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Rettungsdienste 

Betrunkener geht Helfer an die Gurgel

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Autofahrer beschimpfen Feuerwehrleute, die die Straße absperren. Fußgänger schieben Feuerwerkskörper unter Rettungsfahrzeuge. In der Notaufnahme der Asklepios-Stadtklinik werden Mitarbeiter handgreiflich attackiert. „Der Respekt gegenüber der Tätigkeit der Helfer schwindet dahin“, sagt Markus Bail, Leiter des Rettungsdienstes des Bayerischen Roten Kreuzes in Bad Tölz.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Eine Umfrage, die der Bayerische Rundfunk veröffentlicht hat, verdeutlicht das Problem: Dreiviertel der 250 Notaufnahmen in Bayern haben mit gewalttätigen Übergriffen zu kämpfen. In Augsburg-Mitte wird ein Polizist im Schnitt alle zwei Jahre verletzt. 2015 gab es 14 928 Übergriffe auf Polizeibeamte in Bayern – 2010 waren es noch 2000 weniger. Bundesjustizminister Heiko Maas will deshalb Angriffe auf Polizisten und Retter härter bestrafen.

Der Tölzer Polizeichef Bernhard Gigl beurteilt die Lage in Bad Tölz indessen gelassen: „Wir haben ein bisschen Problem-Klientel, aber insgesamt ist bei uns die Lage nicht so dramatisch.“ Im vergangenen Jahr habe es in Bad Tölz „keine zweistellige Zahl an Widerstandshandlungen“ gegeben. Was Gigl aber auffällt: „Neu ist, dass Helfer von Rettungs-Organisationen intensiver angegangen werden.“

Ein besonders krasses Erlebnis hatte an Silvester der Ickinger Notarzt Dr. Christoph Preuss. Er wurde zu einem Einsatz gerufen, weil in Geretsried ein Wohnhaus brannte. In Irschenhausen wurden Feuerwerkskörper unter sein Auto geschoben. In Wolfratshausen blockierten Feiernde die Johannisbrücke, in Geretsried gab es aufgrund der Feuerwerkskörper fast kein Durchkommen durch die Sudetenstraße. „Man hofft beim Fahren bloß, dass nichts passiert“, sagt Preuss. In Geretsried sei den Helfern dann ein Betrunkener „an die Gurgel“ gegangen. „Es gibt schon interessante Zeitgenossen“, sagt Preuss.

Der unfreundliche Umgangston sei bereits Thema auf diversen Kommandanten-Versammlungen gewesen, sagt Karl Murböck sen., Kreisbrandrat aus Lenggries. „Es häuft sich, dass unsere Leute angepöbelt werden.“

Dies bestätigt Hermann Spanner, Kommandant der Bichler Feuerwehr: „Die Respektlosigkeit bei Verkehrsabsicherungen und Absperrungen nimmt zu“, stellt er fest. „Die Aggressionen werden an den Feuerwehrleuten ausgelassen.“ Es komme zudem immer wieder mal vor, dass Autofahrer schnell auf Feuerwehrleute zufahren.

Deshalb gebe es Einsatzpläne. Am besten sei es, wenn die Feuerwehrleute „gar nicht sichtbar“ seien. Zudem werden junge Feuerwehrleute immer mit erfahrenen Kollegen an eine Unfallstelle geschickt: „Es müssen gefestigte Leute da sein, die wissen, was abläuft. Nicht dass ein junger Kollege auf dem falschen Fuß erwischt wird und sich dann was aufschaukelt.“ Im Ernstfall würden Polizei und Einsatzleiter herbeigerufen. Außerdem werden die Auto-Kennzeichen notiert. „Zwei-, dreimal“ habe die Polizei deshalb schon ermittelt.

„Wenn es zu Problemen kommt, dann ist meistens Alkohol im Spiel“, sagt Markus Bail vom BRK. Körperliche Angriffe auf Helfer seien eher selten, „aber ein- bis zweimal pro Monat passiert das schon“. Auch er selbst habe solche Zwischenfälle schon erlebt. So wurde er einmal herbeigerufen, weil ein Betrunkener bewusstlos am Boden lag. Bail wollte dessen Atemwege sichern und den Bewusstlosen möglichst schnell ins Krankenhaus transportieren. Doch dies ging nicht, weil Freude um den Betrunkenen herumstanden und Bail anrempelten. Schubser kämen immer wieder mal vor, von Faustschlägen sei ihm aber nichts bekannt: „Wir sind in einer Region, in der es Gott sei Dank noch relativ ruhig ist.“

Christopher Horn, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Tölzer Stadtklinik, fügt hinzu: „Auch wir kennen das Problem, dass Patienten in der Notaufnahme die Ärzte und Pflegekräfte verbal attackieren oder in seltenen Fällen sogar handgreiflich werden.“ Ein Sicherheitsdienst ist derzeit nicht im Einsatz. „Wir behalten uns diese Option aber weiterhin vor“, so Horn. Zudem biete die Stadtklinik ein Seminar zum Thema gewaltfreie Kommunikation an: „Wir wollen unseren Mitarbeitern somit dabei helfen, auf solche Situationen vorbereitet zu sein.“

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