Differenzierte Meinungen zum Wechselunterricht haben die Abiturienten (v. li.) Jakob Neresheimer, Oline Kleinschmidt, Johannes Plischke und Tilo Stange vom Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasium.
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Differenzierte Meinungen zum Wechselunterricht haben die Abiturienten (v. li.) Jakob Neresheimer, Oline Kleinschmidt, Johannes Plischke und Tilo Stange vom Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasium.

Corona-Auswirkungen

Bad Tölz-Wolfratshausen: Die Einführung des Wechselunterrichts sorgt nicht bei allen Abiturienten für Begeisterung

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Mit gemischten Gefühlen geht es für viele Abiturienten allmählich zurück in die Schule. Wechselunterricht ist ab jetzt angesagt. Das löst nicht bei allen Jugendlichen aus dem Landkreis Begeisterung aus. Ein Stimmungsbild:

Bad Tölz-Wolfratshausen – An einigen Schulen ist zumindest wieder ein bisschen Leben eingekehrt – auch wenn sich zum Beispiel in den Weiten des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums in Bad Tölz die rund 50 anwesenden Schüler etwas verlieren. Für die Abiturklassen an Gymnasien und Beruflichen Oberschulen wurde zunächst bis 14. Februar eine Wechselunterrichts-Regelung eingeführt, sprich: Die Schüler sind abwechselnd zu Hause und in der Schule vor Ort. Auf Seiten der Schüler als Hauptbetroffene herrscht darüber allerdings keine ungeteilte Freude. Der Tölzer Kurier holte unter Abschlussschülern am Gabriel-von-Seidl-Gymnasium Bad Tölz, dem Hohenburger St.-Ursula-Gymnasium und der Beruflichen Oberschule Bad Tölz Stimmen ein.

Julia Meder (18) aus Holzkirchen, 12. Klasse St.-Ursula-Gymnasium Hohenburg:

„Natürlich ist es sehr wichtig, in dieser Lage auf die Gesellschaft und die Allgemeinheit Rücksicht zu nehmen. Aber unser Jahrgang ist schon ziemlich benachteiligt, und mit Blick auf die Abiturprüfungen habe ich ein mulmiges Gefühl. Wir haben ja schon das komplette zweite Halbjahr der 11. Klasse verpasst, und in diesem Halbjahr merkt man zum Beispiel in Mathe, dass viele schlechtere Noten schreiben als sonst. Das Homeschooling ist kein gleichwertiger Ersatz, auch weil einige Lehrer vor allem am Anfang nicht so mit der Technik vertraut waren. In der Schule kann man Fragen stellen, und mir fehlt auch die Diskussion mit anderen, gerade in Geschichte oder Sozialkunde. Den Wechselunterricht finde ich sehr anstrengend, wir sind einen Tag zu Hause und einen Tag in der Schule. Besonders gravierend ist, dass keine Schulbusse fahren. Ich kann mit der BOB fahren, aber Mitschülerinnen aus Dietramszell, Kochel oder Königsdorf müssen entweder auf eigene Kosten ein Taxi nehmen oder Busse, die zu völlig unpassenden Zeiten fahren. Wir fühlen uns insgesamt ziemlich allein gelassen.“

Amelie Müller (17) aus Wegscheid, 12. Klasse St.-Ursula-Gymnasium Hohenburg:

„In den Hauptfächern finde ich es auf jeden Fall sehr wichtig, in den Präsenzunterricht zurückzukehren. Gerade bei einem Fach wie Mathe – das kann man sich vielleicht mal einen Monat selbst beibringen, aber dann braucht man einen direkten Ansprechpartner – sonst weiß ich nicht, ob ich das Abitur schaffen würde. Wechselunterricht ist besser als nichts, aber voller Präsenzunterricht wäre besser – zumindest in den Hauptfächern. Im Unterricht in den restlichen Fächern wie Religion, Musik oder Sport sehe ich in der aktuellen Lage keinen Sinn. Das gehört natürlich alles zur Allgemeinbildung, aber in der jetzigen Situation vor dem Abitur ist es verschwendete Zeit. Während des Online-Unterrichts haben die meisten solche Fächer eher vernachlässigt. Ich möchte mich jetzt einfach ganz auf Mathe, Deutsch und meine Naturwissenschaften fürs Abi konzentrieren.“

Lukas Petermeier (20) aus Bad Heilbrunn, 12. Klasse BOS Bad Tölz:

„Prinzipiell ist Wechselunterricht eine gute Sache – wenn man nicht gerade auf eine Prüfung zusteuert. Für uns in der FOS/BOS, die wir eigenständig arbeiten können, war aber der reine Online-Unterricht um Welten besser. Jetzt hat die Hälfte der Klasse, die zu Hause ist, keinen Unterricht, sondern bekommt lediglich Arbeitsaufträge. Sie per Video zum Unterricht vor Ort zuzuschalten, dazu reicht die Internetverbindung an der Schule nicht. Besonders akut ist, dass wir am 10. Februar eine Schulaufgabe haben. Die eine Hälfte von uns ist davor fünf Tage in der Schule, die andere Hälfte nur zwei Tage.“

Yasmin Heimgreiter (17) aus Gaißach, 12. Klasse FOS Bad Tölz:

„Die Rückkehr zum Wechselunterricht finde ich nicht gut. Wir schaffen so nur die Hälfte des Stoffs, weil nur eine Hälfte von uns unterrichtet wird und die andere Hälfte zu Hause sitzt. Betroffen ist aber auch die 11. Klasse. Weil die Lehrer jetzt alle von der Schule aus Videokonferenzen abhalten müssen, reicht die Bandbreite nicht, und die Verbindung ist deutlich schlechter als vorher, als die meisten Lehrer von zu Hause aus online unterrichtet haben. Dadurch geht jetzt viel Zeit verloren. Es überrascht mich auch, dass aktuell Wahlpflichtunterricht stattfindet, in dem die Schüler verschiedener Klassen durchgemischt werden. Ich halte es auch für kein gutes Signal, dass Abschlussschüler der Mittel- und Realschulen nicht gleich behandelt werden wie Abiturienten.“

Simon Roloff (18) aus Bichl, 13. Klasse FOS Bad Tölz:

„Eigentlich finde ich es gut, dass die Schule wieder geöffnet wird, und ich habe mich auf die sozialen Kontakte gefreut. Allerdings fehlt ein gutes Konzept für den Wechselunterricht. Alles kam sehr kurzfristig, wir haben erst am Freitagnachmittag Genaueres erfahren, zum Beispiel zur Einteilung der Einzelnen in Präsenz- und Heimunterricht oder ob wir FFP2-Masken tragen müssen. Das Ergebnis ist jetzt auch, dass wir nur eine statt zwei Wochen Unterricht haben. Der reine Online-Unterricht hatte gut funktioniert, weil unsere Lehrer sehr engagiert waren. Wir hatten normale Unterrichtszeiten und sind mit dem Stoff gut vorangekommen, ich fand es angenehm.“

Oline Kleinschmidt (18) aus Reichersbeuern, 12. Klasse Gymnasium Bad Tölz:

„Ich finde gut, dass wieder Präsenzunterricht stattfindet, aber beim Wechsel zwischen einer Woche Schule und einer Woche zu Hause kommt man etwas aus dem Takt, denke ich. Ich fände es besser, wenn entweder alle zu Hause oder alle in der Schule unterrichtet werden. Andererseits ist es auch ein Vorteil, dass wir jetzt vor Ort in kleineren Gruppen unterrichtet werden. Etwas unglücklich ist nur, dass in einigen Kursen diese Woche nur fünf Schüler im Präsenzunterricht sind und nächste Woche 15.“

Jakob Neresheimer (17) aus Bad Wiessee, 12. Klasse Gymnasium Bad Tölz:

„Ich sehe im Wechselunterricht den besten Kompromiss. Es ist gut, dass wir an der Schule wieder direkter mit den Lehren kommunizieren können. Wäre allerdings wieder die gesamte Klasse an der Schule, dann wäre es schwierig, die Abstände einzuhalten. Obwohl für uns schon etwas Stoff gestrichen wurde, ist die Abiturvorbereitung unter diesen Umständen schwierig. Aber sowohl die Lehrer als auch wir Schüler versuchen alles, um das bestmöglich auszugleichen.“

Johannes Plischke (17) aus Reichersbeuern:

„Der Wechselunterricht ist besser als der pure Unterricht zu Hause. Die Qualität des Präsenzunterrichts ist wesentlich höher, weil der Lehrer den Schülern den Stoff unmittelbarer erklären kann. Dass wir jetzt kleinere Klassenstärken haben, ist ein zusätzlicher Vorteil. Aber wenn ein Lehrer den Online-Unterricht richtig organisiert, funktioniert das auch.“

Tilo Stange (18) aus Bad Tölz, 12. Klasse Gymnasium Bad Tölz:

„Der Wechselunterricht ist die beste Lösung. Um allein daheim zu lernen, dazu fehlt mir oft etwas die Motivation. Wenn man sich richtig zusammenreißen würde, wäre es schon möglich, aber mit der Eigeninitiative habe ich ein bisschen ein Problem. Sorge vor Ansteckung in der Schule habe ich eher nicht. Das Abitur macht mir keine großen Sorgen, weil es einige Sonderregelungen für uns gibt, zum Beispiel die Günstiger-Lösung, die besagt, dass wir auch bessere Noten aus dem vorigen Halbjahr einbringen können.“

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