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Josef Niedermaier (56) ist Landrat, Musikant und Mitglied im Beirat des Musikbunds Ober- und Niederbayern.

Neustart mit kritischen Zwischentönen

Corona-Lockerungen: Endlich darf auch der Landrat wieder zur Klarinette greifen

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Endlich dürfen die Musikanten wieder zu ihren Blasinstrumenten greifen - so auch Landrat Josef Niedermaier. Darüber ist er froh, aber es gibt auch kritische Zwischentöne.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Keine Konzerte, keine Proben: Für viele Laienmusiker bedeutete der Corona-Lockdown den Verzicht auf ein heiß geliebtes Hobby und Ausgleich zum Alltag. Jetzt dürfen wieder Proben stattfinden – wenn auch in eingeschränktem Umfang. Landrat Josef Niedermaier spielt seit 42 Jahren in der Tölzer Stadtkapelle. Endlich darf auch er wieder zur Klarinette greifen.

Herr Niedermaier, wann fand Ihr letztes Konzert statt?

Das war am Ostermontag. Die Josef und Luise Kraft Stiftung hatte an diesem Tag „Mutmach-Konzerte“ vor Seniorenheimen organisiert. Michael Lindmair, Hubert Neumüller und ich, wir haben vor dem „Haus am Park“ in Bad Tölz gespielt. Das war eine tolle Aktion. Ein Fernsehteam war da, und wir waren kurz im „heute journal“ des ZDF zu sehen.

Wie sehr hat Ihnen das Musizieren gefehlt?

Schon sehr. Ich mache das seit weit über 40 Jahren. Das hat mich extrem geprägt und mir immer Spaß gemacht. Ich identifiziere mich über die Musik. Das ist was, was zu mir dazu gehört, und zu vielen anderen auch.

Zusammen zu musizieren, ist das eine, die sozialen Kontakte das andere.

Bei der Stadtkapelle hat es ein paar Videokonferenzen gegeben, damit wir miteinander in Kontakt bleiben.

Hatten Sie dennoch Gelegenheit zu spielen?

Ich spiele zuhause zusammen mit meiner Tochter. Aber es kommt nicht die Begeisterung wie in der Kapelle auf. Ich kompensiere das ein bisschen mit Sport.

Wochenlang gab es in der Corona-Pandemie keine Perspektive für die vielen Laienmusiker in Bayern. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich habe bedauert, dass man in diesem Bereich so spät angefangen hat, sich Gedanken zu machen. Unserem zuständigen Minister Bernd Sibler war vielleicht nicht bewusst, was da dahinter steckt. Möglicherweise war es aber auch Hilflosigkeit. Das soll jetzt kein Vorwurf an die Staatsregierung sein. Denn es gibt bestimmt tausend Sachen, worüber man das gleiche sagen kann. Wir Landräte waren mit allen möglichen Themen bei der Staatsregierung vorstellig. Deshalb habe ich da ein gewisses Verständnis. Allerdings hätte man das Gespräch mit der Kultur suchen müssen. Das hat man nicht getan, und das ist für mich ein Kritikpunkt.

Vor allem für Blasorchester ist die Lage schwierig.

Wir in der Blasmusik sind am beschissensten dran. Es gibt eine Studie der Bundeswehr-Universität München, die deutlich macht, was beim Spielen von Blasinstrumenten passiert. Wenn man eine Probe mit 50 Musikern auf engstem Raum erlaubt und sieht, wie sich die Aerosole verteilen, ist das nicht von schlechten Eltern.

Jetzt gibt es endlich einen Lichtblick: Auch dank des Einsatzes des Musikbunds Ober- und Niederbayern, dürfen wieder Proben stattfinden. Hebt das Ihre Laune?

Das Musizieren in Kleingruppen ist wieder erlaubt. Das ist ein erster Schritt, über den wir heilfroh sind. Aber ich bin skeptisch, wie es weitergehen soll.

Es gibt umfangreiche Auflagen. Machbar aus Ihrer Sicht?

Ich weiß nicht, wie man unter diesem Voraussetzungen ein Blasorchester wieder in einen Proberaum oder auf eine Bühne bringen kann. Die Aerosole verteilen sich mehr oder weniger schnell. Je kleiner die Mensur eines Instruments desto schneller geht’s. Eine Piccolo-Flöte zum Beispiel ist da ganz gefährlich, weil das wie ein Föhn wirkt. Bei einem Bassinstrument mit langem Trichter werden nicht viele Aerosole herauskommen. Da geht es eher um das Kondenswasser, was der Musiker rauslässt.

Sehen Sie überhaupt eine Möglichkeit für Proben des gesamten Orchesters?

So lange das Coronavirus nicht wirkungsvoll bekämpft werden kann, sehe ich rein physikalisch große Schwierigkeiten, wie sich das Umsetzen lassen soll. In der Stadtkapelle wollen wir jetzt stundenweise zehn Leute zusammenholen, damit überhaupt wieder gespielt wird.

Lesen Sie auch: Musik überwindet die Isolation

Unser Landkreis ist geprägt durch die vielen teils hochkarätigen, Blaskapellen und kleineren Ensembles. Wie lange und wie heftig schätzen Sie, werden die Nachwirkungen dieses musikalischen Lockdowns noch zu spüren sein?

Ich befürchte, dass die Auswirkungen von Corona extrem heftig zu spüren sein werden, gerade im Laienbereich. Musik ist ein relativ zeitintensives Hobby, und da muss man auch etwas tun dafür. Ich glaube, dass uns da der ein oder andere im Orchester verloren gehen wird, weil er merkt, dass es auch ohne Musik geht. Die Blasmusik ist vor allem in Bayern eines der größten Kulturgüter, das wir haben. Es muss etwas passieren.

nej

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