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Physiotherapie auf dem Laufband: Wer im Landkreis einen Termin bekommt, kann sich glückli ch schätzen. 

Fehlender Beistand für die Bandscheibe

„Unsere Berufssparte wird aussterben“: Akuter Mangel an Physiotherapeuten im Landkreis 

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Ein frisch operiertes Knie, ein Bandscheibenvorfall, eine steife Schulter – einen Termin beim Physiotherapeuten zu bekommen, wird selbst in dringenden Fällen immer schwieriger: Bis zu sechs Wochen muss man in vielen Praxen im Landkreis auf eine Behandlung warten. Grund ist ein akuter Mangel an Physiotherapeuten.

Bad Tölz-Wolfratshausen Seit knapp zwei Jahren ist Daniela Liebl auf der Suche. Über das Arbeitsamt, Stellenanzeigen, die eigene Homepage, über Facebook, Schulen und den Berufsverband hat sie probiert, eine qualifizierte Vollzeitkraft für ihre physiotherapeutische Gemeinschaftspraxis in Geretsried zu bekommen. Die Resonanz: „Nicht eine einzige Bewerbung“, erklärt Liebl frustriert. Inzwischen sei schon seit einem Jahr eine weitere Stelle vakant. „Wir konnten monatelang keine neuen Patienten annehmen, weil wir einfach keine Kapazitäten hatten.“

Nur jeder Dritte will in dem Beruf bleiben

Wie eine Studie der Hochschule Fresenius ergab, will von knapp 1000 befragten Physiotherapeuten nur jeder Dritte in seinem Beruf weiterarbeiten. Die anderen haben ihn schon aufgegeben oder denken zumindest über einen Wechsel nach. Als Grund gaben die meisten den geringen Verdienst an. Der liegt im südbayerischen Raum – anders als in anderen Bundesländern – mit bis zu 3400 Euro brutto im Monat gar nicht so niedrig, findet Liebl. Entscheidend ist ihrer Meinung nach vielmehr, dass sich immer weniger Schulabsolventen für eine Ausbildung zum Physiotherapeuten entscheiden. Denn diese müssen sie in der Regel selbst bezahlen. Dafür kommen in drei Jahren schnell 10 000 bis 15 000 Euro zusammen. Danach geht es weiter mit den Investitionen: Notwendige Fortbildungen, zum Beispiel in manueller Therapie oder Lymphdrainage, müssen Physiotherapeuten ebenfalls meist selbst finanzieren – und zudem dafür ihren Urlaub opfern. Weil solche Spezialbehandlungen von den Krankenkassen höher honoriert werden, verbessern sie das Gehalt.

Wie viel ein angestellter Physiotherapeut verdient, hängt aber nicht nur von seiner Qualifikation, sondern auch von der Lage, Größe und Ausstattung der Behandlungsräume ab. Der durchschnittliche Bruttolohn in bayerischen Krankengymnastikpraxen betrug 2017 nach Statistiken der Bundesagentur für Arbeit 2200 Euro monatlich. Nur wenige Arbeitgeber können – wie Daniela Liebl – erfahrenen Kräften deutlich mehr anbieten. Einen Tarifvertrag gibt es im ambulanten Bereich nicht.

Auch Frank Foral sucht seit Monaten vergeblich nach einem neuen Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin für seine Geretsrieder Physio-Praxis. „Das Problem hat sich in den letzten fünf Jahren massiv verschärft“, sagt er: „Wenn die Entwicklung so weitergeht, droht in weiteren fünf Jahren der Kollaps.“ Deutlich verbessern könnte sich die Lage seiner Meinung nach, wenn das Arbeitsamt wie bis Ende der 1990er Jahre eine Umschulung zum Physiotherapeuten fördern würde.

Um den Patienten trotz fehlender Fachkräfte überhaupt noch Termine anbieten zu können, sind Überstunden für freiberufliche Therapeuten an der Tagesordnung. Iris Wodera aus Wolfratshausen arbeitet oft bis neun Uhr abends, sagt sie, „und gerne auch am Samstag“. Weil sie ebenfalls keine Nachfolge für eine vor Monaten in Rente gegangene Angestellte findet, muss sie ihre Hausbesuche einschränken: „Wir bekommen dafür kein Kilometergeld, sondern nur eine geringe Pauschale. Deshalb geht das nur noch, wenn jemand in der Nähe der Praxis wohnt oder eine meiner Mitarbeiterinnen auf dem Weg hierher bei ihm vorbeifahren kann.“

Kassen honorieren Leistungen zu gering

„Unsere Leistungen müssen von den Kassen besser honoriert werden“, fordert auch Waltraud Heßlinger vom Zentrum für Rehabilitation in Bad Tölz. Die vorgeschriebenen 15 bis 20 Minuten pro Behandlung seien viel zu kurz: „Das ist Massenabfertigung und kein Dienst am Menschen.“ Zudem würden viele Ärzte nur noch „billige Leistungen“ aufschreiben, da sie selbst budgetiert sind. Kein Wunder, dass unter diesem Druck immer weniger Fachkräfte arbeiten möchten. „Unsere Berufssparte wird bald aussterben“, fürchtet Heßlinger. Gerne würde sie potenziellen Bewerbern mehr Gehalt anbieten, „aber es geht einfach nicht“.

Die Kliniken im Landkreis haben bislang noch weniger Schwierigkeiten, frei werdende Stellen zu besetzen. Doch auch sie bekommen den Therapeutenmangel zu spüren: „Es wird zunehmend schwieriger, gleichwertig qualifizierte Physiotherapeuten für einen nahtlosen Übergang zu finden“, erklärt Alexander Heim. Er ist kaufmännischer Direktor der Fachklinik Bad Heilbrunn, die etwa 30 bis 35 Physiotherapeuten beschäftigt. Längere Vakanzen seien bisher dennoch kaum aufgetreten. Gleiches gilt nach Aussage der Physiotherapie-Abteilung für die Tölzer Asklepios-Klinik.

Ein Argument, das für eine Anstellung im Krankenhaus spricht: Hier sind die Arbeitszeiten geregelt, während sie sich in einer Praxis oft danach richten, wann berufstätige Patienten Feierabend haben. Auch das Gehalt fällt durch die Bezahlung nach dem Tarifvertrag für Kliniken und diverse Zulagen in der Regel üppiger aus: Immerhin rund 3150 Euro beträgt hier der bayerische Durchschnittslohn.

Etwas Hoffnung auf Besserung gibt es allerdings auch für ambulant arbeitende Physiotherapeuten. Nachdem die Berufsverbände jahrelang auf die prekäre Situation hingewiesen hatten, erzielten sie im vergangenen Jahr einen Verhandlungserfolg: Bis 2019 wird die Leistungsvergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen um insgesamt 30 Prozent erhöht. „Das reicht aber immer noch nicht, um auf das Niveau der Kliniken zu kommen“, erklärt Markus Norys, Vorsitzender des Physio-Landesverbands.

Trotz allem lieben die von unserer Zeitung befragten Physiotherapeuten ihren Beruf. „Es ist schön, mit Patienten zu arbeiten und zu sehen, wie es ihnen dadurch besser geht“, sagt Wodera: „Man bekommt so viel zurück.“ Sie alle würden gerne mehr Menschen helfen – wenn sie nur könnten.

cw

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