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Was wusste Kardinal Ratzinger über einen pädophilen Pfarrer? Auch Tölzer Pfarrgemeinde betroffen

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Von: Andreas Steppan

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Die Tölzer Franziskanerkirche war im März 2010 Schauplatz eines Eklats im Gottesdienst. Es ging um den wegen Missbrauchs vorbestraften Pfarrer H..
Die Tölzer Franziskanerkirche war im März 2010 Schauplatz eines Eklats im Gottesdienst. Es ging um den wegen Missbrauchs vorbestraften Pfarrer H.. © ARCHIV

Der denkwürdige Tag liegt mittlerweile fast zwölf Jahre zurück. Aktuell aber erinnern Medienberichte erneut an die Zeit, als Bad Tölz unversehens im Mittelpunkt des internationalen Medieninteresses stand. Es waren mit die schwersten Tage, die die Pfarrgemeinde durchlebte. Bis heute ist die Aufklärung von Seiten der Katholischen Kirche lückenhaft.

Bad Tölz – „Pfarrgemeinde steht unter Schock“, titelte der Tölzer Kurier in seiner Ausgabe vom 15. März 2010. Tags zuvor war es im Sonntagsgottesdienst um 11.30 Uhr in der Franziskanerkirche zu einem Eklat gekommen. Die Tage zuvor hatten die Medien über Vorwürfe gegen die Erzdiözese München-Freising und Papst Benedikt XVI. berichtet. Er soll es einst als Erzbischof von München und Freising zugelassen haben, dass ein pädophiler Pfarrer weiter in der Seelsorge tätig war.

Kirchenbesucher springt im Gottesdienst auf

Vielen Tölzer Gläubigen war klar, dass sich die Debatte um Peter H. drehte, der seit 2008 in Bad Tölz tätig war. Eigentlich hätte der Kur- und Tourismusseelsorger den Gottesdienst an jenem Sonntag leiten sollen. Stattdessen stand der damalige Stadtpfarrer Rupert Frania am Altar. Der sprach die Causa nicht explizit an. Da sprang ein Mann von der Kirchenbank auf und rief aufgebracht: „Was ist mit Pfarrer H.?“ Er habe in wenigen Wochen Trauungstermin bei Pfarrer H. und wollte das Thema gerne offen angesprochen haben. Vor der Kirchentür standen da schon ein Kamerateam von RTL sowie Korrespondenten der New York Times und der italienischen Zeitung La Stampa, um Gottesdienstbesucher zu interviewen.

„Die Zeit“ berichtet aktuell über Entwicklung

In der Gemeinde war neben Entsetzen auch eine gewisse Solidarität mit dem damals 62-jährigen H. zu spüren. Gläubige beschreiben seine unkomplizierte, fröhliche Art. Im Umgang mit Jugendlichen habe er sich in Tölz nie etwas zu Schulden kommen lassen. Den Stab wollten viele nicht über ihn brechen.

Was über H.s Vergangenheit bekannt ist, ist in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ noch einmal nachzulesen. Gegen den in Gelsenkirchen geborenen Pfarrer H. hatten sich demzufolge bereits in den 1970er-Jahren Vorwürfe gehäuft. Nachdem ihn Passanten in einem Park in Bottrop beobachtet hatten, wie er sich vor Kindern befriedigte, verbrachte er eine Nacht in Polizeigewahrsam. Kurz darauf wurde er nach Essen-Rüttenscheid versetzt. Dort warfen ihm Eltern vor, ihre Kinder unsittlich berührt zu haben. Aus jener Zeit stammt auch der Vorwurf des damaligen Ministranten Wilfried Fesselmann, ihn bei einer Übernachtung im Pfarrhaus mit Alkohol gefügig gemacht und missbraucht zu haben. Fesselmann sollte dies 30 Jahre später öffentlich machen und damit den Skandal von 2010 ins Rollen bringen.

Vom Amtsgericht Ebersberg verurteilt

1980 wurde Pfarrer H. zur Therapie nach München geschickt. Ab 1982 war er als Pfarrvikar in Grafing im Einsatz. Neue Anschuldigungen wurden laut, 1986 verurteilte ihn das Amtsgericht Ebersberg zu 18 Monaten auf Bewährung und 4000 D-Mark Geldstrafe, weil er elf Buben zwischen 13 und 16 Jahren missbraucht hatte.

Dennoch wurde H. 1987 Hilfspriester in Garching an der Alz. Dort holte ihn die Vergangenheit 2006 wieder ein, als Wilfried Fesselmann ihm anonyme E-Mails schickte und von der Kirche eine Entschädigung forderte. 2008 habe Kardinal Reinhard Marx den „Problempriester“ nach Bad Tölz versetzt, heißt es in der „Zeit“ – bis ihn das Bistum Essen im März 2010 in den Ruhestand versetzte.

Zornig auf Ordinariat

In Bad Tölz richtete sich der Zorn nach dem ersten Schock vor allem auf das Ordinariat. Weder Stadtpfarrer Frania noch Dekan Ludwig Scheiel waren von H.s Missbrauchvergangenheit informiert worden. Es wird nun bekannt, dass H. auch in Bad Tölz durchaus Kontakt zu Jugendlichen hatte. Die Gemeinde fühlte sich nach der Aufdeckung im Regen stehen gelassen – bis eine Woche später Weihbischof Wolfgang Bischof zu einer Aussprache mit Pfarrangehörigen nach Bad Tölz kam.

Aufarbeitung bis heute nicht abgeschlossen

Während sich die Wogen in Bad Tölz nach einiger Zeit wieder glätteten, ist die Aufarbeitung für die Kirche bis heute nicht abgeschlossen. In Kürze soll eine vom Ordinariat in Auftrag gegebene Untersuchung einer Anwaltskanzlei veröffentlicht werden. Sie soll zur Klärung der Frage beitragen, ob Joseph Ratzinger von H.s Vergangenheit wusste und dies entgegen seiner Pflichten nicht dem Vatikan meldete.

Der emeritierte Papst, der heute, mit 94 Jahren zurückgezogen in einem Kloster in den Vatikanischen Gärten lebt, bestreitet dies. Peter H., heute 74, wiederum wurde laut „Zeit“ im Frühjahr 2021 vom Bistum Essen aus München zurück ins Ruhrgebiet beordert, wo er regelmäßig Besuch von Therapeuten und Betreuern bekomme. Die Wochenzeitung schreibt: „Auf die Straße traut er sich angeblich nur selten.“

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