Eine ältere Frau am Telefon (Symbolbild)
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Am Corona-Krisentelefon finden die Anrufer Rat und Hilfe.

Kooperation von BRK Bad Tölz und Bundeswehr-Uni

Corona-Krisentelefon: „Einige Anrufer sind sehr verzweifelt“

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Der Kreisverband des Bayerische Rote Kreuzes (BRK) macht gemeinsame Sache mit der psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität der Bundeswehr in München. Die beiden Einrichtungen haben ihr Wissen und ihre Ressourcen gebündelt, um ein kostenloses Corona-Krisen-Telefon einzurichten.

Bad Tölz - Jeder, der unter der derzeitigen Lage leidet, findet am Krisentelefon von BRK und Bundeswehr-Uni ein offenes Ohr und Hilfe bei der Problemlösung. Am Telefon berät unter anderem die Psychologin und psychologische Psychotherapeutin Patricia Grabmaier-Kulla (35).

Frau Grabmaier-Kulla, wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem BRK Bad Tölz-Wolfratshausen?

Patricia Grabmaier-Kulla: Mein Vater, der beim BRK Bad Tölz aktiv ist, hat mir erzählt, wie belastet das medizinische Personal in der Corona-Pandemie ist. Die Pflegekräfte im Krankenhaus arbeiten sich geradezu auf. Unsere Arbeit als Therapeuten dagegen hat sich kaum geändert. Deshalb haben wir überlegt, ob wir an der psychotherapeutischen Hochschulambulanz nicht einen Beitrag zur Entlastung leisten können. Eine Zusammenarbeit mit dem BRK lag da nahe. Das BRK ist eine etablierte Größe im medizinisch-sozialen Bereich und hat die entsprechende Infrastruktur.

Patricia Grabmaier-Kulla ist Psychologin und Therapeutin.

Wie viele Menschen rufen durchschnittlich an?

Patricia Grabmaier-Kulla: Wir haben inzwischen drei bis vier Anrufer wöchentlich. Anfangs verwechselten uns die Menschen offenbar mit anderen Corona-Telefonnummern. Da erreichten uns Beschwerden über ausstehende Testergebnisse. Auch mit dem Hausnotruf wurden wir schon mal verwechselt. Aber inzwischen wird unser Angebot von denen angenommen, an die es sich richtet.

Welche Sorgen drücken die Anrufer?

Patricia Grabmaier-Kulla: Viele Anrufer arbeiten im medizinischen Bereich oder in Pflegeeinrichtungen. Sie sind massiv überfordert, berichten, dass sie seit Wochen keinen Tag mehr hatten, an dem sie sich ausruhen konnten. Dazu kommen Menschen, die sehr belastet sind, weil ihnen zum Beispiel das Einkommen weggebrochen ist oder weil sie Probleme in der Partnerschaft haben. Die sind zum Teil sehr verzweifelt. Manche ihrer Probleme bestanden schon vor Corona, aber der Lockdown wirkt wie ein Brennglas. Die Menschen haben keinen Puffer mehr, um zusätzliche Belastungen aufzufangen. Außerdem rufen Eltern an, die sich Sorgen um ihre Kinder machen. Sie berichten, ihre Kinder seien antriebslos, empfinden keine Freude mehr und sitzen nur auf der Couch.

Wie helfen Sie?

Patricia Grabmaier-Kulla: Durch Zuhören. Wir sagen dem Anrufer, dass es verständlich ist, dass es ihm schlecht geht. Wir machen klassische Telefonkrisen-Intervention, wie man sie von der Telefonseelsorge kennt. Und wir helfen, geeignete Hilfsangebote zu finden und zu sortieren. Manchmal führen wir auch mehrere Gespräche mit einer Person. Wir merken, ob es sich um ein akutes Überforderungserleben handelt oder um ein behandlungsbedürftiges Problem.

Lässt sich das am Telefon lösen?

Patricia Grabmaier-Kulla: Ein akutes Überforderungserleben können wir häufig kurzfristig am Telefon auffangen. Denn es ist eine Entlastung, mit jemandem zu sprechen, der eine andere Perspektive hat. Wir können Strategien entwickeln, wie man die Situation schnell verbessern kann, zum Beispiel, den Alltag anders zu strukturieren oder das Kind vielleicht doch besser in die Notbetreuung zu geben.

Was machen Sie mit denen, die ein behandlungsbedürftiges Problem haben?

Patricia Grabmaier-Kulla: Denen können wir unter Umständen einen Therapieplatz an unserer psychotherapeutischen Hochschulambulanz anbieten. Hier behandeln wir Patienten aller Störungsbilder. Je flexibler der Patient ist, desto schneller können wir einen Platz bieten.

Das Krisentelefon ist montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr unter 0 80 41/76 55 98 erreichbar.

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