Das Kapitelzimmer der Eremiten hat der frühere Tölzer Pfarrer Berger als Studierstube genutzt.
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Das Kapitelzimmer der Eremiten hat der frühere Tölzer Pfarrer Berger als Studierstube genutzt.

Serie im Advent

Blick hinter besondere Türen: Tölzer Studierstube über den Wolken

In der Adventszeit wirft der Tölzer Kurier Blicke hinter eine Tür im Landkreis, die normalerweise für die Öffentlichkeit geschlossen bleibt. Heute: Die Studierstube auf dem Kalvarienberg.

Bad Tölz – So sehen Repräsentationsräume in alten Klöstern aus. Nur, dass sie in der Regel keine solche überragende Aussicht haben wie im Fall Kalvarienbergkirche. Das sogenannte Kapitelzimmer liegt zwischen den beiden Türmen des Tölzer Wahrzeichens. Der Blick aus den barock geschweiften Oberlichtfenstern fällt auf die Isar, das Tal und geht bis weit hinein ins Karwendel. Es ist der vielleicht höchste und schönste Aussichtspunkt von Bad Tölz.

Kein Wunder, dass sich der frühere Tölzer Stadtpfarrer Rupert Berger in diesen Raum förmlich verliebt hat und hier eine regelrechte Studierstube sozusagen über den Wolken eingerichtet hat. Berger starb heuer im Juni im Alter von 93 Jahren.

Eine Holztür verschließt das Kapitelzimmer.

Der Traunsteiner war von 1968 bis 1997 Tölzer Pfarrherr. Und er war ein renommierter Theologe, der zeitlebens als promovierter Liturgiewissenschaftler weiterarbeitete und etwa im Herder-Verlag publizierte. „Wenn er seine Ruhe haben wollte, zog er sich aus dem Pfarrhof hinauf in sein Studierzimmer am Kalvarienberg zurück“, erzählt Claus Janßen. Es gab kein Telefon. Ein historischer Holzofen diente in dem ansonsten kühlen Gemäuer als Heizung.

Tisch, Stühle und ein Kühlschrank sind jüngeren Datums. An der Wand hängt eine rot-weiße Zachäusfahne, die an Kirchweih laut Mesner Heinz Bader, herausgehängt wird. Spannend sind vier grob zugehauene Holzpflöcke, an deren Spitzen massive eiserne Behältnisse angebracht sind. Es handelt sich vermutlich um Feuerpfannen, mit denen man in einer stromlosen Zeit etwas beleuchten konnte. „200 Jahre“, schätzt Bader, „haben die wohl auf dem Buckel“.

Die Kirche wurde 1718 von einem reichen Tölzer Salzbeamten errichtet

Die schöne Stuckdecke deutet darauf hin, dass der Kapitelraum tatsächlich wie in Klöstern üblich als Besprechungsraum der monastischen Gemeinschaft diente. Rätselhaft bleibt am Tölzer Kalvarienberg freilich, warum der Kapitelraum nur ausgesprochen schwer über den Dachstuhl und das Gewölbe der Kirche erreichbar ist. Für alte Mönche wäre der Zutritt bestimmt nicht einfach gewesen.

Um welche Mönche geht es? Die Kirche wurde seit 1718 vom reichen Tölzer Salzbeamten Friedrich Nockher in Privatinitiative errichtet. Und zwar stückweise, was heute noch gut zu erkennen ist. Nockher stiftete auch ein sogenanntes Eremitorium, was seine Verwandten später erweiterten.

Selbst an einem trüben Wintertag ein toller Blick.

An der Ostseite der Kirche wurden Zellen für sechs Mönche angebaut. Diese Eremiten dienten auch als einfache Dorflehrer im Umkreis. Noch heute ist im hinteren Teil der Kirche der Chor der Eremiten erhalten. Es gibt auch eine nicht zugängliche kleine Hauskapelle. Mit der Säkularisation endete die Ära der Eremiten.

Der letzte Eremit lebte dort in der 1970er-Jahren

Halt, nicht ganz. In den 1970er-Jahren siedelte sich Camillus Riedl an, der als selbst ernannter (und leutseliger) Eremitenbruder Camillus im selbstgeschneiderten Habit 25 Jahre lang Mesnerdienste ausübte.

Als er öffentlich von einer Priesterweihe durch einen nicht anerkannten französischen Bischof sprach und im kleinen Kreis auch Gottesdienste feierte, schritt das Ordinariat ein. Frater Camillus musste gehen. Christoph Schnitzer

Die Serie: In der Adventszeit wirft der Tölzer Kurier in jeder Ausgabe einen Blick hinter eine Tür im Landkreis, die normalerweise für die Öffentlichkeit geschlossen bleibt. Bereits erschienen sind unter anderem: So sieht die Arrestzelle der Tölzer Polizei aus. Das verbirgt sich hinter dem goldenen Tor am Sylvenstein. Das passiert im Bahnbetriebswerk in Lenggries.  Reptilien finden neue Heimat im Kloster Benediktbeuern. Ein ungewöhnlicher Blick in eine Jahreskrippe. So sieht es in der Gruft in Schloss Hohenburg aus. In der Adventstürchen-Serie blickte der Tölzer Kurier auch schon in den Glockenturm der Basilika in Benediktbeuern und in das Bahnbetriebswerk in Lenggries.

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