+
Für den 21-Jährigen war ein Platz in einer Maschine nach Italien gebucht.

Amtsgericht Wolfratshausen

Asylbewerber verletzt sich selbst, um Abschiebung zu verhindern

Ein Asylbewerber versuchte, sich selbst die Brust aufzuschlitzen, um seine Abschiebung zu verhindern. Jetzt stand er vor Gericht.

Bad Tölz-WolfratshausenEin Asylbewerber soll nach Italien abgeschoben werden. Der Versuch scheitert, weil der junge Mann aus Guinea sich im Warteraum am Flughafen selbst verletzt. Als Polizisten ihm das Tatwerkzeug abnehmen wollen, wehrt er sich dagegen. Nun wurde der 21-Jährige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Geldstrafe von 400 Euro verurteilt.

Am 14. Januar war der heute im südlichen Landkreis lebende Flüchtling in den frühen Morgenstunden von seiner damaligen Unterkunft in Geretsried zum Münchner Flughafen transportiert worden. Dort war für ihn ein Platz auf einem Flug nach Neapel reserviert. Weil er auf seiner zweijährigen Flucht zuerst in Italien einen Asylantrag gestellt hatte, sollte er dorthin zurückgeschickt werden.

Kurz vor der Abschiebung geschah die Tat im Warteraum

Im Warteraum habe er plötzlich „sein T-Shirt ausgezogen und versuchte sich mit einem silbernen Gegenstand die Brust aufzuschlitzen“, wie ein Polizist berichtete. Um eine „Selbstverletzung zu vermeiden“ habe er gemeinsam mit einem Kollegen den Mann an beiden Armen gepackt und aufgefordert, den Gegenstand herauszugeben. Weil der Flüchtling sich „passiv sperrte“, sei er „kontrolliert zu Boden gebracht“ worden. Die „Tatwaffe“ entpuppte sich schließlich als „eine Art aufgebogener Schlüsselring“, den er Mann an seiner Jacke hatte, die man ihm unerklärlicher Weise mit in die Zelle gegeben hatte.

In der Verhandlung gab sich der Berufsschüler wortkarg. Auf Fragen des Gerichts, warum er sich gegen die Abschiebung nach Italien gewehrt habe, wo er zweifellos ebenfalls in Sicherheit wäre, antwortete er, er habe dort auf der Straße schlafen müssen, ohne Unterkunft. „Es ging mir da nicht gut.“

„Objektiv gibt es kein Recht für Sie, sich in Deutschland aufzuhalten.“

Richter Urs Wäckerlin folgte in seinem Urteil nicht dem Antrag der Staatsanwältin, die den Angeklagten nach Jugendstrafrecht zu 48 Sozialstunden verurteilt sehen wollte. Seit seiner Flucht führe er ein selbstständiges Leben, er sei nicht mehr in ein familiäres Umfeld eingebettet, sondern lebe wie ein junger Erwachsener. Deshalb verhängte das Gericht eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 10 Euro. „Nach der Dublin-III-Verordnung ist Italien für Ihren Asylantrag zuständig. Deshalb sollten Sie zurecht abgeschoben werden“, macht Wäckerlin dem Angeklagten in seiner Urteilsbegründung deutlich. „Objektiv gibt es kein Recht für Sie, sich in Deutschland aufzuhalten.“

Im Vorfeld hatte der Angeklagte gegenüber der Jugendgerichtshelferin erklärt, mit der Situation am Flughafen überfordert gewesen zu sein, „sein Kopf habe verrückt gespielt“. Auch dazu fand der Richter klare Worte: „Das ist nicht spontan aus dem Ruder gelaufen, sondern war eine gezielte Aktion, um ihren Willen durchzusetzen.“  rst

Lesen Sie auch: 

Mann seit Sturz aus Hütte gelähmt: Jetzt bekommt er Schadenersatz - doch Gericht sieht Mitschuld

Traktorfahrer wirft in Lenggries Böller aus Führerhaus: Detonation führt fast zu Unfall

Gerichtsverhandlung: Sollte der Angeklagte den Beutel Cannabis nur kurz halten?

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Weihnachtlich wird’s: Christkindlmarkt in Bad Tölz eröffnet heuer besonders früh
Ein Bummel über den Christkindlmarkt in Bad Tölz ist bereits in gut einer Woche möglich. Zu den kulinarischen Neuerungen zählen „Handbrot“ und „Gögli“.
Weihnachtlich wird’s: Christkindlmarkt in Bad Tölz eröffnet heuer besonders früh
Darum wird in Bad Tölz gleich zweimal für den Frieden gebetet
Sowohl diesen Donnerstag als auch am Sonntag versammeln sich Gläubige verschiedener Konfessionen in der Marktstraße Bad Tölz und beten für den Frieden.
Darum wird in Bad Tölz gleich zweimal für den Frieden gebetet
Auf den Spuren der Benediktbeurer hoch über Verona
Rund 1000 Jahre ist es her, dass Menschen aus dem Klosterland Benediktbeuern nach Norditalien auswanderten. Ein Vortrag über das Volk der Zimbern stieß jetzt wieder auf …
Auf den Spuren der Benediktbeurer hoch über Verona
Lassus-Chor führt Mozarts Requiem auf: Dirigentin muss als Sängerin einspringen
Ganz hervorragend war die Aufführung von Mozarts Requiem jetzt in der Basilika in Benediktbeuern. Auch wenn die Mitwirkenden von einem Problem überrumpelt wurden.
Lassus-Chor führt Mozarts Requiem auf: Dirigentin muss als Sängerin einspringen

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion