Zettel mit Mietwohnungsgesuchen
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Wohnung gesucht: Etwas Bezahlbares zu finden, ist in Bad Tölz schon jetzt sehr schwer. Das könnte sich als indirekte Folge der Corona-Krise noch verschärfen. (Symbolfoto)

Möglich indirekte Krisenfolge

Infiziert Corona auch den Wohnungsmarkt?

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Die angespannte Lage auf dem Mietmarkt könnte sich als Folge der Pandemie und der Lockdowns weiter verschärfen. Das vermuten zumindest Fachleute in Bad Tölz.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Corona-Krise, der Lockdown im Frühjahr und das jetzige erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens haben vielerlei wirtschaftliche und soziale Folgen. Gehört dazu auch eine Verschärfung der Lage auf dem Wohnungsmarkt? Aufhorchen ließen in dieser Hinsicht jüngst Äußerungen des Tölzer Stadtkämmerers Hermann Forster.

Als er kürzlich im Finanzausschuss über die Auswirkungen der Pandemie auf die städtischen Finanzen referierte, kam er auch auf die Situation bei den kommunalen Mietwohnungen zu sprechen. In dieser Hinsicht spare sich die Stadt heuer etwas Geld, weil weniger Mieter auszögen – ein Anlass, bei dem dann in aller Regel eine Renovierung ansteht. Auf Rückfrage präzisiert Forster, dass heuer aus den über 300 Wohnungen, die der Stadt Bad Tölz gehören, lediglich acht Parteien ausgezogen seien. Und was hat das mit Corona zu tun? „Es könnte sein, dass man in einer Krisenzeit wie dieser lieber bleibt, wo man ist, und nichts Neues riskiert“, meint Forster.

Wo krisenbedingt das Einkommen sinkt, kann am Ende die Räumungklage stehen

Die mangelnde Umzugsbereitschaft hat aber wohl noch andere Gründe. Denn auch in den Vorjahren hätten lediglich je neun Mieter ihre städtische Wohnung aufgegeben, sagt der Kämmerer. „2015 waren es hingegen noch 25.“ Die „Stagnation“, so Forster, liegt wohl in erster Linie daran, dass Menschen so günstige Mietwohnungen nicht aufgeben wollen.

Auch bei einem anderem Thema sei es letztlich „Spekulation“, wie sich Corona auswirkt, gesteht der Kämmerer. Für durchaus möglich hält er es aber, dass sich das Problem der Obdachlosigkeit verschärfen könnte. Dort, wo sich das Einkommen der Menschen krisenbedingt verschlechtert oder sie arbeitslos werden, könne es häufiger passieren, dass die Miete nicht mehr gezahlt werden kann – und am Ende die Räumungsklage stehe. Weil in diesem Fall die Heimat-Kommune des Betroffenen für die Unterbringung zuständig ist, hat die Stadt Tölz nun fünf statt wie geplant drei „Mobile Homes“ an der Kohlstatt bezugsfertig gemacht. Sie sollen als Notunterkünfte für Familien dienen. „Aber auch durch den Brand am Lettenholz haben wir gemerkt, wie akut der Bedarf plötzlich sein kann“, sagt Forster.

Barbara Stärz von der Wohnungslosenhilfe der Caritas in Bad Tölz.

Dass Corona unmittelbar und sofort die Obdachlosigkeit steigen lässt: „Diese Aussage wäre zu plakativ“, meint Barbara Stärz von der Wohnungslosenhilfe der Caritas in Bad Tölz. Doch dass die Folgen früher oder später auch in diesem Bereich ankommen, das sei schon zu vermuten. Der Weg sei dabei ein eher indirekter. „Wir gehen davon aus, dass sich die Problemlagen in all unseren sozialen Diensten verschärfen“, sagt Stärz. Verschlechtere sich coronabedingt die Finanzlage von Menschen, schlage das wohl als erstes bei der Schuldnerberatung auf – und dann, wenn auch Mietschulden auflaufen und es Räumungsklagen gibt, bei der Wohnungslosenhilfe. „Es kann auch sein, dass verstärkt Eigentümer gezwungen sind, ihre Wohnungen zu verkaufen oder Eigenbedarf anzumelden“, sagt Stärz.

Corona und Lockdowns verstärken viele vorhandene Probleme

Die Erfahrung zeige aber auch, dass es oft noch andere als finanzielle Gründe sind, die zum Ende von Mietverhältnissen führen. „Zum Beispiel, dass der Mieter psychisch krank ist und so auffällig wird, dass es die Nachbarschaft stark belastet.“

Auch Trennungen oder eskalierende Konflikte zwischen Mieter und Vermieter seien bisweilen der Ausgangspunkt für den Wohnungsverlust. Corona und Lockdowns bergen aus Stärz’ Sicht die Gefahr, dass sich vielerlei vorhandene Probleme verstärken: Depressionen, Aggressionen, Alkoholmissbrauch bis hin zu häuslicher Gewalt – eventuell mit entsprechenden Sekundärfolgen auf die Wohnungssituation.

Leicht sei die Lage für niemanden, so Stärz. „Aber Menschen, die Rücklagen haben, ein Haus mit Garten und ein stabiles familiäres Umfeld, kommen besser durch die Krise als die, die ohnehin Depressionen haben, in einem Mini-Appartment wohnen und in prekären Arbeitsverhältnissen sind.“ Da sich bei all dem die schwierige Lage auf dem Mietmarkt natürlich nicht verbessere, stellt sich Barbara Stärz auf mehr Arbeit für die Caritas ein – auch in der Wohnungslosenhilfe.

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