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Erhöhter Behandlungsbedarf: Corona schlägt auf die Psyche

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Von: Andreas Steppan

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Der einzige Sitz einer psychiatrischen Praxis in Bad Tölz befindet sich in der „Schnecke“. Zum Gespräch mit dem Tölzer Kurier trafen sich dort (v. li.) Prof. Michael Landgrebe, Dr. Irmela Hauber und Nikolaus Schrenk.
Der einzige Sitz einer psychiatrischen Praxis in Bad Tölz befindet sich in der „Schnecke“. Zum Gespräch mit dem Tölzer Kurier trafen sich dort (v. li.) Prof. Michael Landgrebe, Dr. Irmela Hauber und Nikolaus Schrenk. © Arndt Pröhl

Existenzängste, Sorge vor Ansteckung oder Druck im Homeoffice waren und sind in der Corona-Krise Faktoren, die nun zu einer Zunahme von Depressionen, Angst- oder Schlafstörungen führen.

Bad Tölz – Rund eineinhalb Jahre sind vergangen, seit über Deutschland erstmals ein Corona-Lockdown verhängt wurde und sich das Leben der meisten Menschen auf den Kopf stellte. Nach der ersten Schockstarre dauerte es eine Zeit, bis alle sozialen und psychischen Folgen offenbar wurden. Sichtbar ist nun vieles davon im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) auf der Flinthöhe, dem einzigen Sitz einer psychiatrischen Praxis in Bad Tölz. Hier ist der Bedarf an Behandlungen „deutlich gestiegen“, wie die Psychiaterin Dr. Irmela Hauber berichtet.

In der psychiatrischen Praxis in Bad Tölz suchen auch immer mehr Lehrer Hilfe

Druck, Anspannung, Unsicherheit in Zeiten der Pandemie: Das Ärzteteam in der Tölzer „Schnecke“ ist mittlerweile vielfach mit den Folgen konfrontiert. „Gerade Gastronomen oder Selbstständige im Einzelhandel haben viel Ungewissheit aushalten müssen“, schildert Hauber. „Sie haben massiven Einsatz geleistet, um zum Beispiel alle Auflagen zu erfüllen. Und dann sind sie wiederholt enttäuscht worden und blieben davon abhängig, welche neuen Regeln jeweils galten.“

Zu den wirtschaftlich Leidtragenden der Pandemie hätten zudem 450-Euro-Kräfte gehört, so die Psychiaterin. Deren Jobs seien oft als erstes weggefallen. „Sie machten vielfach existenzielle Ängste durch.“ Nicht alle, aber einige der Betroffenen schlagen nun in der Praxis als Patienten auf – etwa mit Depressionen, Zwangs-, Angst- oder Schlafstörungen.

Diagnose „Homeoffice-Depression“

Auch Lehrer befänden sich vermehrt unter den Hilfesuchenden, hat Irmela Hauber beobachtet. Bei ihnen schlage sich die stark gestiegene Arbeitsbelastung nieder, aber auch die Verantwortung, in der sie in der Schule stünden. Stressfaktoren seien hier ständig wechselnde Unterrichtsmodelle und Regeln, die sie auch bei den Schülern durchzusetzen hätten.

„Auch die Unplanbarkeit ist eine der Belastungen, die in der Summe zu Erschöpfung führen“, sagt ihr Kollege Prof. Michael Landgrebe, der Prokurist im MVZ ist und dort privatärztlich behandelt. „Und nicht zu vergessen ist das Expositionsrisiko“, fügt er hinzu. Lehrer müssten befürchten, im Klassenzimmer einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt zu sein. „Auch das macht was mit einem“, so Landgrebe.

Selbst Menschen, deren Arbeitsplatz ins Homeoffice verlegt wurde, kamen nach Darstellung der Ärzte psychisch nicht unbedingt ungeschoren durch die Krise. Ein Faktor ist hier laut Hauber, dass in vielen Fällen am heimischen Schreibtisch kurze Pausen zum Durchschnaufen, der direkte Austausch mit Kollegen und soziale Kontakte wegfielen. Im Homeoffice sei die mangelnde Abgrenzung zwischen Beruflichem und Privatem problematisch, meint Landgrebe.

Wartezeit von drei bis fünf Wochen beim Psychiater in Bad Tölz

Nicht umsonst, fügt Nikolaus Schrenk hinzu, sei das Homeoffice in den USA einmal eingeführt worden, um die Produktivität der Mitarbeiter zu erhöhen. Was also entspannt klingt, bedeute in der Realität oft Stress und Arbeiten „ohne Feedback-Kultur und im luftleeren Raum“. Schrenk, Geschäftsführer des MVZ-Trägers kbo-Lech-Mangfall-Kliniken gGmbH, spricht daher von einer „Homeoffice-Depression“.

Irmela Hauber versichert jedoch: „Aktuell können wir dem erhöhten psychiatrischen Bedarf im Landkreis gut gerecht werden.“ Wer aktuell nach einem Termin frage, habe regulär mit einer Wartezeit von drei bis fünf Wochen zu rechnen. „Das hängt natürlich davon ab, wie akut die Lage ist.“

In der psychiatrischen Praxis klären die Experten dann ab, ob der Betroffene eine pharmakologische und/oder psychotherapeutische Behandlung benötigt. Bei letzterer Option stellt sich aber das nächste Problem: „Psychotherapeuten haben oft eine Wartezeit von einem halben Jahr“, so Hauber. Noch extremer sei die Überlastung von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Fest stehe: „In diesem Bereich reicht die Versorgung nicht aus.“

Corona öffnete Türen für Apps und Video-Sprechstunden

Können die Fachleute der Corona-Krise auch irgendetwas Positives abgewinnen? Für die Psyche der Menschen nicht. Allerdings habe sich bei den Behandlungsmöglichkeiten die ein oder andere Tür geöffnet. Das Schlagwort heißt wie in vielen Bereichen Digitalisierung. So sei seit 1. Januar als „Möglichkeit, die Behandlung zu ergänzen“, so Schrenk, die Verschreibung von Gesundheits-Apps fürs Smartphone als Kassenleistung möglich. Ein Beispiel sei die Schlafstörungs-App „Somnio“, die das Ziel habe, „das Gedankenkarussell zu durchbrechen“. Auch die Kassen-Erstattung von Video-Sprechstunden ist dank Corona mittlerweile geregelt – wenn es im Moment auch nur eine befristete Regelung gibt. Obwohl gerade im psychiatrischen Bereich der persönliche menschliche Kontakt viel zähle, sei das doch „eine gute Ergänzung und funktioniert in einigen Fällen erstaunlich gut“, sagt Irmela Hauber.

Anders als zu Beginn der Pandemie scheuen die Patienten aber auch nicht mehr den Besuch der Praxis. „Hier haben wir sichere Hygienekonzepte“, betont die Psychiaterin.

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