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"In" oder "out": Die Briten stimmen am Donnerstag über den Verbleib in der EU ab.

Vor dem Brexit-Referendum

Briten fragen verstärkt nach deutschem Pass

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Bad Tölz-Wolfratshausen - Die Auswirkungen der Brexit-Debatte sind bis ins Tölzer Landratsamt zu spüren. Dort verzeichnet man vermehrt Anfragen von Briten: Für den Fall eines EU-Austritts ihres Lands wollen sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

Update vom 22. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Für britische Politik hat sich Mark Haddow nie sonderlich interessiert. Die Möglichkeit eines nahen EU-Austritts hat den Tölzer jedoch „wachgerüttelt“, sagt der 46-Jährige. „Die Frage, ob ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen sollte, hat sich in den vergangenen Wochen durch meinen ganzen Alltag gezogen“, sagt er.

So wie Mark Haddow geht es auch anderen, die zwar seit Langem im Landkreis leben, aber einen britischen Pass besitzen. Dies bestätigt Andrea Kraus, die für Einbürgerungen zuständige Sachbearbeiterin im Landratsamt. „Solange ich hier arbeite, also seit dem Jahr 2000, kann ich mich an keinen Briten erinnern, der sich einbürgern lassen wollte“, sagt sie. „Es ist schon auffällig, dass wir in den letzten Wochen eine ganze Handvoll Anfragen von Briten hatten.“ Als Grund hätten sie die Unsicherheit genannt, wie es nach einem EU-Austritt Großbritanniens weitergeht. Ihren britischen Pass dürften sie übrigens auch nach einer deutschen Einbürgerung behalten.

„Was bei einem EU-Austritt passieren würde, ist nicht klar“, sagt Kraus. Fest stehe: Ein EU-Bürger darf ohne Weiteres in Deutschland wohnen – er muss sich nur im Einwohnermeldeamt anmelden. Als Nicht-EU-Ausländer müssten die Briten eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Für Klaus Köhler, Leiter des Sachgebiets Ausländerwesen, steht aber außer Zweifel, dass die aktuell 185 im Landkreis gemeldeten Briten auch nach einem Brexit in Deutschland wohnen und ihren Beruf wie gewohnt ausüben dürfen. „Da gilt Vertrauensschutz.“

Trotzdem: Zahntechnikermeister Haddow – in Schottland geboren und mit sieben Jahren nach Lenggries umgezogen – begann, sich Fragen zu stellen: „Man weiß nicht, welche Umstellungen auf mich zukämen, auch was mein Gewerbe oder Visa betrifft.“ Nach den Voraussetzungen für eine Einbürgerung hat er sich erkundigt, sie aber noch nicht beantragt. „Man muss ja nicht gleich so pessimistisch sein.“

Am Referendum möchte der Tölzer nicht teilnehmen. Ganz im Gegensatz zum Jachenauer David Warham. Lange schwankte der Schotte (71). „Ich habe meine Meinung ein- bis zweimal am Tag geändert“, sagt er. „Zuletzt habe ich zum Brexit tendiert, weil die Bürokratie in der EU einfach zu groß ist.“ Doch nach dem Mord an der pro-europäischen Abgeordneten Jo Cox votierte er bei der Briefwahl pro EU. „Auf den Umschlag habe ich geschrieben: ,In memory of Jo Cox‘.“ Die Solidarisierung mit Cox werde bei den meisten Unentschlossenen den Ausschlag geben, ist Warham überzeugt.

Auch sein Landsmann John Lyons, der in Bad Tölz das Gästehaus Sybille betreibt, denkt, dass sich die Briten für die EU entscheiden. „Je näher das Referendum rückt, desto stärker setzt sich die Vernunft durch.“ Der 56-Jährige hat seine Heimat mit 18 Jahren verlassen, lebte dann in der Steiermark und seit 1983 in Bad Tölz. „Ich weiß die Freiheit, die uns Europa bringt, zu schätzen“, sagt er. „Ich habe zwei Töchter, für die es heute etwas ganz Normales ist. Dieser Vorteil ist etwas Tolles.“

Falls es doch zum Brexit kommt, da sind sich die Schotten Lyons und Warham einig, werde das nächste Referendum folgen: über die Loslösung Schottlands vom Vereinigten Königreich. Die würden sie beide begrüßen.

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