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Gründliches Händewaschen sollte in Zeiten wie diesen selbstverständlich sein. 

Hygiene zu Corona-Zeiten

Händewaschen reicht eigentlich völlig

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Desinfektionsmittel sind seit Ausbruch der Corona-Pandemie meist vergriffen. Apotheker Andreas Heinrich erklärt die Unterschiede zwischen herkömmlichen Produkten und Desinfektionsmitteln, die nun auch in Apotheken hergestellt werden. 

Bad Tölz – Händedesinfektionsmittel zählt in der aktuellen Corona-Krise zu den begehrtesten Produkten überhaupt. Wer es im Super- oder Drogeriemarkt sucht, steht meist vor leeren Regalen. Unterdessen haben einige Schnapsbrennereien oder Likörhersteller – etwa „Hirschkuss“ in Gaißach – ihre Produktion auf das begehrte Gut umgestellt. Seit Beginn der Corona-Krise ist es auch Apothekern wieder erlaubt, selbst Desinfektionsmittel herzustellen. Das gilt laut Biozidverordnung vorläufig bis Ende April. Wo die Unterschiede zwischen den Produkten liegen, worauf die Kunden achten sollten, und warum die Mittel so teuer sind, erklärt der Apotheker Andreas Heinrich im Kurier-Interview. Er ist Inhaber der Kurapotheke in Bad Tölz.

Herr Heinrich, worauf sollte man beim Kauf eines Desinfektionsmittels achten?

Entscheidend ist vor allem, wofür ich es brauche. Wer sich vor dem Coronavirus schützen will, der braucht dafür ein Mittel, das „begrenzt viruzid“ ist, wie der Fachbegriff lautet. Das bedeutet, dass dadurch behüllte Viren abgetötet werden. Dazu gehören zum Beispiel Noroviren und eben auch das Coronavirus. Bei Markenprodukten steht auf der Verpackung immer drauf, ob das Produkt bakterizid, fungizid und viruzid ist – also gegen Bakterien, Pilze und Viren wirksam ist.

Und die gängigen Gels, die ich im Drogeriemarkt bekomme, erfüllen das nicht?

Die sind schön, bringen aber gegen Viren meist nichts. Man beruhigt damit lediglich sein Gewissen, besser wäre es, sich stattdessen gründlich die Hände zu waschen.

Vorsicht vor Händedesinfektions-Geld aus dem Drogeriemarkt 

Welche Bestandteile sind bei einem Desinfektionsmittel wichtig?

Für Desinfektionsmittel gibt es offizielle Rezepturen von der Weltgesundheitsorganisation. Wir Apotheker sind verpflichtet, uns daran zu halten. Zwei Rezepte sind auf der Basis von Isopropylalkohol, zwei auf der der Basis von Ethanol. Ethanol ist zurzeit das Gängigste, weil es am ehesten verfügbar ist, Isopropylalkohol bekommt man derzeit so gut wie gar nicht mehr. Mit den WHO-Rezepturen ist man auf der sicheren Seite. Laut der jüngsten Mitteilung der Desinfektionsmittel-Kommission ist wichtig, dass die Konzentration des Ethanol-Wassergemischs mindestens bei 70 Volumenprozent liegt. Dieser Wert ist auf der Packung mit „V/V“ bezeichnet. Desinfektionsmittel, die in Kliniken oder Arztpraxen verwendet werden, haben oft sogar 80 Prozent.

Finde ich diese Angaben denn auf jeder Verpackung eines Desinfektionsmittels?

Wenn es nicht drauf steht, dann würde ich lieber die Finger davon lassen. Manchmal steht zum Beispiel auch drauf, dass das Produkt 65 Gramm Ethanol pro 100 Milliliter enthält. Das ist aber eine Gewichtsangabe und nicht zu verwechseln mit Volumenprozent. Solange nicht wenigstens vermerkt ist, wie hochprozentig der Ethanol bei Herstellung als Ausgangsstoff ist, sind solche Angaben nicht ausreichend.

Finger weg von Mitteln ohne Angaben auf der Verpackung

Wie sind weitere Bestandteile wie Pflegesubstanzen oder Parfum zu bewerten?

Wenn ein Pflegemittel wie Glycerin drin ist, dann ist es gut und auch wichtig. Das gute alte „Sterilium Virugard“ zum Beispiel ist praktisch reines Ethanol. Zu häufige Anwendung trocknet Ihre Haut aus, diese wird rissig und Sie schaden sich zusätzlich. Parfum sehe ich kritisch. Ich reize meine Haut mit Desinfektionsmittel schon genug, da muss nicht auch noch zusätzlich was anderes an die Haut rankommen.

Einige Menschen kritisieren, dass das Desinfektionsmittel zu teuer geworden sei, und wittern Geschäftemacherei. Was sagen Sie dazu?

Für Ethanol werden derzeit extrem hohe Preise aufgerufen – das geht bis zum 30-Fachen des Preises vor der Corona-Krise. Allein die Plastikfläschchen, in die wir das Desinfektionsmittel abfüllen, kosten jetzt 2,64 Euro pro Stück. Früher habe ich sie für 34 Cent bekommen. Ich finde es schade, wenn es im Internet regelrechte Shitstorms gegen Apotheker gibt. Ich verkaufe 100 Milliliter für 5,99 Euro – und verdiene daran so gut wie nichts. Ich verbringe meine Freizeit im Labor, und sämtliche Familienmitglieder etikettieren Flaschen, aus dem Antrieb heraus, unsere Kunden zu versorgen.

Gründliches und richtiges Händewaschen würde reichen 

Kann ich als Kunde denn davon ausgehen, in der Apotheke noch Desinfektionsmittel zu bekommen?

Davon gehe ich aus. Wir haben in der Kur-Apotheke Tölz und unserer Filiale in Lenggries ausreichend auf Lager.

Braucht man als Normalbürger denn in diesen Zeiten überhaupt ein Desinfektionsmittel?

Wenn man sich die Hände wäscht und das ordentlich macht, reicht das völlig. Desinfektionsmittel ist für diejenigen, die 99 Prozent sicher gehen wollen. Wir in der Apotheke desinfizieren uns nach jedem Kunden die Hände, und wir desinfizieren unter anderem das EC-Kartenlesegerät, den Handverkaufstisch oder die Türklinken.

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