1. Startseite
  2. Lokales
  3. Bad Tölz
  4. Bad Tölz

„Die Caritas schmeißt die Caritas raus“

Erstellt:

Kommentare

null
Eine „segensreiche Einrichtung“: Der Carisma-Möbelmarkt in der Siedlung beschäftigt 20 Langzeitarbeitslose. © arp

Der Möbelmarkt Carisma, ein Sozialprojekt,  muss raus aus seinen Räumen in der Tölzer Karwendelsiedlung. Das Haus gehört nämlich nun offenbar einem Bauträger, der Wohnungen errichten will. Die Umstände sind reichlich undurchsichtig.

Bad Tölz – Die Immobilie gehörte sozial eingestellten Privatleuten, die es samt angebauten Wohnblock der Caritas stifteten. Allerdings nicht dem Kreisverband, sondern der Caritas-Stiftung Deutschland, die den Wohnblock samt Carisma-Anbau nun verkaufte.

Der neue nicht bekannte Eigentümer hat dem Carisma-Möbelmarkt zum Jahresende gekündigt. Man habe herausgehandelt, sagt Bettina Bäumlisberger, die Pressesprecherin des Caritas-Diözesanverbandes, dass man bis Jahresmitte 2020 Zeit für die Suche nach einem neuen Standort für Carisma habe. Die Einrichtung, daran lassen Sprecher aller Caritas-Ebenen keinen Zweifel, soll es anderer Stelle wieder geben. Gesucht sind 400 bis 500 Quadratmeter Nutzfläche. Kreisgeschäftsführer Wolfgang Schweiger hofft auf Unterstützung aus der Politik.

Denn Carisma ist ein Leuchtturmprojekt. 20 vorwiegend ältere Langzeitarbeitslose finden dort einen Job und eine feste Tagesstruktur. Sie fühlen sich gebraucht. Es sei eine Einrichtung, sagt Stadtpfarrer Peter Demmelmair, die „überaus segensreich“ sei und „auf den ganzen Landkreis ausstrahlt“. Die Erschütterung über die Kündigung ist bei den (vielen) Befragten spürbar. „Die Caritas schmeißt die Caritas raus“, sagt einer kopfschüttelnd und beschreibt damit genau den Eindruck, den die Sprecher des Sozialkonzerns partout vermeiden wollten.

Viele Jahre hatten die unbekannten Eigentümer den Anbau zu günstigen Konditionen an das Möbellager vermietet. Als sie starben, kam eine Erbengemeinschaft ins Spiel, die nicht näher bezeichnet ist. Vor etwas mehr als einem Jahr stellte diese aber einen Vorbescheidsantrag im Tölzer Bauausschuss. Inhalt: Können der Anbau abgerissen und neue Wohnungen gebaut werden? Der Antrag ging problemlos durch. Die Frage einiger Räte „Wo soll dann Carisma hin?“ blieb unbeantwortet.

Lesen Sie auch: Gemeinsam für bezahlbaren Wohnraum

Gestern nun meldete sich der Caritas-Verband der Erzdiözese München-Freising mit einer Pressemitteilung zu Wort. Die Erbengemeinschaft habe Areal und Gebäude an die Caritas-Stiftung Deutschland überschrieben mit dem Wunsch, „das anvertraute Vermögen zu nutzen, um die Arbeit der Caritas zu unterstützen und im Sinne der Caritas Jahreskampagne 2018 ,Jeder Mensch braucht ein Zuhause‘ Wohnraum in der Region zu schaffen.“ Entgegen Gerüchten, dass die bayerische Caritas von der deutschen Caritas während des Vorgangs schlecht informiert wurde, betont Caritas-Direktor Georg Falterbaum in München den „regen Austausch innerhalb der Caritas-Familie“ bei der Suche für eine „gute, zukunftsfähige Lösung“. Dazu gehöre auch eine 15 000 Euro-Förderung, die die Deutschland-Stiftung dem Tölzer Carisma-Projekt zukommen lasse. Allerdings verteilt auf drei Jahre.

Lesen Sie auch: Caritas will Lenggrieser Heim betreiben

Es bleiben viele Fragen: War das die Absicht der Erblassers? Geht’s um Erblasser oder Stifter? Warum will eine Erbengemeinschaft erst Wohnungen bauen und stiftet dann doch alles der Caritas? Warum nicht der örtlichen Caritas? Von wann datiert die Stiftung?

Lesen Sie auch: Schülerproteste erreichen Bad Tölz

Auf all diese Fragen und viele Ungereimtheiten verwies der Diözesanverband der Erzdiözese gestern an die Caritas-Stiftung Deutschland in Berlin. Deren Pressesprecherin Claudia Beck verstand „die Irritationen“, konnte dazu aber auch keine Erklärung liefern. Da müsse sie erst Rücksprache halten. Sie sicherte aber eine Stellungnahme für die kommenden Tage zu. Eines immerhin bestätigte auch die Caritas-Sprecherin in der fernen Bundeshauptstadt: Das Tölzer Carisma-Projekt solle auf jeden Fall erhalten werden. „Wir suchen und werden auch einen Standort finden.“

Christoph Schnitzer

Auch interessant

Kommentare