Nach 16 Jahren und sechs Monaten verlässt Dekan Martin Steinbach Ende Januar 2021 seine Wirkungsstätte, die evangelische Johanneskirche in Bad Tölz.
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Nach 16 Jahren und sechs Monaten verlässt Dekan Martin Steinbach Ende Januar 2021 seine Wirkungsstätte, die evangelische Johanneskirche in Bad Tölz.

Evangelischer Geistlicher geht in Ruhestand

Dekan Martin Steinbach sagt bald Servus

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Für das evangelisch-lutherische Dekanat Bad Tölz mit seinen zwölf Gemeinden beginnt das Jahr 2021 mit einem Umbruch: Martin Steinbach (65), der über 16 Jahre lang als Dekan oberster Ansprechpartner für die Protestanten im Oberland war, geht Ende Januar in den Ruhestand.

Bad Tölz – Auch wenn er in Bad Tölz so manchen Wandel miterlebt und begleitet hat: Zu seinem Abschied steht die evangelische Kirche in der Region doch recht stabil im religiösen und gesellschaftlichen Leben da. Als Martin Steinbach im Juli 2004 seinen Dienst in Bad Tölz antrat, bedeutete das für ihn eine gewisse Umstellung. Seine Heimatstadt Schweinfurt in Unterfranken sei – trotz katholischer Bevölkerungsmehrheit – historisch bedingt evangelisch geprägt, mit dominanter evangelischer Kirche am Hauptplatz. Im Oberland fand sich der Geistliche nun in einer Gegend, in der der Katholizismus tonangebend ist. „Das war schon neu für mich“, sagt Steinbach rückblickend. Die gefühlte Einstellung gegenüber der protestantischen Minderheit sei: „Es ist nicht schlimm, dass Ihr hier seid – aber gebraucht hätte es Euch nicht“, formuliert es Steinbach mit einem Schmunzeln.

Als Nachteil empfindet er die Diaspora-Situation aber nicht unbedingt. „Irgendwo profitieren wir auch von der katholischen Prägung des Oberlands – weil dadurch allgemein die Religion im Bewusstsein der Menschen ein großes Gewicht hat.“

Den Effekt, dass die evangelische Minderheit im katholischen Umfeld enger zusammenrücken würde, sieht der scheidende Dekan allerdings auch nicht. Letztlich stelle sich da keine echte „gemeinsame Identität“ ein. „Die Protestanten hier sind alle irgendwie zugereist – und sei es in zweiter oder dritter Generation“, stellt er fest. „Sie haben ihre Wurzeln in Berlin, Hamburg, Baden-Württemberg, Ober-, Mittel und Unterfranken und bringen unterschiedliche Erfahrungen und Traditionen mit.“ Steinbach fasst es so zusammen: „Wir sind ein zusammengewürfelter Haufen, der sich hier gut zusammengefunden hat.“ Und es habe ja auch einen Vorteil, wenn man sagen könne. „Ein ,Das haben wir schon immer so gemacht‘“ gibt es bei uns nicht.“

Während die Kirchen vielerorts einen Bedeutungsverlust beklagen, sei das gemeindliche Leben im Dekanat über die Jahre gleichermaßen lebendig geblieben, resümiert Steinbach. „Auch wir spüren die Kirchenaustritte natürlich schmerzlich“, sagt er. Die Zahl der Protestanten im Dekanat schrumpfte trotzdem eher moderat: von 33 000 auf rund 30 000. Der rege Zuzug nach Bayern habe da wohl einiges abgefedert: Der Bevölkerungsanteil der Evangelischen in der Region sei von 15 auf 17 Prozent gestiegen. Die Gottesdienste jedenfalls seien – bis Corona kam – in all der Zeit immer gleich gut besucht gewesen, sagt Steinbach. „Und die Gemeinde ist entgegen dem Zeitgeist wach und rege geblieben.“ Besonders freut es Steinbach, dass es ihm mit der Einführung der „Zappelphilipp-Gottesdienste“ in Bad Tölz gelungen sei, gerade junge Familien ins Gemeindeleben zu integrieren.

Positiv stechen für ihn im Rückblick auch die interreligiösen Friedensgebete hervor. „Das ist eine wohltuende Einrichtung, weil hier die verschiedenen Gruppen – Römisch-Katholische, Alt-Katholiken, Muslime und Protestanten – alle miteinander agieren.“ Dass bei der Initiative zur „Fairtrade-Stadt Bad Tölz“ ebenfalls konfessionsübergreifend zusammengearbeitet wurde – in diesem Fall auf Ebene von Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat – sieht Steinbach als weitere positive Entwicklung in seiner Amtszeit. Als Höhepunkt bleibt ihm zudem das Luther-Jubiläum 2017 in Erinnerung – sowie auch die Eröffnung eines zweiten Kindergartens in Trägerschaft der Gemeinde, nämlich dem in Bad Heilbrunn.

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Kirchenintern spürte Steinbach, dass das große Dekanat mit Gemeinden in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach – „vom Spitzingsee bis zum Starnberger See, vom Alpenrand bis zum Münchner Land“, wie Steinbach sagt – sich in den vergangenen 16 Jahren konsolidiert habe. „Es hat eine Identifizierung stattgefunden. Steinbachs Tätigkeit ist offiziell so definiert, dass er sich zu 57 Prozent um seine Aufgaben als Dekan kümmert und zu 43 Prozent Tölzer Gemeindepfarrer ist. „Dieses Halbe-Halbe hat mir immer sehr gut gefallen“, sagt er – auch wenn er bedauert, dass die kirchliche und gesamtgesellschaftliche Tendenz dahin geht, dass der Bürokratismus immer mehr Arbeitszeit auffresse.

Zu Steinbachs Wirken in Bad Tölz gehört auch, dass die Gemeinde insgesamt fünf Geflüchteten Kirchenasyl gewährte. Sie lebten teils in der Pfarrwohnung bei Familie Steinbach. „Sie waren in Not und wurden uns von Helfern ans Herz gelegt – da kann man sich nicht einfach wegducken“, sagt der Dekan. Ein Verfahren gegen ihn stellte die Staatsanwaltschaft am Ende ein.

Den ursprünglichen Plan, im Ruhestand nach Schweinfurt zurückzukehren, hat Martin Steinbach längst verworfen. Er und seine Frau Birgit – die drei erwachsenen Kinder sind aus dem Haus – sind im Oberland mittlerweile so verwurzelt, dass sie sich lieber Iffeldorf als Altersruhesitz ausgesucht haben. Abstecher nach Bad Tölz sind da jederzeit drin.

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