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Frisch aus dem Container: Gartenerde, Gemüse und Schnittblumen haben fünf junge Menschen nachts in ihren Kofferraum geladen. Gar nicht mal so unappetitlich.

Nachts auf Container-Tour

Aus der Tonne auf den Tisch

Bad Tölz - Frische Erdbeeren, Bananen, Paprika, Säcke voller Gartenerde und bunte Blumensträuße: Das und vieles mehr fanden fünf junge Menschen im Müll Tölzer Supermärkte. Unser Reporter begleitete sie beim nächtlichen „Containern“.

Sich nachts verabreden, um im Müll nach Essen zu suchen: Asozial? Ekelhaft? Was für Obdachlose? Logischer Schritt für Menschen in finanziell prekärer Lage? Statement gegen die vom Konsum verseuchte Wegwerfgesellschaft? Nichts für mich, aber jedem das Seine? Jeder hat seine eigene Assoziation und Meinung. Fest steht: Containern ist gerade in Großstädten eine gängige Technik, sich selbst zu versorgen. Nur selten kommt es zu Anzeigen wegen Hausfriedensbruch oder Diebstahl. Denn: Das Image der Discounter steht auf dem Spiel. Ein paar junge Leute zogen in Bad Tölz los – und waren schockiert darüber, was Supermärkte so alles wegwerfen. Ein Erlebnisbericht.

Supermarkt 1

22 Uhr. Fünf Menschen treffen sich an einem dunklen Parkplatz. Einer von ihnen kennt sich aus, er hat früher öfter in der Gegend containert. Gleich verschwindet er in Richtung der Müllsammlung neben dem Geschäft – und kommt enttäuscht zurück. Die Tonnen sind nicht da, wo sie sein sollen. Wurden sie am Abend weggefahren? Die Gruppe kann nur rätseln, beschließt aber gleich beschwingt, wie bei einer Kneipentour: Auf zum nächsten Laden.

Supermarkt 2

Frische Paprika: Einer leuchtet mit dem Handy, der andere zieht gute Lebensmittel aus der Mülltonne.

Zur Sicherheit wird ganz hinten in der Ecke geparkt. Es ist kein heimliches Herumschleichen, niemand flüstert. Dennoch hat jeder das Gefühl, sich in einer Grauzone zu bewegen, hier etwas nicht Erwünschtes zu tun. Wenige Meter weiter stoßen die fünf Freunde auf die Spuren des Muttertags. Mehr als zehn eingetütete Blumensträuße ziehen sie aus den dunkelgrauen Containern. „10 Euro, stark reduziert“ steht auf den mit Palmwedeln verzierten Rosen. Dazwischen liegt ein Netz mit Zitronen, wie man es sonst in den Einkaufswagen wirft. Eine von vier hat erkennbare Druckstellen, die anderen sind einwandfrei. Die Sesam-Sticks in der Tonne nebenan erfreuen einen, der vergessen hat, Chips einzukaufen, ganz besonders.

Supermarkt 3

Beim Containern wird einem nochmal bewusst, wie viele Supermärkte es hierzulande gibt. Wenige hundert Meter weiter kommen Salatliebhaber auf ihre Kosten. Der Container-Profi, gelernter Koch, beseitigt die heiklen Stellen von den Salatköpfen und reicht sie an die anderen weiter. Diese haben in der Biotonne Orangen entdeckt. Beste Ware.

Supermarkt 4

Das kann man von der Banane am Lade vier nicht behaupten – zumindest wenn man nach den Normen geht, die die Lebensmittelindustrie an ihre Produkte legt. Besagte Banane ist untypisch lang und nicht einmal krumm. Sie ist wohl deswegen im Müll gelandet. Die Paprika daneben scheint ebenfalls ein Ladenhüter gewesen zu sein. War sie den Verkäufern nicht ganz grün? Jedenfalls kommen zwischen dem Grün auf der Oberfläche gelbe Flecken durch. Man achte auf das eigene Kaufverhalten. Im Zweifelsfall greifen die Meisten zur einfarbigen Norm-Paprika. Was hier allerdings an den frischen, sogar gut riechenden, Erdbeeren wegwerfwürdig ist, versteht niemand.

Supermarkt 5

Ein Bioladen. Umso erstaunlicher ist, dass Avocados samt Plastikverpackung in der Biotonne liegen. Mülltrennung ist nicht nur hier kein großes Thema. „Immerhin sind die Avocados verschimmelt“, kommentiert ein Mülltaucher etwas fassungslos.

Supermarkt 6

Letzter Halt der Ladentour: Die Fünf sind hier unerwünscht. Die Lebensmittel-Tonnen sind mit Vorrichtungen versehen und mit dicken Schlössern verriegelt. Das „Du-kommst-hier-nicht-rein“ gilt komischerweise nicht für die Container drei Meter weiter, aus denen sich säckeweise Blumenerde gewinnen lässt. Die Säcke haben Löcher. Bringt man die Erde nur sauber verpackt los? Wäre neu verpacken zu teuer? Deshalb die schnelle Mülllösung des Problems? Vermutlich.

Fazit

Die Gruppe zieht Bilanz. Sechs Geschäfte in 45 Minuten. Die „Beute“ wird in den Kofferraum geräumt und fotografiert. Sätze wie „Wenn ich Hartz IV hätte, würde ich das ständig machen“ fallen. „Ein schlechter Tag“, meint der Insider. An guten habe er ein Vielfaches mit nach Hause genommen. Man rätselt, ob es direkt nach dem Wochenende mehr abzugreifen gibt. Solche Fragen werden in den vielen Container-Foren des Internets rauf und runter diskutiert. Die anderen sind zufrieden: Eine Frau beschließt, nun ein paar Pflanzen auf dem Balkon anzubauen. Eine andere freut sich auf einen schönen großen Salat am nächsten Tag. Schockiert sind sie aber alle. Einer empfiehlt dann noch eine TV-Doku. In deren Beschreibungstext heißt es: Mit dem, was in Europa weggeworfen wird, könnte man zweimal die Weltbevölkerung ernähren.

Containern ist Diebstahl

Moralisch gesehen kann Containern durchaus lobenswert sein: Tut man nicht Gutes, wenn man genießbare Nahrungsmittel aus dem Müll befreit und sie dann auch noch in Robin-Hood-Manier an Bedürftige verteilt? Stellt man sich nicht gegen den weit verbreiteten Konsumwahn und trägt obendrein nicht an der umweltbelastenden Müllproduktion bei? Nach dem Gesetz ist Containern allerdings eine Straftat, wie der Tölzer Polizeichef Bernhard Gigl bestätigt. „So lange der Supermarkt die Sachen nicht freigegeben hat, handelt es sich um Diebstahl“, erklärt Gigl. Der Müll befinde sich in der Verfügungsgewalt des Geschäfts, bis er von einem Abfallunternehmen abgeholt werde. Gigl: „Eine Wegnahme bedeutet einen Gewahrsamsbruch.“ In Deutschland seien schon viele Supermarkt-Mitarbeiter verurteilt worden, die sich ohne Einwilligung der Geschäftsführung an den weggeworfenen Produkten bedient hatten. Wer beim Containern Absperrungen durchbricht oder über Zäune auf Privatgrund eindringt, könne wegen schwerem Diebstahl beziehungsweise Hausfriedensbruchs beschuldigt werden.

Tobias Gmach

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