Begeisterung im Publikum: Die Zuhörer ließen sich von den „Bavarian Beats“ im Kurhaus mitreißen. Allerdings hätte der Kartenverkauf besser laufen können.

Bavarian Beats Festival

Von Bayern ins Nirwana und zurück

Der Kartenverkauf für das Bavarian Beats Festival war eher schleppend gelaufen. Doch die Besucher, die sich für ein Ticket entschieden hatten, erlebten zwei grandiose Abende im Tölzer Kurhaus. Von melodischem Singer/Songwriter-Pop über psychedelisch anmutende Blasmusik bis hin zu Balkan-Beats war alles dabei. Stets im Mittelpunkt stand dabei die Mundart.

Bad Tölz„Ich dachte eigentlich, dass sich das Festival schon etabliert hat“, sagte Florian Rein kurz vor dem ersten Konzert am Freitagabend. Bei der Premiere im vergangenen Jahr war der bestuhlte Kursaal noch ausverkauft gewesen. Doch für die zweite Auflage des Festivals am Wochenende waren relativ wenige Tickets über die Theke gegangen. Zu wenige? „Momentan sieht es so aus, als müsste ich draufzahlen“, so der Veranstalter. „Ob ich das im nächsten Jahr wiederhole, weiß ich noch nicht.“

Schlagzeuger Rein, der mit Bands wie den „Bananafishbones“ und „Dreiviertelblut“ Erfolge feiert, sagte: „Bands wie Kofelgschroa, die haben eigentlich schon Zugkraft. Wenn die in Oberammergau spielen, dann stehen da 4000 Leute.“ Zu wenig Werbung, der Beginn der Osterferien oder die Auswahl der Bands: Woran es in diesem Jahr haperte, vermochte er nicht zu sagen.

Otto Schellinger: Überraschend vielfältig

Mit einem hohen Bekanntheitsgrad konnte zumindest der Singer/Songwriter Otto Schellinger, der das Festival eröffnete, nicht aufwarten. Zuvor kannten ihn wohl nur wenige der Besucher. Für viele aber entpuppte er sich als musikalische Neuentdeckung. Festival-Besucherin Petra Frohnauer, die mit ihren Freundinnen vor allem wegen des Hauptacts des Abends, „Kofelgschroa“, gekommen war, war von dem humorvollen Liederschreiber restlos begeistert. „Der hätte ruhig noch ein paar mehr Songs spielen können, der hatte auch so viele tolle Sachen zu erzählen“, so die einhellige Meinung der Frauen. Sie befanden: „Otto Schellinger war überraschend vielfältig und mit seinem tollen Schlagzeuger einzigartig vom Rhythmus.“

Tatsächlich: Von Pop über Groove bis zu Techniken der Flamenco-Gitarre beim „Straßenmusik-Tango“: Schellinger und der Schlagzeuger Chris Stöger, der sonst bei der Chiemgauer Band Keller Steff trommelt, zeigten in nur vier Songs, welche Vielfalt in ihnen steckt.

Gudrun Mittermeier: Gänsehaut-Sound zum Wohlfühlen

Mit Gänsehaut-Sound zum Wohlfühlen wartete im Anschluss Gudrun Mittermeier auf. Der Song „Ma Herz soi watn“ klingt nach Popgrößen wie der norddeutschen Band „Wir sind Helden“ – nur eben auf Bairisch.

Ihre melancholischen Lieder sind atmosphärisch und klar, wie eine Reise durch Berge und an glasklaren bayrischen Flüssen entlang. In ihrer Muttersprache Bairisch zu singen, ist ganz neu für die Sängerin. Nachdem Mittermeier etliche Alben mit englischen Songtexten produziert hatte, schrieb sie das letzte Album in nur drei Wochen ins Bairische um.

„Vor vier Jahren, als ich hier war, war noch alles Englisch, und es macht mir jetzt richtig Spaß, in meiner Heimatsprache zu singen“, erzählte sie dem Publikum ergriffen. „Unglaublich, jetzt habe ich ein ganzes Album auf Bairisch.“

Kofelgschroa: Die Stars des Abends

Nach einer Pause kam der Headliner des Abends. Ein nüchternes „Grias Gott“ – dann legten „Kofelgschroa“ los. Die vier Oberammergauer waren mit ihren Mantra-artigen Texten, mal gesungen, mal gesprochen, und ihrem raumfüllenden Klang definitiv die Stars des Abends.

Johanna Lehmer und ihr Freund waren vor allem wegen „Kofelgschroa“ aus Penzberg gekommen – und der Ausflug lohnte sich aus ihrer Sicht. Das Resümee des Paars: „Sie waren voll geil heut’.“ Die 22-Jährige hatte die Band schon etliche Male live gesehen und findet Musik und Verse einfach toll: „Die Texte sind so cool, obwohl sie zum Teil einfach so einen Schmarrn singen. Denen ist es wurscht, wie das Publikum ist, die machen einfach ihr Ding.“

Wenn „Kofelgschroa“ auf der Bühne stehen, wirken sie tatsächlich wie von einem anderen Stern. Ihre nüchternen, emotionsarmen Ansagen zwischen den einzelnen Stücken stehen im krassen Gegensatz zu den starken Klangfarben, die diese jungen Männer mit allerlei Blasinstrumenten, Gitarre und Akkordeon erzeugen. Aus diesem Kontrast entsteht auf der Bühne eine Slapstick-artige Komik.

Der Sound des neuen Albums „Baaz“ erinnert an eine Mischung aus psychedelischem Rock der 1960er-Jahre, gepaart mit leisen Metaphern über die Zwänge der automatisierten Gesellschaft („Die Loopmaschine“) und Liebesliedern („Bladl“).

Und: „Ja, im echten Leben sind die wirklich so“, wie Veranstalter Florian Rein zu berichten wusste. „Die waren heute sogar richtig redselig, ich hab die schon mal eineinhalb Stunden spielen gesehen, da haben die nicht ein Wort gesagt.“

Und trotz der dadaistischen Wiederholungen und der psychedelischen Klänge holte „Kofelgschroa“ das Publikum am Ende durch die Blasmusik-Besetzung aus dem Nirwana auch wieder zurück ins schöne Bayern.

JanaJa: Eine ganz heiße Neuentdeckung

Nach dem weniger gut besuchten ersten Abend des Bavarian Beat Festivals wirkte das Kurhaus am Samstag durchaus voll. Im Publikum fanden sich alle Generationen: Tobende Kinder, bärtige junge Männer und tanzende Rentnerinnen. Ebenso durchmischt war die Musik: bayerischer Rock, Balkan-Beats und Quetschn-Pop.

Als „ganz heiße Neuentdeckung“ präsentierte Florian Rein die Festival-Eröffner des zweiten Abends „JanaJa“ aus dem Bayerischen Wald. Auf die Bühne kamen drei echte Powerfrauen und ein Schlagzeuger: „Der Simon hat koa Mikro, der hot aba eh nix zum sogn“, erklärte Frontsängerin Christina Stimpel dem Publikum und erntete damit viel Gelächter.

Ein wenig holprig kam der erste Song noch daher, aber spätestens nach dem zweiten Lied hatte sich die Band eingegroovt – und nahm das Publikum dabei gleich mit: Die ewige Herausforderung einer Vorband, nämlich das Publikum aufzulockern und aufzuwärmen, meisterten „JanaJa“ mit Bravour.

Auf Bairisch, Englisch und Französisch sangen und spielten in der Gruppe aus Viechtach außerdem die Schwestern Brigitte und Susanne Meyer. Ihre vielfältigen Songs schreibt die Band zusammen und unterlegt sie auch mal mit einem Klavierstück von Chopin. „Wer das Stück errät, bekommt nachher unsere CD geschenkt“, versprach Stimpel.

Die jungen Frauen nennen ihren Stil „Bayern-Pop-Rock“, doch sind durchaus auch Ska- und Rap-Elemente in ihrer Power-Musik zu finden. Zum Ende ihres Auftritts wandten sie sich ans Publikum: „Danke, dass ihr da seid und uns unterstützt, obwohl uns niemand kennt.“

Donnerbalkan: Zehn Musiker machen Stimmung

Die Mitglieder von „Donnerbalkan“ müssen das nicht mehr fürchten. Seit sechs Jahren spielen die Sängerinnen und Sänger, Posaunistinnen, Trompeter, der Percussionist, ein Schlagzeuger und ein Tubaspieler zusammen. Inzwischen haben die zehn jungen Leute zahlreiche Auftritte absolviert und sich im Genre „Balkan Beats“ in München und Umgebung einen Namen gemacht.

Die Zuhörer Christiane und Bernd aus Bad Tölz wollten „Donnerbalkan“ unbedingt mal sehen, nachdem sie mit Bekannten über das vergleichsweise junge Genre gesprochen hatten. „Die waren richtig gut“, lobte Bernd (62) nach dem Auftritt. „Aber ich muss auch die erste Band hervorheben. Die drei Frauen von ,Najana‘ haben mir richtig gut gefallen.“ Einen großen Dank sandten die beiden an den Veranstalter. Das Festival habe ein „super Konzept“.

Aus München war Nadine Erhorn mit ihrem Mann und zwei Freunden angereist. Die 32-Jährige erfuhr über die Internet-Seite der oberösterreichischen Band „Folkshilfe“ von dem Festival und fand es „eine tolle Sache.“ Für das Festival buchten die Münchner sogar eine Übernachtung in einem Tölzer Hotel. „,Folkshilfe‘ kannten wir, die machen gscheid Stimmung,“ sagte Erhorn.

Folkshilfe: Der heimliche Favorit des Abends

Und das stimmt: Das fetzige Trio aus Linz war der heimliche Favorit des Abends. Etliche Festival-Besucher konnten ihre Songs mitsingen. Auch unter den anderen Künstlern des Abends stießen Flo Ritt, Paul Slaviczek und Gabriel Haider auf Fans. Die „Donnerbalkan“-Crew und „Najana“ mischten sich unters Festival-Volk und tanzen ausgelassen mit.

So gelangten die Musiker zu dem Schluss, das Tölzer Publikum sei „saugeil“, und es sei ein Privileg, hier zu spielen. „Wir reißen uns den Arsch auf fürs Live-Spiel,“ erklärte Ritt völlig durchgeschwitzt nach dem Auftritt.

In ihren Liedern sangen „Folkshilfe“ mit charmantem österreichischen Dialekt und mischten Ska, Reggae, Dancehall und Pop. „Quetschn-Pop mit Synthesizer“, fasste Ritt zusammen. „Den Spagat zwischen Folkmusik und Volksmusik“, so Ritt, schafften die Burschen und übten auf der Bühne auch ab und zu Sozialkritik. So erklärten sie zum Liebeslied „Karl und Resi“, dass es eigentlich egal sei „ob des jetzt Karl und Karl, oder Resi und Resi san. Jeder soi schmusn, mit wem a wui.“

Monobo Son: Barfuß in die Menge

Nachdem bei „Folkshilfe“ die Menge gekocht hatte und einige Besucher schon etwas erschöpft waren, hatte es „Monobo Son“ anfangs etwas schwer. Die letzte Band des Abends begeisterte das Publikum aber gekonnt durch einen kleinen Trick: Barfuß sprangen die Musiker von der Bühne und spielten inmitten der Menge „unplugged“, also rein akustisch. Begeistert umringte das Publikum „Monobo Son“ und war daraufhin wieder voll motiviert zu tanzen und mitzusingen.

„Wenn man von der Bühne runtergeht, springt einfach ein Funke über. Danach passiert was mit den Leuten, wenn man wieder raufgeht,“ sagte Sänger Manuel Winbeck. Mit ihrem Mix aus „Jazz, Weltmusik und Rock’n Roll“ waren „Monobo Son“ schließlich der krönende Abschluss eines großartigen Musik-Wochenendes

Nora Linnerud

Bavarian Beats: Die Mundart steht im Mittelpunkt

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