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Krisentreffen vor dem Problem-Aufzug: Die Verwaltungsbeiräte Walter Kremser (li.), Doris Klunk und Rupert Fuchs (re.) sowie Helmut Funk von der Hausverwaltung. 

Mehrfamilienhaus in Bad Tölz

Defekter Aufzug: Tölzerin (87) sitzt seit Wochen in ihrer Wohnung fest

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Ohne Hilfe kommt eine Tölzer Seniorin seit Anfang September nicht mehr aus ihrer Wohnung. Der Aufzug ist stillgelegt. Die Hausverwaltung ist machtlos.

Bad Tölz – Spätestens auf halber Strecke muss Doris Klunk eine Verschnaufpause einlegen. 80 Treppenstufen trennen ihr Auto in der Tiefgarage von ihrer Wohnung im dritten Stock. Für die 75-jährige Tölzerin mit Herzproblemen stellen diese Stufen ein fast schon unüberwindbares Hindernis dar. Seit der Aufzug in dem Mehrfamilienhaus an der Peter-Freisl-Straße am 2. September stillgelegt worden ist, geht sie nur noch vor die Tür, wenn es unbedingt sein muss. Andere Bewohner trifft es noch härter: „Eine alte Dame aus dem zweiten Stock kann seit sechs Wochen ihre Wohnung nicht mehr verlassen.“

Für die Reparatur des Aufzugs zuständig ist die Firma Vestner, die sich auch um die Wartung kümmert. Die Hausverwaltung Funk hat das Unternehmen am 4. September damit beauftragt. Trotz aller Aufforderungen, Bitten und am Ende sogar Drohungen: Passiert ist bislang nichts. „Ich habe bestimmt 10- bis 15-mal nachgefragt“, sagt Hausverwalter Helmut Funk. „Die Firma hat aber immer einen Grund gehabt, warum es gerade nicht geht.“

Rupert Fuchs – wie Doris Klunk Verwaltungsbeirat in der Eigentümergemeinschaft der Wohnanlage – stößt besonders sauer auf, dass es sich bei dem Grundproblem offenbar um eine „Kleinigkeit“ handle. Ein Ersatzteil, eine Hydraulikdichtung, fehlt. Der Aufzug würde auch ohne sie funktionieren. Ein Monteur der Firma Vestner hat ihn dennoch stillgelegt. Der Grund: Es handle sich um ein sensibles Detail, das keine Kompromisse erlaube. Angeblich konnte die Dichtung wochenlang nicht geliefert werden. Von einem Sachverständigen hat sich Fuchs aber sagen lassen: „Dieses Ersatzteil ist eigentlich in ein bis zwei Tagen lieferbar.“

Seit Jahren gibt es Probleme

Verwaltungsbeirat Walter Kremser glaubt ebenfalls nicht an Lieferschwierigkeiten. „Die Firma hat geschlampert.“ Es ist nicht das erste Mal, dass es Ärger gibt: Jahrelang hatte Kremser eine Hausarztpraxis in der Wohnanlage an der Peter-Freisl-Straße und sagt: „Es gab immer wieder Probleme.“ Dass nun eine alte Dame seit Wochen in ihrer Wohnung mehr oder weniger gefangen sei, sei nicht hinnehmbar.

Die Firma Vestner geriet bereits in Negativschlagzeilen, zuletzt Anfang Juli dieses Jahres. In einem Wohnhaus der „Lebenshilfe“ in Polling (Landkreis Weilheim-Schongau) funktionierte der Aufzug fast eine Woche lang nicht. Die Bewohner im Rollstuhl konnten den ersten Stock nicht verlassen. Im Frühjahr war ein Rollstuhlfahrer aus Freising mit ähnlichen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen. Zum Zeitpunkt der Berichterstattung funktionierte der Aufzug seit drei Wochen nicht mehr.

Doris Klunk kennt diese Zeitungsartikel. Um der Firma Druck zu machen, drohte sie damit, sich ebenfalls an die Medien zu wenden. Ihre vielen E-Mails blieben trotzdem zum Teil unbeantwortet. „Ich fühle mich nicht ernst genommen“, sagt die 75-Jährige. Nach fast sechs Wochen sei ihr nun der Geduldsfaden gerissen – wie vielen anderen Bewohnern auch. Kein Wunder: In fünf der sechs Häuser der Wohnanlage gibt es Aufzüge der Firma Vestner. „Der Hausmeister ist nur damit beschäftigt, die Leute da rauszuholen“, sagt Doris Klunk.

Aufzugfirma weist Vorwürfe zurück

Das Unternehmen weist alle Vorwürfe von sich. Der Schweizer Zulieferer des Bauteils habe das Ersatzteil bei einem eigenen Zulieferer anfordern müssen, teilt Pressesprecher Heiner Sieger mit. „Im Rahmen dieser Lieferkette kam es leider zu Verzögerungen, die wir so nicht absehen und daher auch nicht früher gegenüber dem Betreiber der Anlage kommunizieren konnten.“ Das Ersatzteil sei inzwischen eingetroffen und werde am Montag montiert. „Damit ist die Leidenszeit für die Betroffenen – die wir zutiefst bedauern – zum Glück beendet.“

Die Betroffenen bleiben skeptisch. Und selbst wenn am Montag der Aufzug wieder betriebsbereit sei, wollen die Hausverwaltung und der Verwaltungsbeirat den Wartungsvertrag mit der Firma Vestner kündigen.

Das dürfte die alte Dame aus dem zweiten Stock gern hören. Mit der Zeitung will sie nicht sprechen. Sie lässt über Doris Klunk aber ausrichten, dass sie 87 Jahre alt sei und seit knapp sechs Wochen ihre Wohnung nicht mehr verlassen könne, da sie mit dem Rollator keine Treppen steigen könne. Freunde und ihr Sohn kümmerten sich aber um sie. Dass Doris Klunk an die Öffentlichkeit gegangen ist, um den Druck auf die Firma Vestner zu erhöhen, findet die alte Dame richtig. Klunk zufolge habe sie zu ihr gesagt: „Ich will endlich mal wieder raus.“

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