Widerspruch Bad Tölz und Moderne nachspürte und, hier ist das Sprichwort durchaus mal angebracht, Bauklötze staunte, wie selbstbewusst Bad Tölz in den wirtschaftlich fatalen 1920er-Jahren in moderne Architektur investierte. Moralt, Bahnhof, Gewerbehalle, Post, Wetterwarte und eben die Wandelhalle listete er auf. Viel zu viele Gebäude stünden im Seidl-Tölz noch im Schatten. Die Ausstellung rücke sie nun ins gebührende Licht. Schon Kaija Voss hatte darauf hingewiesen, dass die Formen der Moderne in den 1920er- und 1930-er-Jahren auch deshalb so erfolgreich waren, „weil sie sich als besonders leistungsfähig erwiesen“.

Botzenhart packte sich als Dritter Bürgermeister auch an die eigene Nase: Optimal wäre es, wenn der Mut und die Aufgeschlossenheit des Bad Tölz vor 100 Jahren „auch uns dazu inspirieren, die Herausforderungen der Stadtentwicklung mit der gleichen Dynamik, Selbstbewusstsein und ästhetischen Offenheit anzupacken“. Dann nämlich schlage die Ausstellung nicht nur die Brücke zwischen Bad Tölz und der Welt, sondern auch zwischen den Zeiten. Zahlreiche Stadträte waren, wie Botzenhart erfreut festgestellt hatte, zur Vernissage gekommen. Hoffentlich haben sie gut hingehört. (Christoph Schnitzer)

Infos zu Ausstellung

Die Ausstellung ist bis 30. Oktober von dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro.

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