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Erinnerung an den 3. September 1924: Der neue Lenggrieser Bahnhof wird eingeweiht. Auf der neuen Trasse fuhr eine Dampflok. Die Elektrifizierung der Bahntrasse München-Tölz-Lenggries blieb bis heute ein Wunschtraum.

Blick in die Historie

„Der betrogene Isarwinkel“: Schon vor 100 Jahren ging es um die Elektrifizierung der Bahn

Die vom Kreistag aktuell geforderte Elektrifizierung der Bahntrasse war schon vor 100 Jahren ein brandheißes Thema.

Bad Tölz – Im November 2019 hat der Kreistag Bad Tölz-Wolfratshausen den Freistaat aufgefordert, die Elektrifizierung auf den Bahnstrecken der Bayerischen Oberlandbahn „mit größter Dringlichkeit“ umzusetzen. Der Kreistag beschloss eine Resolution und freute sich im Februar über ein positives Echo aus dem bayerischen Verkehrsministerium. Hintergrund: Der elektrifizierte Zugverkehr lasse sich besser mit dem S-Bahn-Netz verbinden und sei deutlich umweltfreundlicher. Kaum jemand weiß, dass die Forderung der Elektrifizierung der Bahn im Isarwinkel keineswegs neu, sondern schon 100 Jahre alt ist. Ein Rückblick.

„Der betrogene Isarwinkel“ schrieb die Zeitung

Im März 1929 trat der Landtagsabgeordnete und Pfarrer von Reichersbeuern, Alois Daisenberger, im Landtag als Anwalt der Flößer und Bauern auf, die durch das 1924 in Betrieb gegangene Walchenseekraftwerk geschädigt worden waren. „Der betrogene Isarwinkel“ überschrieb der Tölzer Kurier seinen ausführlichen Bericht. Gemeint waren die vielen Versprechungen, die der Freistaat den Isar-Anliegern gemacht hatte, um das Jahrhundertprojekt Walchenseekraftwerk durchzusetzen und die erforderliche Zustimmung der betroffenen Kommunen zu bekommen. Ein Beispiel ist die Elektrifizierung der Bahntrasse München-Tölz-Lenggries, die von den Kommunen entschieden gefordert wurde und sich auf einen prominenten Ideengeber stützen konnte.

Walchenseekraftwerks-Erbauer Oskar von Miller hatte nämlich schon um die Jahrhundertwende angedacht, dass der gewonnene Strom zur Elektrifizierung der bayerischen Bahn sowie des Landes Bayern dienen sollte.

Nur überregionale Strecken wurden elektrifiziert

Das geschah aber nur teilweise auf überregionalen Strecken. Ausgerechnet die vom Kraftwerksbau am schwersten betroffene Region – der Isarwinkel – ging weitgehend leer aus. Warum betroffen? Durch die Isarableitung in den Walchensee war von Anfang an klar, dass zum einen der Güterverkehr (Holz, Holzkohle) per Floß auf der Isar nicht mehr funktionieren würde und zum anderen einem ganzen Berufsstand (Flößer) buchstäblich das Wasser abgegraben würde.

Immer wieder findet man im Tölzer Kurier sowie in der Stadtchronik in den 1920er-Jahren Berichte über wütende Proteste der Kommunalpolitiker und Bevölkerung. Es ging etwa um die Kostenübernahme für die Verlagerung des Tölzer Bahnhofs, die Kostenübernahme für die Bahntrasse nach Lenggries, den Bau von Waldbahnen nach Vorderriß und Niedernach sowie eben die Elektrifizierung der Bahntrassen. Am 23. Juni 1925 berichtet die Tölzer Stadtchronik über Pläne, dass die Reichsbahnverwaltung die Elektrifizierung ablehnt. „Das Walchenseekraftwerk, also der Staat“, so ist zu lesen, „nimmt dem Isarwinkel den ihm seit Jahrtausenden gehörenden Fluss, erzeugt im größten Ausmaß Elektrizität, elektrisiert im ganzen Lande Bahnen – und überlässt den Isarwinkel seinem Schicksal.“ Der Tölzer Stadtrat und in der Folge auch der Bezirkstag (entspricht dem heutigen Kreistag) Miesbach-Tegernsee protestierten energisch, dass „die gemachten Versprechungen auch nicht im Geringsten erfüllt wurden“.

Auch die stete Erinnerung an die Zusage führt nicht zum Ziel

Die Antwort an die Regierung von Oberbayern, zu der sich die Reichsbahngesellschaft schließlich wohl im Juli bequemt, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Die Verkehrsverhältnisse der Linien (München-Holzkirchen und Nebenlinien) lassen trotz wiederholter Durchrechnung keine Wirtschaftlichkeit für die Umstellung der Betriebsform erwarten. Von einem förmlichen Verspruch (= Versprechen), dass die genannten Strecken als erste oder doch in erster Linie zur Elektrisierung auszuführen sind, ist uns diesseits nichts bekannt und auch in den Akten nichts vorzufinden.“ Empört schreibt Stadtchronist (und Rechtsanwalt) Franz von Lobkowitz: „So wurde ein seinerzeit gegebenes Ministerwort von den heutigen Rechtsnachfolgern glatt unter den Tisch gestrichen.“ Gemeint war laut Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr der Bayerische Verkehrsminister Herr von Freundorfer, der schon im Juli 1908 vor den Landtagsabgeordneten erklärte, dass, wenn das Walchenseekraftwerk gebaut werde, dann auch die Bahnlinie München-Tölz (später auch Lenggries) elektrifiziert werde.

Als 1949 über die Rißbachüberleitung diskutiert wurde, wurde der damalige Tölzer Bürgermeister Anton Roth nicht müde, in Briefen an die Bundesbahn und die Politik an diese und andere mündlichen Zusagen zu erinnern. Vergeblich. Eine aktuelle Nachfrage bei der Deutschen Bahn bezüglich dieser historischen Zusammenhänge wurde nie beantwortet. Christoph Schnitzer

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