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„Dahinter steckt große Ohnmacht“: Was Klima-Aktivisten im Landkreis über die „Letzte Generation“ denken

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Mahnwache in der Tölzer Marktstraße. „Bei einer sinnvollen Klimapolitik wären Proteste gar nicht erst nötig“, findet Sarina Haushofer von der Tölzer „Fridays for Future“-Gruppe.
Mahnwache in der Tölzer Marktstraße. „Bei einer sinnvollen Klimapolitik wären Proteste gar nicht erst nötig“, findet Sarina Haushofer von der Tölzer „Fridays for Future“-Gruppe. © Hans Lippert/Archiv

Sie kleben sich auf die Straße, beschmutzen Kunstwerke und klettern auf Autobahnbrücken – das alles mit einem Ziel: Sie wollen die Klimakrise abwenden. Die Aktivisten der „Letzten Generation“ gehen dafür ungewöhnliche Wege. Im Landkreis finden das einige Gleichgesinnte fast immer sinnvoll.

Bad Tölz-Wolfrathausen – Auch die Bewegungen „Fridays for Future“ und „Parents for Future“ setzen sich für den Klimaschutz ein. Was halten sie von den Aktivisten der „Letzten Generation“ und deren Aktionen? Unsere Zeitung hat nachgefragt.

„Den Drang zu zivilem Ungehorsam können wir bei uns in der Gruppe gut nachvollziehen“, erklärt Jan Reiners, Sprecher der „Parents for Future“ in Wolfratshausen. Er vermutet, dass wohl eine große Ohnmacht hinter den Aktionen steckt, nach dem Motto: „Es gibt sowieso nichts zu verlieren.“ Ähnlich sieht das die Tölzer „Fridays for Future“-Gruppe. „Die Aktionen zeugen von Verzweiflung“, sagt Sprecherin Sarina Haushofer. „Niemand setzt sich zum Spaß bei eisigen Temperaturen auf die Straße. Langsam sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft, und bisher hat nichts Wirkung gezeigt. Deswegen versucht man neue Protestformen.“

Proteste vor Stadtratssitzungen in Wolfratshausen

Laut Reiners demonstrieren die „Parents for Future“ seit über einem Jahr vor jeder Stadtratssitzung in Wolfratshausen. Darauf sei die lokale Politik jedoch kaum eingegangen. „Da ist es verständlich, dass manche zu anderen Maßnahmen greifen.“ Ob die Form der Proteste der „Letzten Generation“ die richtige ist, darüber sei man sich bei den „Parents for Future“ uneins. Allerdings muss Protest laut Reiners „unbequem“ sein. „Wir glauben, dass man die Aktionen unterschiedlich bewerten muss. Ein angekündigter Sitzstreik in der Innenstadt ist zum Beispiel etwas anderes als eine Sitzaktion auf der Autobahn, die gefährlich sein kann.“

„Aktionen stellen das Thema ins Rampenlicht“

Haushofer beteuert: „Die Sicherheit steht ganz oben. Unfälle und Gewalt müssen vermieden werden. Deshalb gibt es für jegliche Proteste umfassende Sicherheitskonzepte.“ Sie findet: „Bei einer einigermaßen sinnvollen Klimapolitik wären Proteste gar nicht erst nötig.“ Als positiv bewerten beide Gruppen, dass die Klimakrise durch die Proteste der „Letzten Generation“ größere Aufmerksamkeit erfährt. „Die Aktionen stellen das Thema ins Rampenlicht“, so Haushofer. „Ob gut oder schlecht, ist erst mal dahingestellt.“

Wie radikal darf Klimaprotest nun sein? „Bislang findet vor allem ziviler Ungehorsam statt“, sagt Jan Reiners. Es handle sich noch nicht mal um Sachbeschädigung, „da die Kunstwerke hinter Glas sind“. Was in den Augen der „Parents for Future“ allerdings derzeit zu bemerken ist, ist eine starke Polemisierung des Themas durch Medien und Politiker. Damit wolle man nur vom eigenen Nicht-Handeln ablenken, sind sich Reiners und Haushofer einig. Reiners: „Plötzlich wird über harte Strafen diskutiert statt über den Klimaschutz.“

„Mittlerweile sind unsere Klima-Demos ja auch normal“

Die Wolfratshauser Gruppe erachtet es als problematisch, dass der Klimaaktivismus dadurch eine negative Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfahre, viele Menschen durch ihn genervt seien und den Kampf fürs Klima als störend wahrnehmen würden. Haushofer hat aber Hoffnung: „Am Anfang waren die Freitagsdemos von ,Fridays for Future‘ auch als schlimm bewertet worden, mittlerweile sind sie normal.“

Stellt sich die Frage, wie sinnvoll Aktionen sind, wenn sich viele Menschen davon genervt fühlen? „Für die Polemisierung sind Politiker und Medien verantwortlich“, stellt Reiners klar. „Damit schüren sie Angst und spalten die Gesellschaft.“ Die Verunglimpfung, so der Sprecher, könne dazu führen, dass sich moderate Klimaschützer abwenden, weil sie mit der „Letzten Generation“ in einen Topf geworfen werden. Sarina Haushofer bricht eine Lanze für die „Letzte Generation“. Die wisse sich „nicht anders zu helfen und will nicht einfach zusehen, wie ihre Lebensgrundlage kaputtgemacht wird“. Der Wolfratshauser Reiners beteuert: „Wir würden diese Form des Protests nicht machen.“ Stattdessen finde die Gruppe es wichtig, „dass wir als Gesellschaft gemeinsam die Herausforderung der Zukunft angehen“.

„Gewalt lehnen wir ab“

Den Demonstranten, die kürzlich in Lützerath gegen den Kohleabbau protestierten, gilt laut Haushofer die „volle Solidarität“ der Tölzer „Fridays for Future“-Gruppe – mit einer kleinen Einschränkung: „Wir sind gegen jegliche Art von Gewalt.“ Das gelte sowohl für den Polizeieinsatz mit Schlagstöcken und Wasserwerfern, „aber wir lehnen auch Gewalt gegen die Polizei strikt ab. Es gibt Aktionen, die übers Ziel hinausschießen. Wir unterstützen die Forderung nach Aufklärung vollumfänglich.“

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