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Ein Schritt veränderte im Juni das Leben von Tim Wortmann. Bei einem Trainingslauf im Karwendel stürzte der Ultratrail-Läufer ab und verletzte sich schwer.

150-Meter-Sturz

Bergunfall: Tölzer Extremsportler Tim Wortmann kämpft sich zurück ins Leben

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Nach einem schweren Bergunfall versprach nur eine Knie-OP in Österreich Besserung. Beim Versuch, die Behandlung zu finanzieren, erlebte Langstreckenläufer Tim Wortmann eine Weihnachtsüberraschung.

Bad Tölz – Tim Wortmann ist Ultratrail-Läufer. Er legt 180 Kilometer am Stück zurück, überwindet dabei tausende Höhenmeter. „Einfach einen Schritt nach dem anderen machen“, so schaffe man das, sagt der 35-Jährige, der seit zwei Jahren in Bad Tölz lebt. Am 19. Juni veränderte ein einziger dieser Schritt Wortmanns Leben. Bei einem Trainingslauf im Karwendel stürzte er ab und verletzte sich schwer. Seitdem kämpft er, um wieder auf die Beine zu kommen. Und erlebte dabei ein echtes Weihnachtswunder.

Eigentlich sei es nur ein leichter Trainingslauf gewesen, sagt der 35-Jährige. 40 Kilometer, 4000 Höhenmeter, von Vorderriß auf die Schaufelspitze im Karwendel. Drei Wochen später wollte Wortmann beim Ultratrail in Andorra starten. Großes Ziel war der „Tor des Géants“, ein 336-Kilometer-Langstreckenlauf mit 30 000 Höhenmetern im italienischen Aostatal im September. Beim Trainingslauf landete Wortmann irgendwann in weglosem Gelände. Auch das ist eigentlich keine Herausforderung für den Sportler. Zwischen den Latschen fand er aber den richtigen Weg nach unten nicht mehr. „Ich habe dann versucht runterzuklettern – und dann fehlen mir leider einige Minuten.“

Krankenkasse zahlt für OP nur einen kleinen Anteil

Wortmann stürzte etwa 150 Meter weit ab, schlug beim Fallen mehrere Male auf und blieb schließlich in einem Kar liegen. Irgendwie gelang es dem Schwerverletzten noch, die Tiroler Bergrettung zu alarmieren. „Das war erstaunlich, weil ich in dem Gebiet sonst nie Netz habe.“ Der Helikopter brachte Wortmann ins Innsbrucker Krankenhaus. Der 35-Jährige hatte eine ganze Reihe von Verletzungen, darunter mehrere schwere Brüche und Verrenkungen. Wortmann lag für einige Zeit im Koma. Nur sein „riesengroßer Überlebenswille“ habe ihn zurückgebracht, sagt er heute.

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Mehrere Operationen waren notwendig, bevor in der Heilbrunner Fachklinik eine wochenlange Reha absolvierte. Die Brüche heilten. „Ich habe aber einen neurologischen Schaden in der rechten Hand. Das wird dauern“, sagt er. Am schlimmsten traf es allerdings sein rechtes Knie. Trotz der OP konnte er das Bein weder komplett strecken noch richtig beugen. „Bei der Kontrolluntersuchung hat man mir gesagt, dass ich damit leben muss“, sagt Wortmann. Damit wollte er sich nicht abfinden – auch nicht mit der Alternative einer Knieprothese und der Aussicht, dann in 15 Jahren am Stock oder im Rollstuhl zu landen. Ihm sei schon klar, dass er vermutlich nie wieder einen Ultratrail-Lauf absolvieren werde. Aber er arbeite als Sportwissenschaftler und -Therapeut am „Lanserhof“ am Tegernsee. Ohne Beweglichkeit im Knie, „geht das nicht. Ich möchte einfach arbeiten und normal gehen können.“

180 Kilometer und 11 500 Höhenmeter in 30 Stunden: 2017 gewann Tim Wortmann den Adamello Ultratrail. „Das war meine bisher beste Saison“, sagt er.

In Österreich stieß Wortmann auf einen Spezialisten im Sanatorium Hochrum, der zuversichtlich war, durch eine weitere Operation die Beweglichkeit des Knies wieder herzustellen. Das Problem: „Die Krankenkasse zahlt bei Operationen im Ausland nur einen kleinen Teil der Kosten in Höhe von 23 000 Euro“, sagt Wortmann. Freunde drängten ihn dazu, auf der Internetplattform „GoFundMe“ einen Spendenaufruf zu starten. Zehn Tage vor Weihnachten veröffentlichte Wortmann dort seine Geschichte, bat um Unterstützung – und erlebte sein kleines Wunder. Innerhalb von nur zwei Tagen war die Spendensumme zusammen. Knapp 300 Menschen hatten Geld gegeben, Beträge zwischen fünf und mehreren tausend Euro. Unter den Spendern „sind viele Freunde“, sagt Wortmann. Andere Unterstützer dagegen kennt er überhaupt nicht. Sie sind vermutlich Teil der Läufergemeinschaft, stießen auf Wortmanns Geschichte und wollten helfen. „Diese große Solidarität – das ist einfach verrückt.“

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Die Unterstützung habe ihn „sprachlos“ gemacht, sagt der Sportwissenschaftler. „Der Unfall hat mein Leben komplett zerschossen. Aber ich habe auch gemerkt, wie viele gute Freunde ich habe, wie viele Menschen für einen in so einer Situation da sind.“ Ein wenig schlechtes Gewissen schwingt in Wortmanns Stimme immer mit. „Mir ist schon klar, dass es viele gibt, denen es deutlich schlechter geht als mir.“

Am 20. Dezember kam Wortmann unters Messer. Fünf Stunden dauerte die Operation – und sie war offensichtlich erfolgreich. „Habe schon jetzt volle Streckung und ein gerades Bein“, schreibt der Tölzer kurz nach der OP an seine Unterstützer. Die Nachricht endet mit zwei Worten: „Überglücklich. Tim.“ Der Weg zurück auf die Laufstrecke und in die Berge wird weit sein, anstrengend und vermutlich schmerzhaft. Aber wer sollte im Kampf mit sich selbst geübter sein als ein Langstreckenläufer?

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