Der Tölzer Knabenchor beim Nikolaus-Konzert 2016 im Tölzer Kurhaus mit den beiden Künstlerischen Leitern Clemens Haudum (vo. li.) und Christian Fliegner (vo., 2. v. li.).
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Der Tölzer Knabenchor beim Nikolaus-Konzert 2016 im Tölzer Kurhaus mit den beiden Künstlerischen Leitern Clemens Haudum (vo. li.) und Christian Fliegner (vo., 2. v. li.).

Serie „Wie geht‘s?“

Leiter des Tölzer Knabenchors: „Begeisterung der Jungs macht uns Mut“

In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona-Zeiten erleben. Heute: Die Leiter des Tölzer Knabenchors.

Bad Tölz/München – Da das Singen wegen der dadurch verbreiteten Aerosole als besonders gefährlich gilt, kann auch die Arbeit des Tölzer Knabenchors in der Pandemie nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden. Das Leitungsteam des Chores, Christian Fliegner und Clemens Haudum als die Künstlerischen Leiter sowie Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden tut sein Bestes, um Proben und Konzerte stattfinden zu lassen, soweit es irgend möglich ist.

Was hat Sie zu der kürzlich stattgefundenen Netz-Aktion „KulturGutKnabenchor“ veranlasst?

Christian Fliegner: Der Anlass war ein Aktionstag zur Gewinnung von Nachwuchs. Da wir dieses Jahr nicht wie gewohnt in Schulen werben konnten, sind die Neuanmeldungen eingebrochen. Deshalb wollten wir durch den Aktionstag Interesse wecken. Denn wir sehen in der täglichen Arbeit mit den Kindern, wie viel Freude es ihnen macht, in einem Knabenchor zu singen. Das wollen wir fördern. Die Reaktionen auf die Aktion waren übrigens sehr vielversprechend. Es gab viele Klicks, Likes und Zuspruch in den Sozialen Medien. Einige neue Nachwuchssänger haben wir so auch bekommen, aber es sind deutlich weniger als üblich.

Wie läuft die Rekrutierung des Nachwuchses denn ansonsten ab?

Clemens Haudum: Üblicherweise nehmen wir mit den Kindern in den Schulklassen direkt Kontakt auf. Wir besuchen jedes Jahr über hundert Schulen in und um München und starten dann mit 60 bis 80 Neulingen. Derzeit dürfen wir das leider nicht, darum beschränkt sich das erste Chor-Jahr bisher auf 22 sehr begabte Knaben. Aber wir hoffen, durch Aktionen wie beispielsweise unseren Flashmob und Online-Castings weitere Kinder gewinnen zu können. Wir sind zuversichtlich, dass im Frühjahr noch ein Schwung dazukommt. Gesungen wird ja immer!

Wie schaut die Probenarbeit mit den Knaben aktuell aus?

Fliegner: Wir üben Gott sei Dank fast wieder wie vor der Pandemie, allerdings mit großen Abständen von zwei Metern und in kleinen Gruppen, was für den Chorklang kontraproduktiv ist.
Haudum: Singen ist Kommunikation und schult das Hören aufeinander, auch im Alltag, und das gestaltet sich unter den momentanen Bedingungen eben schwierig.

Wie haben die Kinder die Situation bisher denn verkraftet?

Haudum: Es ist bewundernswert, mit welcher Geduld und Energie unsere Jungs trotz allem noch weiter lernen und üben wollen. Man merkt schon bei Kindern und Jugendlichen, dass die Freude am Musikmachen und die Lust am Zusammensingen wesentliche Faktoren sind, in einen professionellen Chor wie den Tölzer Knabenchor zu kommen.
Fliegner: Auch wenn ein Knabenleben oft nur wenige Jahre dauert und die Hoffnung auf Konzerte gerade verschwindend klein ist, bringen die Jungs eine Begeisterung mit, die es auch uns Chorleitern leichter macht, sich in der momentanen Lage nicht entmutigen zu lassen.

Gab es Eltern, die aus Angst vor der besonderen Gefahr beim Singen ihren Söhnen die weitere Mitwirkung untersagt haben?

Barbara Schmidt-Gaden: Nein, im Gegenteil! Aufgrund des guten Hygienekonzepts und des Vertrauens der zirka 170 Eltern in uns gab es dieses Thema nicht.

Wie viele der für 2020 geplanten Konzerte mussten abgesagt werden? Und um welche Absage hat es Ihnen besonders leid getan?

Schmidt-Gaden: Seit dem ersten Lockdown konnten bisher nur 35 Konzerte stattfinden. Das heißt, dass 40 Prozent aller Auftritte ausfallen mussten. Außerordentlich bedauert haben wir die Absage unseres Debüts in der Hamburger Elbphilharmonie, das Ende März hätte stattfinden sollen, ebenso die der 8. Sinfonie Gustav Mahlers mit Petrenko in der Staatsoper München. Nicht weniger leid getan hat es uns um Jörg Widmanns Oratorium „Arche“ mit den Münchner Philharmonikern sowie ein Konzert beim Carinthischen Sommer in Villach Mitte Juli.

Wie lässt sich der Ausfall wirtschaftlich stemmen? Und welche Unterstützung gab es für den Knabenchor?

Schmidt-Gaden: Die Ausbildungsbeiträge der Eltern liefen weiter; außerdem haben wir die Soforthilfe der Regierung in Anspruch genommen. Auch der übliche Zuschuss in Höhe von acht Prozent unseres Gesamtetats vom Freistaat sowie sieben Prozent von der Stadt Tölz ging ein. Außerdem bekamen wir Spenden von großzügigen Förderern.

Wird unser Kulturleben den Stand vor der Pandemie überhaupt wieder erreichen können?

Haudum: Hoffentlich ja! Leider ist es nicht abzuschätzen, da es so etwas noch nie zuvor gab.

Haben Sie erwogen, aufgrund der Krise der Kultur den Rücken zu kehren?

Schmidt-Gaden: Nicht aufgrund der Krise, aber aufgrund der ungleichen Behandlung der Kultur im Allgemeinen.

Und Ihre Antwort auf die Ausgangsfrage: Wie geht’s?

Schmidt-Gaden: Den Umständen entsprechend gut. Wir arrangieren uns mit der Situation, bleiben dem Singen und der Musik treu und blicken mit Hoffnung in die Zukunft. (Interview: Sabine Näher)

Wegen des verlängerten Lockdowns und dem Wegfall von zahlreichen Konzerten in der Vorweihnachtszeit ist der Chor derzeit wieder digital verstärkt präsent. Die jüngste Idee ist ein „digitaler Adventskranz“ jede Woche im Internet. Hier gibt es Einblicke ins Chorleben, von den Proben sowie kleine Videos von den jungen Sängern, aber auch von den Eltern zu sehen. Es gibt auch Weihnachtslieder zu hören. Abrufbar ist der „digitale Adventskranz“ auf der Facebook-Seite und im YouTube-Kanal des Chores. Eltern, die Interesse haben, ihren Sohn im Chor anzumelden, können sich im Internet auf www.toelzerknabenchor.de über alles informieren. (müh)

In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona-Zeiten erleben.

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