Unmengen von Daten laufen unter anderem bei Behörden, Vereinen und Gewe rbetreibenden zusammen. Den Umgang damit regelt jetzt eine neue EU-Verordnung. Foto: dpa

Angst vor Bürokratie-Wust

Datenschutz-Verordnung: So gehen Kommunen, Sportvereine und kleine Firmen damit um

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Die neue Datenschutz-Verordnung sorgt für hektische Betriebsamkeit. Im Landkreis sehen sich viele zum Handeln gezwungen: vom Sportverein über die Kommunen bis hin zu kleinen Gewerbetreibenden. Teilweise werden „absurde Auswüchse“ beklagt.

Bad Tölz-Wolfratshausen„Falls Sie weiterhin über meine künstlerischen Aktivitäten auf dem Laufenden bleiben wollen, brauchen Sie gar nichts weiter unternehmen. Falls Sie das nicht möchten, beantworten Sie bitte diese Mail kurz mit ,Bitte abmelden‘ in der Betreffzeile. Ihre Daten werden dann von mir umgehend gelöscht.“ E-Mails wie diese häufen sich derzeit in fast allen Postfächern. In diesem Fall hat sie die Künstlerin Rita de Muynck aus Schlehdorf verfasst, um der DSVGO zu entsprechen, die diesen Freitag in Kraft tritt.

„Ich dachte, die Verordnung betrifft mich gar nicht“, sagt sie. Dann aber verfolgte sie die Anhörung von Facebook-Chef Marc Zuckerberg im EU-Parlament. „Da war sehr oft von der Datenschutzverordnung die Rede“, sagt die Künstlerin. „Und es hieß auch, dass Anwaltsbüros Gewehr bei Fuß stehen, um Leute abzumahnen. Deswegen habe ich mich hingesetzt und diese E-Mail geschrieben.“

„Mein virtueller Schreibtisch ist jetzt viel aufgeräumter“

Die Schlehdorferin sieht auch die andere Seite der Medaille. „Ich habe mich oft geärgert, dass ich alle möglichen Mails von Stellen bekommen habe, bei denen ich vielleicht mal etwas bestellt habe.“ Ihre jetzige Auseinandersetzung mit der Datenschutz-Verordnung habe sie zum Anlass genommen, etliche Newsletter und ähnliches abzubestellen. „Mein virtueller Schreibtisch ist jetzt viel aufgeräumter.“

So wie die Schlehdorferin als Privatperson sind auch viele Institutionen mit Freud uns Leid des Datenschutzes konfrontiert. „Für Vereine zieht das Thema einen riesigen Rattenschwanz nach sich“, meint Sebastian König, 2. Vorsitzender des TV Bad Tölz. 2200 Mitglieder hat der Verein, viele davon Kinder. Von Seiten der Vereinsverwaltung, der Übungsleiter oder Abteilungschefs wird viel mit den Daten der Mitglieder hantiert. Da werden zum Beispiel bei Verbänden Spielerpässe beantragt, in der WhatsApp-Gruppe werden Trainingstermine bekannt gegeben, Spielberichte an die Presse weitergegeben oder Mannschaftsfotos auf der Homepage veröffentlicht. „Im Verein ist man sich ja eigentlich wohlgesonnen“, sagt König. „Aber sobald ein Quertreiber dabei ist, der nicht einverstanden ist, dass sein Name im Spielberichtsbogen steht, könnten wir Probleme bekommen.“ Deswegen stehe der Verein nun vor der großen Aufgabe, sich über alle Fallstricke zu informieren und in der Breite alle, die mit Daten zu tun haben, zu sensibilisieren.

Lesen Sie auch: Facebook: Möglicherweise trifft Datenskandal keine Europäer

Prinzipiell hält König trotz allen Aufwands die DSGVO aber für wichtig. „Es wird heute so viel Blödsinn mit unseren Daten gemacht“, stellt er fest. Die neuen Vorschriften zu erfüllen, sei für den Verein zwar „verwaltungstechnisches Neuland“, aber es werde sich einspielen.

Im Detail auseinandersetzen will man sich mit der Richtlinie auch beim TV Lenggries. „Es ist Thema bei unserer nächsten Vorstandssitzung“, sagt der Vorsitzende Siegfried Brandhofer. „Auf uns kommt wahrscheinlich viel Arbeit zu“, meint er. Viele Aspekte des Datenschutzes beachte der Verein freilich jetzt schon, etwa bei Fotos von Kindern. Ob alle neuen Regeln so sinnvoll sind, da ist sich Brandhofer nicht so ganz schlüssig. „Früher war man stolz darauf, wenn man mit Foto in der Zeitung war. Heute sieht man es als Datenschutz-Problem.“ Auf der anderen Seite würden viele Menschen im Internet viele private Details preisgeben.

Zweckverband bietet Kommunen Hilfestellung an

Auf viele Veränderungen müssen sich auch die Kommunen gefasst machen. „Bei mir und den meisten Kollegen bricht trotzdem keine Panik aus“, sagt Michael Grasl, Rathauschef in Münsing und Sprecher der Landkreis-Bürgermeister. „Aber es nervt uns schon, dass alles immer komplizierter wird.“ Vieles sei in Zukunft wohl nicht mehr möglich: etwa dass ein Burschenverein bei der Gemeinde nach den Angehörigen eines bestimmten Jahrgangs fragt, um Mitglieder anzuwerben. In Tagesordnungen und Protokollen dürften wahrscheinlich keine Namen mehr von Bauantragstellern sichtbar sein. „Wir müssen uns sogar fragen: Darf der Bürgermeister wissen, wenn ein Bürger 80. Geburtstag hat, damit er ihm gratulieren kann? Die Auswüchse sind teils absurd“, findet Grasl. Dabei seien die Verwaltungen auch bisher schon „keineswegs schlampig“ mit Bürger-Daten umgegangen, in vielen Bereichen herrsche Schweigepflicht.

Hilfestellung gibt’s vom Tölzer „Zweckverband Kommunales Dienstleistungszentrum“. „Wir bieten unseren Mitgliedern den Service an, dass sie sich von einer externen Firma beraten lassen können“, sagt der stellvertretende Geschäftsleiter Thorsten Preßer. Mit ihr habe der Zweckverband eine Art Rahmenvertrag geschlossen. „Da haben wir natürlich eine bessere Verhandlungsposition, wenn wir für all unsere Mitgliedgemeinden mit insgesamt 820 000 Einwohnern sprechen.“ 57 Mitgliedskommunen nehmen die Beratung laut Preßler bereits in Anspruch. Dasselbe tut übrigens auch der Zweckverband selbst, der im Auftrag der Städte und Gemeinden sowohl Verkehrsüberwachung als auch Inkasso durchführt – also mit vielen sensiblen Daten arbeitet.

Lesen Sie aus dem Landkreis Freising: Manchen Verein wird’s „kalt erwischen“

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