Auf der B 13

Unfall bei Reichersbeuern: Gaffer zücken die Handys

Der unterfränkische Feuerwehrmann Rudi H. sorgte für Furore, als er auf der A 3 Gaffer mit Wasser bespritzte. Die Unsitte, dass Passanten mit ihrer Neugier an Unfallstellen den Verkehr und die Rettungsdienste behindern, ist auch im Landkreis verbreitet – wie ein Vorfall aus Reichersbeuern zeigt.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Erst bemerkt es Melanie D’Aurea gar nicht. Zu konzentriert ist sie auf den jungen Mann mit dem gebrochenen Helm, der immer wieder in Ohnmacht fällt. „Doch dann fiel mir ein Vorbeifahrender auf, weil der extra das Licht seiner Handykamera eingeschaltet hatte“, erinnert sie sich. Der Mann filmte den Unfall mit seiner Handykamera.

An besagtem Freitagabend vor gut zweieinhalb Wochen hatte ein Münchner (46) mit seinem Auto einen Asylbewerber erfasst, der gegen 21.30 Uhr aus Bad Tölz in Richtung Kranzer radelte. Der 22-Jährige war unvermittelt nach links abgebogen, so dass der Audi hinter ihm nicht mehr abbremsen konnte. D’Aurea fuhr direkt hinter dem Münchner und erinnert sich: „Ich dachte, ein Tier wäre dem Fahrer vors Auto gesprungen.“ Sie bringt den Radfahrer in die stabile Seitenlage, achtet darauf, dass die Atemwege frei sind und der verängstigte Mann ansprechbar bleibt. Ein weiterer Autofahrer hilft an der Unfallstelle. „Der war aber die ganze Zeit nur damit beschäftigt, die gaffenden Autofahrer vorbeizuwinken,“ sagt D’Aurea. Denn: „Zahlreiche Fahrer fuhren im Schritttempo vorbei, nur um einen Blick auf den Verletzten zu erhaschen, Fotos zu machen oder zu filmen.“

Die 37-Jährige ist schockiert. „Ich will beim Helfen nicht gefilmt werden, das Unfallopfer vermutlich noch viel weniger.“ Als D’Aurea die Gaffer bemerkt, deckt sie den Verletzten mit Jacken zu, um ihn vor Blicken zu schützen, bis die Rettungskräfte eintreffen. „Als Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen kamen, ist es aber sogar noch schlimmer geworden“, erinnert sich die Lenggrieserin. Erst die Sperrung der Straße hinderte die Autofahrer am Gaffen.

Markus Bail vom Bayerischen Roten Kreuz kennt solche Situationen nur zu gut. „Dieses Verhalten behindert die Rettungskräfte,“ sagt der Leiter des Rettungsdienstes. Die Schaulustigen würden den Ablauf stören, alles verlangsame sich, und es entstehe ein Rückstau.

Probleme mit Gaffern gab es im Landkreis heuer schon wiederholt. Bei einem Fall im Mai kamen die indiskreten Blicke sogar aus der Luft. An Blomberg und Wallberg behinderten je ein Drachenflieger und ein Gleitschirmflieger wegen ihrer Neugier Hubschraubereinsätze nach Unfällen. Und Anfang Oktober handelte sich eine Frau, die im Vorbeifahren einen Unfall auf der B 472 im Gemeindegebiet Greiling fotografiert hatte, eine Anzeige ein. Sie hatte sich als Journalistin ausgegeben und die Persönlichkeitsrechte des Unfallopfers verletzt (wir berichteten).

Gafferei habe es schon immer gegeben, meint Andreas Rohrhofer, stellvertretender Chef der Tölzer Polizei. „Aber durch das Fotografieren und das Filmen mit dem Handy hat das eine neue Qualität bekommen.“

Bei dem Unfall in Reichersbeuern hat Markus Landthaler, der als Polizist vor Ort war, von den Gaffern nicht viel mitbekommen. „Wir haben da so viel zu tun gehabt, da hab ich darauf nicht aufgepasst.“ Ihm sei aber der langsame Verkehr in Erinnerung. Dem Radfahrer geht es laut Landthaler „inzwischen Gott sei Dank wieder gut“.

(Nora Linnerud)

Rubriklistenbild: © dpa

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