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DJ der alten Schule: Rudi Herpich legt noch mit CDs auf. Den Laptop hat er nur sicherheitshalber dabei – falls er ein Lied mal nicht findet.

DJs im digitalen Zeitalter

Braucht man heute noch einen DJ? Das sagen Clubbetreiber

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Eine gute Party steht und fällt mit einem Top-DJ. Gilt dieses Gesetz noch in Zeiten, in denen jeder Millionen Songs auf dem Handy abrufen oder per USB-Stick eine abendfüllende Playlist starten kann? Clubbetreiber im Landkreis sind sich einig: Manche menschliche Qualitäten kann keine Maschine ersetzen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Rudi Herpich ist ein DJ mit Prinzipien: Ballermann-Hits, Schlager und Helene Fischer gibt’s bei ihm nicht. Warum? „Weil ich das persönlich verabscheue.“ Der Mann aus Sauerlach, der immer wieder auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen auflegt, findet: „Ein guter DJ zeichnet sich durch das aus, was er nicht spielt.“ „Summer of 69“ von Brian Adams, „Living on a prayer“von Bon Jovi: Diese totgespielten Rockklassiker zum Beispiel kann er nicht mehr hören.

Herpich,39 Jahre, ist ein DJ der alten Schule: Neben seinem Laptop schleppt er auch 2017 seine CDs „zu tausenden“ auf Geburtstagspartys, Hochzeitsfeiern oder in die Clubs. Was er nicht dabei hat, kann er eben auch nicht spielen. Gerade bei jüngeren Zuhörern löst das manchmal Irritationen aus: „Mach doch Youtube oder Spotify an“, sagen sie dann. Andere bieten ihm an, für den einen Song doch schnell ihr Handy in die Anlage zu stecken. „So was gibt’s bei mir nicht“, sagt Herpich, der eigentlich überhaupt nichts gegen Hörerwünsche hat.

Zuhörer fordern: „Mach doch Youtube oder Spotify an“

Die riesigen digitalen Musiksammlungen verändern nicht nur die Beziehung zwischen DJ und Publikum. Auflegen kann theoretisch jeder, und Internet-Konzerne liefern tausende geschmacksangepasste Playlists. „Heute meinen auch alle, es ist total einfach“, meint Herpich.

Für Gabriele Hüsken ist es das manchmal tatsächlich. Für ihre kleine Bar „N19“ an der Tölzer Nockhergasse hat sie sich ein Spotify-Konto angeschafft. „So können wir sämtliche individuelle Wünsche erfüllen“, sagt sie. Eine abwechslungsreiche Playlist ist schnell gestartet und erfüllt laut Hüsken auch ihren Zweck. „Im normalen Betrieb“, betont sie. Einen Hit nachlegen, wenn die Stimmung gerade kocht, „das kann die Playlist nicht. Da ist der Mensch nicht zu ersetzen“, sagt Hüsken. Deshalb beschäftigt sie bei Geburtstagspartys, wenn 30, 40 Leute die kleine Bar füllen, einen DJ. Manchmal bringt das Geburtstagskind den Mann oder die Frau am Mischpult auch gleich selbst mit.

Alexis Christou vom Tölzer Nachtclub „Alpha Omega“ am Amortplatz hat es mal mit einem „Mixtape“ versucht. „Aber die Leute wollen das nicht“, sagt er. „Die wollen, dass da jemand steht.“ Der DJ muss dann aber auch merken, bei welchen Liedern die Clubgäste „Party machen“, findet Christou. Heißt: Wenn die Stimmung danach ist, darf auch auf einer Hip-Hop-Nacht mal ein Electro-Song dazwischenfunken. Laut dem Betreiber sind die Gäste im „Alpha Omega“ ehrlich: „Die sagen mir, wenn der DJ schlecht ist.“

Das war immer der Albtraum von Florian Haupt, der Ende des Jahres den Betrieb des „Pistolero“ am Moraltpark einstellt (wir berichteten). „Heute will jeder DJ sein. Ein schlechter kann dir ganz schnell den Laden leer spielen“, sagt er. Es gebe immer mehr, die sich bei ihm bewerben. Gelegenheits-Discjockeys aus dem Landkreis haben im „Pisto“ aber kaum eine Chance. Stattdessen setzt Haupt auf Männer aus Stuttgart, Hannover oder Berlin, die einen Namen in der Szene haben. Für die „Stars“ legt Haupt dann ausnahmsweise auch mal einen vierstelligen Betrag hin. „An so einem Abend gehst du als Gastronom nicht mit viel Geld raus, so etwas macht man fürs Image.“

„Junge DJs reden nicht mehr. Alte hauen Sprüche raus.“

Gerade bei denen, die sich schon bewiesen haben, findet Haupt: „Die Gagen explodieren.“ Im Normalfall zahlt er dreistellige Beträge im unteren und mittleren Bereich. Genaue Zahlen wollen die Clubbetreiber nicht nennen, grob scheinen aber 200 bis 300 Euro am Abend hierzulande üblich zu sein. Das bestätigt auch „Kult“-Chef Jörg Harth. Wobei er schon mehrmals eine Ausnahme für Bayern 3-DJ Matthias Matuschik alias „Matuschke“ gemacht hat: „Der kommt nicht unter 1000 Euro.“

Harth unterscheidet zwischen einer Kneipe, wo Musik im Hintergrund läuft, und einer Disco mit zwei „Areas“ wie seiner. „Da geht es natürlich nur mit DJ. Du brauchst einen Spannungsbogen und musst auf Wünsche eingehen können“, sagt er. Harth beschäftigt hauptsächlich Stammpersonal hinterm Mischpult – vom „coolen Youngster bis zum wahnsinnigen Ösi“. Bis vor Kurzem habe bei ihm auch ein „Dinosaurier“ aufgelegt: „Der ist dreimal die Treppe rauf und runter, bis alle CDs unten waren.“ Allgemein hat der „Kult“-Betreiber einen Unterschied zwischen alten und jungen DJs ausgemacht: „Die jungen reden nicht mehr. Ein älterer sagt Lieder an, lässt mal einen Spruch los oder motiviert mit einem Joke zum Tanzen.“ Bewerten will Harth diesen Unterschied nicht. „Beim Electro passt es ja nicht, wenn einer quatscht.“ Außerdem seien Ansagen beim jugendlichen Publikum gar nicht erwünscht.

Egal wie alt der DJ ist: „Wenn die Party den Bach runtergeht, brauchst du jemanden, der die Dinge ändern kann“, sagt Rudi Herpich, der 200 Euro am Abend verlangt. Ein bisschen Angst, dass seine Spezies irgendwann ausstirbt, hat er schon. „In jeder Bar reicht ja mittlerweile ein Smartphone.“ Derzeit ist Herpich aber gefragt. „Die Kinder der Neunziger heiraten gerade ja alle.“ Und auf diesen Partys kann er seinen Grunge und Punk-Rock ganz gut loswerden. Helene Fischer spielt er ja eh nicht.

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