Für Rollstuhlfahrer unüberwindlich ist der Spalt zwischen Bahnsteig und den neuen Lint-Zügen.
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Für Rollstuhlfahrer unüberwindlich ist der Spalt zwischen Bahnsteig und den neuen Lint-Zügen.

Gruppierung um Behinderten-Beauftragten Seifert startet Umfrage

Bad Tölz-Wolfratshausen: Lint-Kritiker lassen nicht locker - Umfrage zur Barrierefreiheit

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Die Kritik an den Lint-Zügen der Bayerischen Regionalbahn ist immer noch nicht abgeflacht. Die Gruppierung um den Landkreis-Behindertenbeauftragten Ralph Seifert startet nun eine weitere Initiative, um auf die Relevanz der Barrierefreiheit hinzuweisen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Um die Diskussion über mangelnde Barrierefreiheit bei den neuen Lint-Zügen der Bayerischen Regiobahn (BRB) ist es zuletzt still geworden. Doch die Vertreter von Menschen mit Behinderung, die zu dem Thema Kritik geübt und auch eine Demonstration veranstaltet hatten, wollen das Thema nicht einfach zu den Akten legen. Sie haben nun eine Umfrage initiiert, um abzufragen, wie die Fahrgäste die neuen Züge bewerten.

Lint-Züge: Kritik wegen großem Spalt zwischen Bahnsteig und Zug - BRB reagierte mit mobilen Rampen

Die Lint-Züge ersetzten auf den Strecken im Oberland vergangenes Jahr die alten Modelle Integral und Talent. Wie berichtet wurde in mehrfacher Hinsicht Kritik laut. In erster Linie bemängelten Fahrgäste mit Handicap den großen Spalt zwischen Bahnsteig und Zug – mit dem Rollstuhl unüberwindbar. Die BRB reagierte mit der Nachrüstung der Züge durch mobile Rampen, die bei Bedarf durch Begleitpersonen oder auch andere Fahrgäste ausgelegt werden können.

Das stellte die Kritiker aber nur bedingt zufrieden. Sie bemängeln zudem, dass im Inneren der Züge die Übergänge zwischen den leicht höhenversetzten Ebenen für Rollstuhlfahrer zu steil seien, dass es an den Toilettentüren eine zu hohe Schwelle gebe und der Rollstuhlfahrerbereich direkt neben den Toiletten liege. Die BRB hatte immer darauf verwiesen, dass die Züge der Norm „TSI PRM“ entsprächen und in dieser Form zugelassen seien.

Lint-Züge: Auch Kritik von Anwohnern wegen Lärmbelästigung

Außerdem hatten Anwohner der BRB-Strecken, vor allem aus dem Raum Tegernsee, eine hohe Lärmbelästigung durch die Züge beklagt. Auf Einladung von Landtagspräsidentin Ilse Aigner kamen alle Parteien bislang zweimal an einem Runden Tisch zusammen – ohne abschließende Einigung.

Ralph Seifert, Behindertenbeauftragter des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen, wartet bis heute darauf, dass dieses Gesprächsformat fortgesetzt wird. „Es hieß eigentlich, dass es einen weiteren Termin im Mai geben sollte, aber bisher habe ich nichts gehört“, sagt er. Wenn man sich das nächste Mal – per Videokonferenz oder persönlich – zusammensetzt, will der Benediktbeurer jedenfalls mit Zahlen gerüstet sein. Zu diesem Zweck haben er und seine Mitstreiter – unter anderem der Inklusionsbotschafter Markus Ertl aus Lenggries – die Umfrage auf den Weg gebracht.

Die Initiatoren haben dazu einen Fragebogen entworfen. Die Nutzer der BRB sollen bewerten, ob sie die Lint-Züge im Vergleich zu den alten Zügen unter verschiedenen Aspekten besser, gleich, schlechter oder inakzeptabel finden. Abgefragt werden zum Beispiel die Kriterien „Ein- und Ausstieg für Rollator- oder Rollstuhlfahrer, Blinde und Sehbehinderte, Menschen mit Gehbehinderung“, „Barrierefreiheit innerhalb des Zuges“, „Lärmemission“, aber auch ganz allgemein „Pünktlichkeit“, „Klimatisierung und Heizung“ sowie „Komfort und Sauberkeit“. Die Initiatoren wünschen sich, dass ein bunter Querschnitt an Fahrgästen – ob mit oder ohne Handicap – den Bogen ausfüllt.

Gruppierung um Behindertenbeauftragten Ralph Seifert startet nun Umfrage

Um das Formular unter die Menschen zu bringen, setzt die Gruppierung vor allem aufs Internet. Die Zettel im Zug oder am Bahnsteig zu verteilen, das hielte Seifert in Pandemie-Zeiten für „nicht zielführend“. Die Initiatoren haben den Bogen stattdessen auf diversen Internetseiten veröffentlicht, stellen ihn zum Herunterladen zur Verfügung und haben ihn auch an die Bürgermeister der BRB-Anrainergemeinden geschickt, mit der Bitte, ihn den Bürgern zugänglich zu machen.

Seifert gibt sich keinen Illusionen hin: Was die im Einsatz befindlichen Lint-Züge betrifft, „ist das Kind in den Brunnen gefallen“. Da werde sich in Sachen Barrierefreiheit nichts mehr machen lassen. Seifert sieht sich allerdings in seinen Befürchtungen bestätigt: Erst dieser Tage habe ihm ein Rollstuhlfahrer berichtet, wie er am Tölzer Bahnhof bangen musste, nicht in den Zug einsteigen zu können. Schließlich habe sich im letzten Moment doch noch ein anderer Fahrgast gefunden, der ihm die Rampe auslegte. Ein Zugbegleiter sei weit und breit nicht zu sehen gewesen.

Seifert bleibt dabei: Die Vorgabe des Gleichstellungsgesetzes, dass es jedem Menschen möglich sein muss, ohne fremde Hilfe in ein öffentliches Verkehrsmittel einzusteigen, sei hier einfach nicht erfüllt. „Jetzt wollen wir ein Zeichen setzen, damit bei künftigen Beschaffungen die Belange der Betroffenen besser berücksichtigt werden.“ Darauf will die Gruppierung nun sogar auf EU-Ebene hinweisen.

Die Umfrage

kann unter folgenden Links im Internet ausgefüllt werden. Standardversion: https://bit.ly/3tXIbEh
Barrierefrei in leichter Sprache: https://bit.ly/31mQWLy

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