Bundestagsabgeordnete unter hoher Arbeitsbelastung 
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Bundestagsabgeordnete unter hoher Arbeitsbelastung 

Bundestagsabgeordnete unter hoher Arbeitsbelastung 

Herausforderung: Work-Life Balance im Bundestag 

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Die Arbeitszeiten von Abgeordneten im Bundestag sind extrem hoch. Jeder hat sein eigenes Konzept um das Arbeitspensum zu bewältigen und dabei gesund zu bleiben. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Als „menschenfeindlich“ hat die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg die Arbeitsbedingungen für Bundestagsabgeordnete bezeichnet. In einer Bundestagssitzung waren zuvor zwei Abgeordnete mit Schwächeanfällen zusammengebrochen. Die beiden Abgeordneten aus dem hiesigen Wahlkreis, Andreas Wagner (Linke) aus Geretsried und Alexander Radwan (CSU) aus Rottach-Egern, haben jeweils eigene Wege, um mit den hohen Anforderungen umzugehen.

Wagner, der 2017 in den Bundestag einzog, hatte bald darauf offen erklärt, dass er am Rand eines Burn-outs stehe (wir berichteten). Heute sagte er: „Ich habe in den beiden vergangenen Jahren viel gelernt und fühle mich sicherer. Es ist nicht mehr alles neu. Das entlastet.“ Er begrenze seine Arbeitszeit, nehme nicht mehr so viele Termine wahr und reserviere mehr Zeit für Familie und Freunde. „Und ich habe mehr Mut zur Lücke und sorge besser für mich. Es gibt Tage, da klappt das gut und an anderen weniger gut.“

Andreas Wagner (die Linke)

In Sitzungswochen umfasse seine Arbeitszeit „zwischen 60 und 70 Stunden“, sagt er. Als belastend empfindet es der 47-Jährige, „dass mir oft die Zeit fehlt, mich so auf Termine und Sitzungen vorzubereiten, wie ich es für notwendig halte“. Gleichzeitig gebe es „einen gefühlten Erwartungsdruck, als Politiker über alles Bescheid wissen zu müssen“.

Oft zu wenig Zeit zur Vorbereitung auf Termine 

Andererseits seien Abgeordnete privilegiert, könnten sich viel von ihrer Arbeit frei einteilen. „Ich sehe keinen Grund zu jammern.“ Trotzdem sei es „eine Herausforderung, nicht in ein Hamsterrad zu gelangen“.

Lang sind auch die Arbeitstage von Alexander Radwan. „Spätestens um 8 Uhr“ sitze er morgens im Büro oder sei auf einem Termin. Abends sei er „selten vor Mitternacht“ zu Hause. Am Tag des Telefonats mit dem Tölzer Kurier blickt er in seinen Terminkalender. Das Plenum im Bundestag ist heute bis 2.20 Uhr angesetzt. Radwan wird dort gegen 19 Uhr seine Rede halten, danach muss er zur namentlichen Abstimmung anwesend sein. Im Anschluss wird er woanders eine Rede halten und wohl später ins Parlament zurückkehren – etwa bis 23 oder 24 Uhr.

Alexander Radwan (CSU)

Gleichzeitig erklärt Radwan: „Dass der zeitliche Aufwand hoch ist, das weiß man, bevor man sich zur Wahl stellt. Deswegen kann man nachher in keiner Weise darüber lamentieren.“ Es gebe auch andere Berufsgruppen mit hoher Belastung.

„Es gibt auch andere Berufsgruppen mit hoher Belastung.“ 

Wie hält man das rein körperlich durch? Er selbst habe wohl günstige Voraussetzungen „in die Wiege gelegt“ bekommen, meint der 55-Jährige. „Ich komme mit wenig Schlaf aus.“ Zudem lege er möglichst viele Wege mit dem Rad zurück und nehme stets die Treppe statt den Aufzug, um fit zu bleiben.

Hat der Einzug der AfD ins Parlament dazu beigetragen, dass die Belastung gestiegen ist? Radwan verweist dazu auf den Umstand, dass seit 2017 mit AfD und FDP zwei Oppositionsparteien mehr im Parlament vertreten sind. „Und jede hat ein Recht auf Redezeit und darauf, Anträge einzubringen.“ Außerdem seien frühere fraktionsübergreifende pragmatische Übereinkünfte zu den Abläufen im Parlament nun mit der AfD nicht mehr möglich.

Wagner sagt dazu: „Die Redebeiträge und Zwischenrufe aus den Reihen der AfD finde ich anstrengend und in Tonfall und Wortwahl aggressiv und daneben. Das muss ich nicht haben.“

„Zwischenrufe aus den Reihen der AfD sind anstrengend“

Damit einhergehend gebe es auch außerhalb des Parlaments eine Veränderung „im Auftreten gegenüber Politikern“, sagt Radwan. „Das spürt jeder Kommunalpolitiker, ob in E-Mails oder online: Respektlosigkeit und Aggressivität nehmen zu.“

Die Mehrheit der Menschen halte sich an die Anstandsregeln. Andernfalls suche er einen Weg, „professionell“ damit umzugehen. „Wenn die Kommentare zu unverschämt werden, gibt es zwei Möglichkeiten: keine Antwort oder höflich, aber sehr deutlich klarstellen, dass es so nicht geht.“

Schädlich sei diese Verschärfung des Tons „gerade im Blick auf die Kommunalwahl“, sagt Radwan. „Jemanden dafür zu gewinnen, seinen Beruf aufzugeben, um zum Beispiel Bürgermeister zu werden, wird dadurch nicht leichter.“

Allgemein sei die Arbeitsbelastung für ihn als Abgeordneter „ein Stück Normalität“, erklärt Radwan. Die Kanzlerin und die Minister hätten beispielsweise „noch mal ein anderes Pensum“ zu bewältigen. Das gelte es, auch in der Öffentlichkeit bisweilen zu reflektieren und auch zu akzeptieren, wenn ein Politiker einen Termin mal nicht wahrnehmen könne. „Auch die Kanzlerin oder ein Minister hat mal einen freien Tag verdient.“

Wagner stellt fest: „Arbeit darf nicht krank machen – unabhängig vom Einkommen und wo sie verrichtet wird.“ Der Geretsrieder findet es wichtig, ehrlich damit umzugehen. Wenn die aktuelle Debatte dazu führe, „dass auch über die Arbeitsbelastung von Pflegekräften, Bauarbeitern, Lehrerinnen und Paketzustellern diskutiert wird, würde ich das sehr begrüßen“.

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