+
Die Tölzer Lösung: Der Name bleibt, die Erinnerung an den ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wird in der Kreisstadt aber mit einem Informationsweg Hindenburgstraße durch notwendige historische Erläuterungen ergänzt. „Zur Nachahmung empfohlen“, urteilte der namhafte Hindenburg-Biograf Wolfram Pyta.

Informationsweg Hindenburgstraße

„Der Tölzer Weg überzeugt mich nicht“

Bad Tölz - Ein Jahr nach der Eröffnung: Der Historiker Jürgen Zarusky kritisiert das Konzept des Informationswegs Hindenburg – und erntet Widerspruch.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde der Informationsweg Hindenburg in Bad Tölz eröffnet. Seitdem ist es ruhig geworden um den zuvor intensiv diskutierten Umgang mit historischen Altlasten. Bis sich vor einigen Tagen der Historiker und Chefredakteur der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Dr. Jürgen Zarusky, im Hauptteil der Süddeutschen Zeitung zu Wort meldete. Die Tölzer befänden sich mit dem Kompromiss: Straßenname bleibt, wird aber durch Informationen ergänzt, „auf dem Holzweg“.

Fälschlicherweise ging die SZ nur von einer Infotafel aus, „die aufgestellt werden soll“. Dass es sich um einen Informationsweg mit neun Stelen und einer Tafel handelt, der längst eingeweiht ist, war auch Zarusky nicht bekannt. „Leider“, wie er gestern sagte. Er habe sich da, teilte er dem Tölzer Kurier auf Anfrage mit, auf die Journalistin verlassen.

Dass der Begriff „Holzweg“ beim Arbeitskreis Hindenburg in Tölz sowie bei den örtlichen Kommunalpolitikern vor diesem Hintergrund für Unmut und Unverständnis sorgte und „ein Fehler war“, kann Zarusky deshalb ohne weiteres nachvollziehen. In einem Leserbrief stellte sich gestern Prof. Dr. Hermann Rumschöttel vehement vor die Stadt Bad Tölz und ihre „intensive, ernsthafte und wissenschaftliche Suche nach einer angemessenen Problemlösung“. Der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns war auch Mitglied des Tölzer Arbeitskreises. Er macht deutlich, „dass nicht in jedem Fall die Löschung des problematischen historischen Erbes der angemessene Weg ist, sondern die kritische, aufklärende und damit zukunftsweisende Auseinandersetzung“.

Zarusky erkennt die Arbeit der Tölzer – im Nachhinein – an. Der Tölzer Weg überzeugt ihn dennoch nicht. Wenn die Stadt Hindenburg schon postum die Ehrenbürgerwürde aberkenne, weil der ehemalige Reichspräsident nicht identitätsstiftend wirken könne, dann dürfe man auch nicht am Straßennamen festhalten. Der Historiker vom Institut für Zeitgeschichte zeigt sich dann doch recht gut über Tölz informiert, wenn er sowohl das kleine Denkmal für die Widerstandskämpferin Marie-Luise Schultze-Jahn (vor dem Landratsamt) und das Todesmarsch-Denkmal (vor der Mühlfeldkirche) erwähnt und auf den Widerspruch hinweist, der durch den Fortbestand eines Straßennamens zur Erinnerung an einen Wegbereiter der NS-Herrschaft entsteht. „Wie passt das zusammen?“

Auch ein ansprechend gestalteter historischer Informationsweg, so argumentiert er weiter, könne ignoriert werden. „Auf Briefbögen und Landkarten spielt er keine Rolle. Da bleibt die Hindenburgstraße einfach die Hindenburgstraße.“

Zarusky bezweifelt, ob das beabsichtigte „Brechungskonzept“ wirklich funktioniert. Der Wert der Arbeit liege in der Bereitstellung der Informationen, „die aber einen Abschied von der Hindenburgstraße nahelegen sollten“. Er sei noch nicht fertig: „Es fehlt die zehnte Stele, die den Prozess der Umbenennung dokumentiert.“

Der Dritte Bürgermeister der Stadt Bad Tölz, Christof Botzenhart, selbst promovierter Historiker, kann Zaruskys Positionen nachvollziehen. Sein Fazit ist aber ein anderes: „Der Info-Weg hält Geschichte wach, informiert seriös und tilgt Geschichte nicht.“ Und, ein wichtiger Punkt, er trage den realpolitischen Verhältnissen Rechnung. Botzenhart: „Eine Umbenennung wäre im Stadtrat nicht durchgegangen, Punkt.“ Da habe der Arbeitskreis und die Rathausspitze „auf das lokalpolitische Koordinatensystem Rücksicht nehmen müssen“. Der Bürgermeister erinnert an den fatalen Verlauf des Verfahrens in Garmisch-Partenkirchen, wo ein Bürgerentscheid den Umbenennungsbeschluss des Stadtrats hinwegfegte. So eine „Blamage“ habe sich Tölz erspart.

Vielleicht hätte sich die Stadt Bad Tölz mit der Eröffnung des Informationsweg Hindenburg vor einem Jahr auch überregionales Echo für diesen alternativen Lösungsweg erwartet. Die SZ-Geschichte und die Diskussion darum dienen nun jedenfalls als Denkanstoß. Auf Rumschöttels SZ-Leserbrief erhielt die Stadt gestern prompt eine E-Mail von einem Studiendirektor aus Windach (Landkreis Landsberg). Der hatte sich aufgrund der Berichterstattung gleich den Internetauftritt (www.informationsweg-Hindenburgstrasse.de) angeschaut und war voll des Lobes. „Ein positives Musterbeispiel, wie demokratisch-bürgernah auch mit schwierigen politischen Themen umgegangen werden kann.“ Er selbst werde deshalb Tölz besuchen und dies auch seinen Schülern ans Herz legen.

Bürgermeister Josef Janker hat bereits mit dem Gedanken gespielt, auch Jürgen Zarusky nach Tölz einzuladen. Er würde kommen, sagt der Historiker, und sich einem Gespräch nicht verweigern.

Christoph Schnitzer

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Finanzspritze für Musical „Anatevka“
Finanzspritze für Musical „Anatevka“
13-Jährige macht lange Finger
Ein junges Mädchen hat am Samstag versucht, eine Packung künstlicher Fingernägel aus einer Drogerie zu stehlen. Am Ausgang löste die Tölzerin allerdings Alarm aus.
13-Jährige macht lange Finger
Einbrecherin (44) auf frischer Tat ertappt
Mumm hat sie, das muss man einer 44-jährigen Frau aus Lenggries lassen, die am Wochenende gleich zwei Mal hintereinander in den gleichen Wohn- und Gebäudekomplex …
Einbrecherin (44) auf frischer Tat ertappt

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare