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Aus Bequemlichkeit greifen dann doch noch viele zum Einweg-Kaffeebecher – auch wenn sie es besser wissen. (Symbolfoto)

„Bis auf ein paar Idealisten hat sich nichts geändert“

Plastik macht Probleme: Bewusstsein ist gestiegen, trotzdem hapert‘s an der Umsetzung

„Bis auf ein paar Idealisten hat sich nichts geändert“: So fällt das Zeugnis im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen aus. Das Bewusstsein um die Müllproblematik wissen viele. Trotzdem verzichten viele auf den Plastikverzicht.

Bad Tölz-Wolfratshausen – In der Drogerie gibt es inzwischen Zahnputztabletten und Bambuszahnbürsten zu kaufen, einige Supermärkte bieten Mehrwegnetze für Gemüse an und der eine oder andere Metzger wirbt damit, dass der Kunde seine eigene Dose mitbringen darf. Dass der Plastikmüll in Deutschland dringend reduziert werden muss, scheint dem Gros der Bevölkerung inzwischen bewusst zu sein. Oder nicht? Unsere Zeitung hat sich im Landkreis umgehört.

Als Autorin Bettina Kelm zum Auftakt der Aktion Plastikfasten vor gut drei Jahren einen Vortrag im Zentrum für Umwelt und Kultur hielt, blickte sie in schockierte Gesichter. Sie zeigte Fotos von zugemüllten Meeren und Stränden in Panama. „Das hat mich richtig aufgerüttelt“, berichtet Diana Meßmer von der Kreisgruppe des Bund Naturschutz heute. Sie stellte fest, dass Plastikfasten nicht so einfach möglich ist und schrieb ein Konzept für einen Laden, der ohne Verpackungsmüll auskommt.

„Ois ohne“ hat heuer in Bad Tölz eröffnet und „boomt. Wir haben unseren Finanzplan schon sehr übertroffen“, sagt Meßmer. Dass inzwischen jeder im Landkreis um die Plastikproblematik weiß, würde sie aber so nicht sagen. „Man merkt, dass eine breitere Masse bewusster mit Verpackungen umgeht, das hat zu einem Umdenken von Geschäften geführt“, sagt sie. Als Sozialpädagogin stelle sie aber fest, dass dieses Bewusstsein besonders noch in bildungsfernen Schichten fehlt.

„Es ist etwas im Gange, das reicht aber noch nicht“, sagt auch Kelm. Die Bichlerin beobachte immer wieder an der Eisdiele, dass die Menschen ihr Eis mit dem Plastiklöffel aus beschichteten Bechern essen oder ihren Latte macchiato mit dem Strohhalm trinken. „Solange ich so etwas sehe, ist der Aufklärungsbedarf noch sehr groß“, findet das Mitglied vom Verein One Earth-One Ocean.

Es werde viel diskutiert, bestätigt Rainer Späth, Geschäftsleiter der WGV Quarzbichl. „Es ist aber noch keine Verbesserung erkennbar.“ 2018 wurde im Landkreis die Verpackungstonne eingeführt. Aufgrund der kurzen Zeitspanne kann Späth zwar noch nichts über die Entwicklung der Abfallmenge sagen, er habe aber das Gefühl, dass es an der Umsetzung hapert. Auch bayernweit sei kein Trend erkennbar. „Bis auf ein paar Idealisten hat sich nichts geändert“, so der WGV-Chef.

Eine Woche ohne Plastik: Waldramer berichtet von seinen Erfahrungen

Sabrina Schmid von der Jugendbildungsstätte Königsdorf stellt fest, dass das Thema bei Kindern und Jugendlichen nicht angekommen ist, zumindest nicht genügend. „Wenn wir hier über unser Gelände laufen finden wir täglich die ,Überreste‘ aller möglichen Snacks und Getränke“, berichtet die Pädagogin, die sich auch im Verein Oberland Plastikfrei engagiert. In der Bildungsarbeit würden die Heranwachsenden dies schon verstehen. „Aber wenn es um die Umsetzung geht, scheitert es meines Erachtens an der ,Bequemlichkeit‘, die genauso Erwachsene dazu bringt, wieder einen Coffee-To-Go-Becher zu kaufen oder ihre Kippe in die Wiese zu schnippen“, so Schmid.

Melanie Eben hält viele Workshops im Landkreis. Dabei sei ökologische Dimension den Teilnehmern meist bewusst. „Viele wissen aber nicht um die gesundheitlichen Komponenten, das macht sie betroffen“, sagt die Lenggrieserin. Verschiedene Arten von Kunststoff können gefährlich für den Körper sein. Hier müsse man noch stärker ansetzen.

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Allerdings dürfe nicht alles auf den Endverbraucher abgewälzt werden, betont Eben. „Natürlich ist jeder Einzelne in der Verantwortung, aber die Politik macht noch viel zu wenig.“ Bekanntlich werden Einwegprodukte aus Plastik in der EU verboten. Das sei aber nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein, so die Ökologin und Naturpädagogin. Auch Kelm fordert, nicht nur auf Freiwilligkeit zu setzen. „Es muss Vorschriften geben, wie Kunststoffverpackungen aussehen sollen“, sagt sie. Zudem müsse noch viel mehr im Recyclingbereich passieren. Diana Meßmer: „Gewisse Teile der Bevölkerung können nur durch Verbote bewegt werden, keine Pet-Flaschen oder dreifach verpackten Rucola zu kaufen.“

sw

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