Gefeuert trotz Krise: Stationshilfen (Symbolbild).
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Gefeuert trotz Krise: Stationshilfen (Symbolbild).

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Mitten in der Corona-Krise: Stadtklinik schmeißt Stationskräfte raus - Vernichtende Kritik an Betreiber

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  • Andreas Steppan
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  • Silke Scheder
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Neun Stationshilfen an der Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz verlieren ihren Job. Diese Nachricht ruft laute Kritik auf den Plan. Die Rede ist von „Etikettenschwindel“.

Update vom 19. März 2021: Kritik von vielen Seiten zieht die Asklepios-Stadtklinik auf sich. Wie berichtet beschäftigt das Haus neun Stationshilfen, die zum Beispiel beim Bettenbeziehen oder der Essensausgabe mitanpacken, nicht weiter. Ihnen wurde entweder im Rahmen der Probezeit gekündigt, oder ihre befristeten Verträge wurden nicht verlängert.

Zu diesem Vorgang meldet sich nun unter anderen der „Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte“ zu Wort. „Mit der Kündigung aller Stationshilfen in der Stadtklinik Bad Tölz entlarvt sich der Klinikkonzern Asklepios wieder einmal als skrupelloser und profitgieriger Geschäftemacher im Gesundheitswesen“, schreibt dazu Dr. Peter Hoffmann, Mitglied im erweiterten Vorstand des Vereins.

Verein kritisiert Gebahren von Asklepios: „Irreführung der Öffentlichkeit“

Asklepios hatte seine Entscheidung damit begründet, dass die Stationshilfen durch das neue Pflegepersonalstärkungsgesetz nicht mehr vom Pflegebudget abgedeckt seien, das die Klinik direkt mit den Krankenkassen abrechnen kann. Das bezeichnet Rakowitz als „Irreführung der Öffentlichkeit“ und „Etikettenschwindel“. Sie erklärt: „Unverändert werden alle Krankenhausangestellten von den Krankenkassen finanziert –nach wie vor also auch die Stationshilfen.“ Der Unterschied sei nur, dass sich die Finanzierung von „Pflegekräften am Bett“ durch das neue Gesetz verbessert habe, während die Stationshilfen weiterhin über die „äußerst knapp kalkulierten“ Fallpauschalen finanziert würden.

Linken-Politiker: „Gerade in Corona-Pandemie wird jede helfende Hand gebraucht“

Was Asklepios nun tue, sei, die Tätigkeiten der Stationshilfen zu den Kräften aus dem besser ausgestattenen Pflegebudget zu verschieben und sich das Geld für die Stationshilfen zu sparen, um mehr Gewinn zu machen.

„Anstatt die in der Corona-Pandemie überlasteten Pflegekräfte zu entlasten, entlässt Asklepios die Hilfskräfte, die pflegerische Hilfstätigkeiten übernehmen“, kritisiert Hoffmann.

Ins gleiche Horn stößt Erich Utz, der wie berichtet für die Partei „Die Linke“ für das Bundestags-Direktmandat im hiesigen Wahlkreis kandidiert. „Ausgerechnet in der jetzigen Situation, in der eine dritte Welle der Coronapandemie droht, werden Beschäftigte im Pflegebereich nicht weiter beschäftigt“, schreibt er. Dabei werde gerade jetzt jede Hand gebraucht, auch um das Pflegepersonal für die wirklich pflegerischen Tätigkeiten zu entlasten. „Es ist nicht abzusehen, wie die Erkrankungen an Covid-19 noch zunehmen werden“, so Utz. „Die Versorgung darf nicht gefährdet werden, weil wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen.“

Ursprünglicher Bericht vom 17. März 2021:

Bad Tölz – Die Nachricht kam aus heiterem Himmel: Vergangene Woche erfuhren neun Stationshilfen der Tölzer Asklepios-Stadtklinik, dass sie nicht weiter beschäftigt werden. Ihre Verträge wurden nicht verlängert oder aufgelöst. Asklepios-Pressesprecher Christopher Horn bestätigt die Entlassungen.

Bad Tölz: Stationshilfen aus Klinik entlassen - Verträge nicht verlängert oder aufgelöst

„Vier Betroffenen mussten wir im Rahmen der Probezeit kündigen. Bei den weiteren Betroffenen können wir die befristeten Verträge leider nicht mehr verlängern.“ Stationshilfen übernehmen Hilfstätigkeiten, wie die Essensverteilung oder das Bettenbeziehen. Damit leisten sie eine wichtige Unterstützung für die examinierten Kräfte, arbeiten aber nicht in der Pflege am Patienten. Seit der Einführung des Pflegepersonalstärkungsgesetzes, so Horn, wird das Pflegepersonal über das Pflegebudget direkt mit den Krankenkassen abgerechnet.

„Allerdings sind im Pflegebudget nicht alle Berufsgruppen erfasst“, so Horn. Demnach sollen künftig nur noch gelernte Pflegekräfte von den Kostenträgern gegenfinanziert werden. Dies betreffe alle Krankenhäuser, egal ob in öffentlicher, privater oder freigemeinnütziger Hand. „Vor diesem Hintergrund kann die ,Asklepios Service Reinigung‘ neun Stationshilfen, die sich in der Probezeit befinden beziehungsweise einen befristeten Vertrag haben, leider nicht weiter beschäftigen.“

Anne Ley arbeitet seit fünf Jahren als Stationshelferin an der Stadtklinik. Für die 61-Jährige ist das Ganze „eine Sauerei“: „Die Pflegekräfte sind sowieso überlastet, jetzt wird ihnen diese Hilfe auch noch aberkannt, und das in Corona-Zeiten. Das kann doch nicht sein.“ Vor allem stößt ihr sauer auf, wie mit den Betroffenen umgegangen worden sei.

Klinikentlassungen im Corona-Lockdown: Alternativangebot für den Putzdienst oder auf die Schulbank - „Eine Frechheit“

Vergangene Woche seien sie alle zusammengerufen worden. „Keiner hatte eine Ahnung, was passieren könnte.“ Dann sei ihnen gesagt worden, dass die Krankenkassen nicht mehr zahlen und die Stellen ab sofort abgebaut werden. Alle Kollegen mit befristeten Verträgen hätten noch vor Ort ihre Kündigungen unterschreiben müssen. Sie selbst hat zwar einen unbefristeten Vertrag.

In einem Gespräch mit der Vorgesetzten sei ihr gesagt worden, sie könne entweder in die Putzkolonne wechseln oder sich für die Ausbildung zum Krankenpflegehelfer ab September anmelden. „Das Angebot ist eine Frechheit.“ Viele Betroffene seien über 60 Jahre alt, würden aus verschiedenen Gründen keine Ausbildung mehr beginnen wollen – zumal es keine Garantie auf den Ausbildungsplatz gebe. Wer weder das eine noch das andere annehme, dem sei nahegelegt worden zu kündigen.

Klinik-Sprecher Horn sagt dazu: „Wir nötigen niemanden zu kündigen. Im Gegenteil sind wir jederzeit bereit, weitere examinierte Pflegekräfte einzustellen und haben in den vergangenen 18 Monaten ein Vielfaches an examinierten Pflegekräften eingestellt, als wir aktuell Stationshelfer reduzieren.“ Über 40 Neueinstellungen gab es in diesem Bereich, weitere sollen folgen.

Asklepios-Klinik: In vergangenen 18 Monaten über 40 Neueinstellungen getätigt

Er sieht die Schuld bei der Politik, die mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz nicht alle beteiligten Mitarbeiter berücksichtigt habe. Schon zum Zeitpunkt des Gesetzesentwurfs habe Asklepios dies kritisiert und öffentlich kundgetan.

Es sei ein deutlicher Rückschritt, da der bislang angewandte Mix an Qualifikationen gut funktioniere und „unsere Servicekräfte ein wichtiger und wertvoller Teil unserer Klinik sind“. In seinen Augen bringt man damit „ein gut funktionierendes System der Arbeitsteilung aus dem Gleichgewicht“.

Krankenhäuser und ihre Mitarbeiter würden in der Pandemie von Politik und Krankenkassen im Stich gelassen. Dies treffe die Krankenhäuser in einer herausfordernden Situation. „Während wir unsere Versorgungsstrukturen für die Zeit nach der Pandemie aufrechterhalten, kämpfen wir aktuell eben mit einem Rückgang von circa 15 bis 20 Prozent unserer Patientenzahl gegenüber der Vor-Corona-Zeit.“

Scharfe Kritik von Verdi: „Verantwortungsvolles Handeln sieht anders aus“

Die Gewerkschaft Verdi hingegen gibt Asklepios die Verantwortung und kritisiert das Vorgehen scharf. „Früher konnte die Klinik Geld sparen, indem sie die Stationskräfte, die eine wichtige Arbeit leisten, in einer Service-GmbH angestellt und sie schlecht bezahlt hat“, sagt Gewerkschaftssekretär Win Windisch. Jetzt lohne sich die Service GmbH nicht mehr, da entlasse man die Mitarbeiter einfach.

Unverständlich sei vor allem, warum Asklepios an anderen Standorten eine Weiterbildung zum Krankenpflegehelfer bei Lohnfortzahlung ermöglicht habe – in Bad Tölz aber nicht. Bis Redaktionsschluss nahm Asklepios dazu keine Stellung. Die gesamte Belegschaft sei vor den Kopf gestoßen, habe er in Gesprächen erfahren. Die Stationshelferinnen so zu behandeln, sei „unterste Schublade. Verantwortungsvolles Handeln sieht anders aus. Eine Klinik kann nur gut funktionieren, wenn alle Bereiche Hand in Hand gehen und zusammenhalten“.

Auch bei der Kochler Firma Dorst Technologies gab es kürzlich Entlassungen. Der Industriebetriebe hat 25 Stellen abgebaut. Die Unternehmensleitung spricht von einvernehmlichen Lösungen. Doch die Gewerkschaft protestiert. Vor einer schwierigen Entscheidung stehen derweil die Gastronomen im Landkreis. Sollen trotz Corona ihren Betrieb jetzt hochfahren und ein Minusgeschäft riskieren, wenn steigende Inzidenzzahlen oder das Wetter eine Öffnung der Biergärten ab 22. März doch noch verhindern? Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Bad-Tölz-Newsletter.

(Von Silke Scheder und Melina Staar)

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