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Für jedes Stückchen Käse muss er einen Kassenbon ausdrucken: (v. li.) Standlbetreiber Sebastian Waitz und Kunde Heiko Leuschner auf dem Tölzer Wochenmarkt. 

Händler und Kunden wegen Bon-Plicht empört 

Der Zettel-Wahnsinn

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Die Bon-Pflicht stößt weder bei Händlern noch bei Kunden im Landkreis auf großes Verständnis. Das einzige Auskommen scheint die Härtefallregelung zu sein. Doch eine Befreiung haben erst wenige. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ganz egal, ob nur für eine Breze, Zigaretten oder ein Packerl Kaugummi: Geschäftsleute sind seit 1. Januar verpflichtet, für Käufe jeglicher Art einen Bon zu drucken. Die „Belegausgabepflicht“ stößt jedoch weder bei Händlern noch bei Käufern auf großes Verständnis.

„Die meisten Kunden, wollen den Bon nicht“, sagt Elke Scheumaier, Filialleiterin bei der Bäckerei Büttner. Dort gibt es auch tatsächlich nicht automatisch einen Bon zu jeder Breze, denn Inhaberin Sandra Büttner hat beim Finanzamt eine Befreiung erwirkt. „Das ging erstaunlich unkompliziert. Ich habe ein Formular ausgefüllt und hatte binnen einer Woche die Befreiung“, erklärt sie. Durch die digitalen Kassen sei laut Büttner sowieso alles nachvollziehbar. „Wieso muss man dann sinnlos meterweise Thermopapier rausgeben? Das wäre ein Wahnsinn für die Umwelt“, stellt sie fest. In ihren Filialen stehen Schilder, die darauf aufmerksam machen, dass jeder Kunde auf Wunsch einen Beleg bekommt.

„Befreiung ging erstaunlich unkompliziert“

Doch viele Geschäftsleute haben keine derartige Befreiung von der Zettel-Wirtschaft. So wie Angelo Cannata, Inhaber des Café Heimat in Bad Tölz. „Ich habe jetzt spürbar mehr Papiermüll. Statt alle drei Tage muss ich fast täglich die Kassenrolle wechseln“, sagt er. Die Bon-Pflicht stelle auch einen „Mehraufwand für die Bedienungen“ dar. Dabei würden 99 Prozent seiner Kunden den Bon nicht mitnehmen.

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Auch die Marktstand-Besitzer sind genervt. Jeden Mittwoch kommt Sebastian Waitz mit seinem „Tiroler Bauernstandl“ nach Tölz. Seine Kasse hat er bereits 2017 umgestellt. „Die Fiskalkassen speichern jeden Vorgang auf die Sekunde genau. Was bringt diese Bon-Pflicht?“, ärgert er sich. Wenn viel Kundschaft an seinem Stand ansteht, dauere es länger, bis er jeden bedienen kann. Auch Waitz versichert, dass fast keiner seiner Käufer einen Beleg haben möchte. Genau wie sein Kunde Heiko Leuschner „Das ist ein totaler Irrsinn“, sagt er, und Waitz schmeißt den Kassenzettel in den Mülleimer, in dem sich die Belege häufen. 

Fast kein Kunde möchte einen Kassenzettel haben 

Auch die Besitzerin der freien Tankstelle in Königsdorf, Korinna Oliv ist empört: „Ich habe noch nichts umgestellt, das würde mich 1500 Euro kosten, die mir niemand erstattet“, klagt sie. „Die Preise für entsprechende Kassen sind seit dem Beschluss explodiert.“ Noch wartet sie ab: „Bis September haben wir noch Schonfrist.“

Erst einmal wolle sie mit ihrem Steuerberater über die Problematik sprechen und hofft auf eine Lösung, die sie finanziell nicht so stark belastet. Dass durch die neue Regelung Steuersünder eher gefasst werden, glaubt Oliv nicht. „Wer tricksen möchte, findet immer Wege.“

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Gerda Kerkströer, Inhaberin des Schreibwarenhandels „Papeterie am Bahnhof“ in Wolfratshausen, sieht das ähnlich. Bisher habe sie eine Rolle des umweltschädlichen Thermopapiers pro Woche verbraucht. Nach der Umstellung habe sich das verdreifacht. „Außerdem habe ich täglich mehr als doppelt so viel Müll.“ Eine Befreiung hat Kerkströer bisher noch nicht beantragt. „Ich wollte es mir erst mal ansehen. Habe aber schon nach einer Woche gemerkt, dass das ein Irrsinn ist.“ Sie habe jedoch die Befürchtung, dass ihr Befreiungsantrag nicht beachtet wird. „Ich bin ja nur ein kleines Licht, aber genau die trifft so etwas am härtesten“, sagt die Schreibwarenhändlerin und sie schließt: „Eine grausame Welt.“

Finanzbehörden verweisen nur auf  § 146a der Abgabenordnung 

Um eine Befreiung zu erwirken, kann man den Weg von Sandra Büttner gehen. Kristina Wogatzki, Sprecherin des Bundesfinanzministeriums, verweist darauf, dass „die Finanzbehörden vor Ort nach pflichtgemäßen Ermessen über individuelle Befreiungen entscheiden“. Damit beruft sie sich auf Paragraf 146a der Abgabenordnung. Welche Kriterien zu erfüllen sind, um eine entsprechende Härtefallregelung zu erwirken, darauf will das Finanzamt Bad Tölz-Wolfratshausen auf Anfrage nicht näher eingehen. Auch der Sprecher des Landesamtes für Steuern, Florian Schorner, verweist lediglich auf entsprechenden Gesetzestexte. Klar ist jedoch, dass jeder Händler versuchen könne, einen Antrag auf Befreiung zu stellen, sagt Ministeriums-Sprecherin Wogatzki. Gegen eine eventuelle Ablehnung könne Klage eingereicht werden.

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