Corona Bayern Intensivstation
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„Die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern sind voll, wir stehen kurz vor dem Kollaps“, sagt Josef Niedermaier, Landrat von Bad Tölz-Wolfratshausen. (Symbolfoto)

Dramatischer Appell

Kliniken in Bad Tölz-Wolfratshausen schlagen Alarm: „Stehen kurz vor dem Kollaps“

  • Andreas Steppan
    VonAndreas Steppan
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Die Kliniken in Bad Tölz und Wolfratshausen sowie Landrat Josef Niedermaier warnen in ungekannter Deutlichkeit vor einer „Extremsituation“ auf den Intensivstationen.

Bad Tölz – Aufrufe, sich impfen zu lassen oder Kontakte zu reduzieren, gab es schon oft. Doch der Tonfall einer gemeinsamen Mitteilung, die die Asklepios-Stadtklinik Bad Tölz, die Kreisklinik Wolfratshausen und das Landratsamt am Mittwoch versandten, ist in seiner Dramatik neu. Angesichts der rapide steigenden Corona-Zahlen im Landkreis schlagen die Ärztlichen Direktoren Prof. Rüdiger Ilg und Dr. Josef Orthuber sowie Landrat Josef Niedermaier „Alarm“, wie es wörtlich heißt. Die Lage in der Region bezeichnen sie als „bedrohlich“. Niedermaier klipp und klar: „Die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern sind voll, wir stehen kurz vor dem Kollaps.“

In Krankenhäusern in Bad Tölz und Wolfratshausen so viele stationäre Covid-Patienten wie noch nie

Aktuell müssten in den beiden Kliniken so viele Patienten versorgt werden wie noch nie seit Beginn der Pandemie, nämlich – Stand: Mittwoch, 8 Uhr – 31 stationäre Covid-Patienten (davon 7 auf der Intensivstation) in Tölz und 16 (4 auf der Intensivstation) in der Kreisklinik.

Dr. Martin Schlott, Chefarzt der Anästhesie an der Tölzer Klinik, veranschaulicht: „Wird ein Corona-Patient in eine Notaufnahme eingeliefert, liegt meist eine Infektion der Atemwege mit Leitsymptomen wie Fieber und trockenem Husten sowie der Verlust des Geruchssinns vor. Trotz sofort eingeleiteter Therapie erleben wir bei einigen Patienten, dass sich der Zustand rasch verschlechtert.“ Die Sauerstoffsättigung im Blut nehme ab. Es komme zu Atemnot mit erhöhter Atemfrequenz, und der Patient werde auf die Intensivstation verlegt. „Bevor die Beatmung beginnt, hat der Patient so gerade noch Zeit, letzte dringende Telefonate zu erledigen und Angehörige zu informieren.“ Die Chance, das Folgende zu überstehen, liege dann im Bundesdurchschnitt aktuell bei rund 40 Prozent, so Schlott. „Und meistens sind diejenigen, die es so schlimm trifft, nicht geimpft.“

Zusammenhang zwischen Inzidenz und niedriger Impfquote „ganz eindeutig“

Auch die beiden Ärztlichen Direktoren Ilg und Orthuber stellen übereinstimmend fest, dass die überwiegende Zahl der Patienten, die bisher wegen einer Covid-Erkrankung stationär oder intensivmedizinisch behandelt werden mussten, ungeimpft oder nicht vollständig geimpft sei. Auch jüngere Menschen ohne Impfschutz haben nach ihrer Beobachtung „ein reales Risiko, sehr schwer zu erkranken“.

Große Sorgen macht den Medizinern die mit 58 Prozent niedrige Impfquote im Landkreis. Den Zusammenhang zwischen Inzidenz und Rate der Ungeimpften bezeichnen sie als „ganz eindeutig“. „Die Leidtragenden sind nicht nur die betroffenen Patienten selbst, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Krankenhaus, die am Ende ihrer Kräfte sind, und nicht zuletzt alle anderen Patienten, deren Behandlung nun einmal mehr verschoben werden muss.“ Bereits vergangene Woche hatten beide Kliniken aufschiebbare Behandlungen und Operationen ausgesetzt.

Absehbar, dass Patienten nicht mehr im Landkreis versorgt werden können.

Die anhaltend hohe Inzidenz im Landkreis werde die Intensivstationen in den kommenden Tagen und Wochen „in eine Extremsituation“ bringen. „Bereits heute ist absehbar, dass Patienten nicht mehr im Landkreis versorgt werden können.“ Denn rund ein Drittel aller stationären Covid-Patienten müsse mit einer Verzögerung von fünf bis zehn Tagen auf die Intensivstation. Eine Verlegung in Nachbarlandkreise sei aber „sehr schwierig“. Denn dort sind die Corona-Zahlen ähnlich hoch.

Laut Orthuber und Ilg droht nun „das schlimmste anzunehmende Szenario, in dem auch eine Triage nicht mehr ausgeschlossen werden kann“. Verhindern lasse sich das nur durch eine „strikte Einhaltung der Hygiene- und Testmaßnahmen, Vermeidung aller unnötigen Kontakte und einen möglichst raschen Anstieg der Impfquote“. Laut Niedermaier arbeiten Landratsamt und Impfzentrum „mit Hochdruck daran, die Impfkapazitäten weiter auszubauen und Abläufe zu verbessern“. Ab kommender Woche seien wieder Terminvereinbarungen für eine Impfung möglich.

Über die Entwicklung der Corona-Pandemie im Landkreis berichten wir immer aktuell in unserem Newsticker.

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