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Der hohe Preis des Friedens: Florian Völler vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Interview

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Von: Katja Brenner

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Gedenken zum Volkstrauertag 2020: Wegen der Pandemie war das nur im kleinen Kreis möglich.
Gedenken zum Volkstrauertag 2020: Wegen der Pandemie war das nur im kleinen Kreis möglich. © privat

Heute ist Volkstrauertag. Daher hat der Tölzer Kurier mit Florian Völler, Kreisbeauftragter des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, über Krieg, Frieden und die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge gesprochen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Er tat selbst zwölf Jahre Dienst an der Waffe und hat sich Frieden und Völkerverständigung verschrieben: Florian Völler, Hauptfeldwebel der Reserve, engagiert sich ehrenamtlich als Kreisbeauftragter für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Tölzer Kurier hat mit dem 37-jährigen gebürtigen Tölzer, der mittlerweile in Geretsried lebt, anlässlich des Volkstrauertags am Sonntag über Krieg, Frieden und die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge gesprochen.

Wo und wann waren Sie im Einsatz, und wie hat Sie das geprägt?

Ich war 2006 in Bosnien im Einsatz und in Sarajevo stationiert, 2007 war ich für ein halbes Jahr im Kosovo. In Bosnien sieht man noch an vielen Hausfassaden Einschusslöcher. Das war einer der prägenden Kriegseindrücke für mich. Damals war ich auch an der Gedenkstätte in Srebrenica. Bei Sarajevo gibt es jedoch auch riesengroße Gräberfelder. Wenn man auf Hunderten von Metern nur Kriegsgräber sieht, dann wird einem erst wieder so richtig bewusst, welch hohen Preis wir für den Frieden in Europa zahlen mussten.

Seit wann sind Sie Mitglied beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, und wie kamen sie dazu?

Seit 2002 war ich als junger Soldat bei Haus- und Straßensammlungen für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterwegs, seit 2004 bin ich Mitglied, seit 2017 Kreisbeauftragter. Die Entscheidung war auch eine persönliche, denn mein Urgroßvater gilt seit Kriegsende, seit April 1945, als vermisst. Zeit des Lebens meiner Urgroßmutter galt ihr Ehemann als verschollen – heute gibt es ein Grab auf der Kriegsgräberstätte in Halbe, es war aber nie klar: Ist er noch am Leben oder nicht. Mich hat das Thema beschäftigt, auch weil es mit dem Soldatentum eng verbunden ist.

Florian Völler, Kreisbeauftragter des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Florian Völler, Kreisbeauftragter des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge © privat

Wie würden Sie ihre Aufgabe beschreiben?

Ich bin der erste Ansprechpartner für die Reservisten- und Veteranenvereine, für die Sammlungen und die Totenehrungen. Zum anderen sehe ich mich als Vermittler. Ich würde gerne mehr in Schulen gehen, das war wegen der Pandemie jüngst aber kaum möglich. Wir haben in Deutschland einen guten Ansatz, was die historische und politische Bildung angeht, mit sehr engagierten Lehrern. Was allerdings aus Zeitgründen oft nur angerissen werden kann, ist die Lokalgeschichte. Dass in Tölz die SS-Junkerschule war und warum die Amerikaner bis 1991 da waren, das kommt alles kaum vor. Durch dieses Wissen über das Geschehen in der eigenen Heimat wird Geschichte jedoch greifbar. Hier spielt die Kriegsgräberfürsorge eine große Rolle.

Sie helfen auch, im Ausland Gefallene und Verschollene wiederzufinden, beziehungsweise den Angehörigen Gewissheit zu verschaffen, wo ihre Liebsten liegen. Konnten Sie für Landkreisbüger schon welche finden?

Das war tatsächlich gerade erst der Fall. An Allerheiligen stehe ich für die Sammlung immer in Geretsried und in Bad Heilbrunn. In Geretsried wurde ich von einer älteren Dame angesprochen, deren Vater auch im Krieg verschollen war, sie hat das als Kind erfahren. Dafür gibt es die Gräbersuche online, die mit dem Suchdienst des Roten Kreuz verbunden ist. Wir haben uns die Daten des Vaters der Frau geben lassen und tatsächlich jemanden gefunden, auf den sie passten. Das war emotional sehr bedeutsam für sie. Wir haben ihn auf der Kriegsgräberstätte in Bartosze in Polen gefunden, da gibt es einen Eintrag im Gedenkbuch – was aber nicht heißt, dass er dort liegt. Seine letzte Feldpost ging dorthin. Wenn es kein Grab gibt, gibt es einen Eintrag im Gedenkbuch, als Ort der letzten Ruhe. 2,8 Millionen Tote aus beiden Weltkriegen liegen weltweit in 833 Kriegsgräbern in 46 Ländern.

Warum ist das Engagement beim Volksbund Einsatz für den Frieden?

Man muss sich vor Augen führen: Man ist sich bis Mai 1945 als erbitterte Feinde gegenüber gestanden. Jetzt haben wir 76 Jahre Frieden auf europäischem Boden, es gibt viele internationale Kooperationen im politischen und im Bildungsbereich. Wer sich früher im Graben gegenüber stand, kann sich heute die Hand zum Frieden über den Kriegsgräbern reichen. Das Jugendliche aus verschiedenen Ländern gemeinsam das Grab des ehemaligen Feindes pflegen und somit auch würdigen, das war vor 75 Jahren noch undenkbar.

Sind also Kriegsgräber und Kriegerdenkmäler Mahnmale für den Frieden?

Definitiv, auch wenn beides leider manchmal von bestimmten Gruppen bewusst falsch gedeutet wird und die Kriegstoten zu Helden stilisiert werden. Kriegsgräber und Kriegerdenkmäler sind meines Erachtens ähnlich wie Stolpersteine und Gedenkstätten. Man muss bedenken: Nicht jeder Soldat war glühender Nazi. Menschen mussten unfreiwillig in einen Krieg ziehen, den bei Weitem nicht alle wollten. Hier kann man in Sachen Geschichtsbildung ansetzen, da viele der Namen auf Kriegerdenkmälern aus der direkten Nachbarschaft kommen. Auf vielen findet man die Namen von alteingessenen Bauernfamilien. Gerade in den letzten Kriegstagen wurden viele junge Menschen eingezogen. Die Eingezogenen waren 15, 17, 19 Jahre alt und hatten das ganze Leben noch vor sich. Die Schrecken des Krieges mit einem persönlichen Schicksal verbunden: Daraus kann man mehr lernen als aus Zahlen, da sieht man, was für Schicksale dahinter stecken.

Viele beobachten angesichts der Pandemie eine Spaltung der Gesellschaft. Wie wichtig ist es in Corona-Zeiten, Ihren Einsatz für Solidarität und Zusammenhalt fortzusetzen?

Die Frage ist: Hat sich die Gesellschaft spalten lassen, oder hat sich ein Teil der Gesellschaft bewusst abgespalten? Das kann ich nicht sagen, das müssen andere beantworten. Am gesellschaftlichen Zusammenhalt muss natürlich immer gearbeitet werden. Gerade der Anfang der Pandemie hat ja gezeigt: Wir können Solidarität, wenn wir wollen. Es wäre schön, diese wieder zu sehen.

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