Rollstuhlfahrerin Sybille Janisch vor einem Integral-Zug der BOB.
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In die alten Integral-Züge konnten Rollstuhlfahrer leichter einsteigen, wie Sybille Janisch kürzlich dem Tölzer Kurier fürs Foto zeigte. Mittlerweile fahren auf den BOB-Strecken nur noch Lint-Züge.

Zugverkehr

Demo gegen neue Lint-Züge der BRB geplant

  • Andreas Steppan
    VonAndreas Steppan
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Sind die neuen Züge auf den Bahnstrecken im Oberland barrierefrei? Dazu nimmt BRB-Chef Fabian Amini nun Stellung. Aktivisten bereiteten unterdessen eine Demo vor.

  • Die Bayerische Regionbahn (BRB) hat diesen Sommer auf den Strecken im Oberland ihre bisherigen Integral- und Talent-Züge gegen eine neue Lint-Flotte ausgetauscht.
  • Menschen mit Behinderung sind zum Einsteigen darauf angewiesen, dass der Zugführer ihnen eine Rampe auslegt.
  • Während BRB-Chef Amini darauf verweist, dass die neuen Züge auch viele Fortschritte in Richtung Barrierefreiheit bringen, plant der Inklusionsbotschafter Markus Ertl aus Lenggries eine Demonstration gegen die Züge.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die neuen Lint-Züge der Bayerischen Oberlandbahn (BOB): Bedeuten sie Fortschritt oder Rückschritt? Diese Frage sorgt weiterhin für Debatten. Inklusionsbotschafter Markus Ertl aus Lenggries plant nun eine Demonstration am BOB-Standort Holzkirchen, um auf die Nachteile für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste aufmerksam zu machen. Fabian Amini, Geschäftsführer des BOB-Mutterbetriebs Bayerische Regiobahn (BRB) betont unterdessen die Vorteile der Lint-Züge – auch für Menschen mit Behinderung.

Im Tölzer Kurier hatten Ertl sowie die Rollstuhlfahrerin Sybille Janisch kürzlich unter anderem beklagt, dass Rollstuhlfahrer nicht ohne fremde Hilfe in die Lint-Züge einsteigen könnten, weil zwischen Bahnsteig und Zug eine Lücke und ein Höhenunterschied klafft. Amini nimmt dazu nun noch einmal persönlich Stellung.

„Ich will nichts wegdiskutieren“, sagt er. Im Vergleich zu den jetzt aus dem Verkehr gezogenen 17 Integral-Zügen gebe es beim „Lint“ für Menschen im Rollstuhl eine „schlechtere Einstiegssituation“. Bei den sechs Talent-Zügen, die ebenfalls ausgetauscht wurden, sei das Problem allerdings dasselbe gewesen wie beim „Lint“.

„Ich hatte noch nie eine Beschwerde auf dem Tisch, dass ein Rollstuhlfahrer übersehen wurde“

Die Fahrzeugführer würden aber problemlos und rasch eine Rampe auslegen, über die Rollstuhlfahrer einsteigen können – so sei es beim „Talent“ gelaufen und jetzt auch beim „Lint“. „Wir helfen gerne, und ich habe auch noch nie eine Beschwerde auf dem Tisch gehabt, dass ein Rollstuhlfahrer übersehen wurde“, betont Amini.

Janisch und Ertl hatten beklagt, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr so flexibel reisen könnten wie bisher. Amini widerspricht der Aussage, die Bestellung des Mobilitätsservice müsse 48 Stunden vorher erfolgen. „Die Voranmeldung geht über unseren Kundenservice bis zum Vorabend der Fahrt, es klappt aber auch ganz spontan und ohne Voranmeldung.“ Wenn Rollstuhlfahrer ihre Reise vorab anmelden, dann könne die BRB aber besser planen.

Fabian Amini, Geschäftsführer der BRB.

Der BRB-Chef räumt ein, dass auch Fahrzeuge mit anderer Einstiegshöhe gebaut werden können, bei denen der Einstieg mit dem Rollstuhl an einigen Bahnhöfen leichter sei. „Aber so etwas gibt es nicht von der Stange, die hätten wir niemals 2020 bekommen“, sagt er. Die Anschaffung hätte dann wohl erst in etwa fünf Jahren erfolgen können und damit frühestens nach einer Neuvergabe der Oberlandstrecken.

Grundproblem sind unterschiedliche Bahnsteighöhen

Das, so Amini, hätte für die Fahrgäste fünf Jahre längeres Warten auf Verbesserungen etwa bei Fahrzeugzuverlässigkeit, Klimaanlage und Fahrgastinformation bedeutet. Und Menschen mit Behinderung hätten noch nicht von weiteren Fortschritten profitiert. Amini nennt hier die „Taktilität“ (Wahrnehmbarkeit für Blinde durch Berührung) der Drucktaster an Ein- und Ausstieg sowie am WC, die taktile Bodenmarkierung, die barrierefreien Toiletten mit SOS-Taste in geringer Höhe, und die vertikalen Haltestangen im Zuginneren. Als großen Vorteil im „Lint“ bezeichnet es Amini, dass der Bereich für Rollstuhlfahrer von dem für Räder getrennt sei. „Sie müssen nicht mehr miteinander um die Stellplätze konkurrieren.“ Um all diese Vorzüge zu erhalten, sei die schlechtere Einstiegssituation „ein Manko, das wir in Kauf nehmen mussten“.

Ein Grundproblem der Barrierefreiheit sieht Amini aber außerhalb des Einflussbereichs der BRB: die bundesweit, aber auch schon innerhalb des Oberlands unterschiedliche Höhe der Bahnsteige. „Sie liegen zwischen 96 und 20 Zentimetern über der Schienenoberkante. Es gibt kein Fahrzeug, das diese Unterschiede ausgleichen kann.“ Die Homogenisierung der Höhen sei „ein Problem, das Deutschland noch Jahrzehnte beschäftigen wird“.

Inklusionsbeauftragter sieht das Bundesgleichstellungsgesetz verletzt

Inklusionsbotschafter Ertl stellen die Ausführungen Aminis nicht zufrieden. Er habe zu den neuen Zügen bereits klar kommuniziert und bleibe dabei: „Nennen Sie das nicht Barrierefreiheit!“ Als Mensch mit Behinderung wolle man sich einfach nicht darauf verlassen müssen, von einem Zugbegleiter oder -führer wahrgenommen zu werden. „Ich habe mehrmals von Leuten gehört, die am Bahnsteig wild winken mussten, bis der Zug fast weggefahren wäre.“ Die Zugführer hätten dann erst mal nach der Rampe suchen müssen. Und wie sicher könne man sich sein, dass das auch passiert, wenn der Zugführer im Stress ist, zum Beispiel, weil der Zug bereits verspätet ist?

Markus Ertl, Inklusionsbotschafter aus Lenggries.

Ertl wurde außerdem zugetragen, dass ein Rollstuhlfahrer mit Sauerstoffgerät nicht genug Platz im Rollstuhlbereich finde. Zudem könnten Rollstuhlfahrer die Züge im Brandfall nicht schnell genug verlassen. Der Rollstuhlfahrerplatz neben der Toilette sei „unwürdig“, so Ertl.

Gewisse Fortschritte gebe es bei den Lint-Zügen durchaus. „Aber es ist alles nicht durchdacht.“ Ertl verweist darauf, dass nach dem Bundesgleichstellungsgesetz Barrierefreiheit bedeute, „dass technische Anlagen – dazu zählen auch Züge – eigenständig betretbar sind“.

Der deutschlandweite Verein „Ungehindert“, dessen 2. Vorsitzender Ertl ist, will am 21. August vor dem Bahnhof Holzkirchen demonstrieren – für eine Nachrüstung der Lint-Züge, aber auch allgemein für Barrierefreiheit im Bahnverkehr. Ertl hofft auf rund 100 Teilnehmer.

Die Lint-Züge rufen außerdem Kritik auf den Plan, weil sie zu laut seien.

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