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Schreiben müssen manche Flüchtlings-Kinder in den Übergangsklassen erst noch lernen.

Integrationsarbeit an Schulen 

Deutschklassen: „Was Söder gerne hätte, haben wir hier schon“

„Deutschklassen“ für Flüchtlingskinder will Ministerpräsident Markus Söder einführen. Dabei sind viele seiner Ideen schon heute Alltag – nämlich in den beiden Übergangsklassen in Bad Tölz und Geretsried.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Kinder aus Migrantenfamilien sollen als erstes einmal intensiv die deutsche Sprache und hiesige Wertvorstellungen lernen: Mit seiner Forderung nach gesonderten „Deutschklassen“ für Zugewanderte hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fürrege Diskussionen gesorgt. Tatsächlich ist vieles von dem, was Söder vorschwebt, im Landkreis bereits Realität. Nur unter dem Namen „Übergangsklassen“.

„Genau das, was Söder gerne hätte, haben wir hier schon“, sagt Christian Müller, Leiter der Tölzer Südschule. Hier ist eine von zwei Übergangsklassen im Landkreis angesiedelt, die andere an der Geretsrieder Mittelschule. In Lenggries wurde eine Übergangsklasse, die zuletzt noch sieben Schüler hatte, nach Auskunft von Schulamtsleiterin Marianne Konrad vor einigen Wochen aufgelöst.

In diese Klassen gehen Kinder und Jugendliche im Mittelschulalter, die nicht genug Deutsch können, um dem Unterricht zu folgen – wobei das Spektrum laut Konrad von „gut sozialisierten und schulgewohnten Kindern“ bis hin zu solchen reiche, die weder Lesen noch Schreiben können. „Bei Grundschulkindern klappt es oft besser, wenn sie gleich in den Regelklassen mitlaufen und sich im deutschen ,Sprachbad‘ bewegen“, erklärt Schulrätin Konrad. Die Erfahrung zeige: Flüchtlingskinder, die hier in die erste oder zweite Klasse kamen, reden in der Dritten meist schon Bairisch.

Die etwas Älteren sollen dagegen in den jahrgangsübergreifenden „Übergangsklassen“ fit gemacht werden für den „normalen“ Unterricht. In der Praxis werde individuell entschieden, wann ein Kind in eine Regelklasse übertreten kann. „Es gibt welche, bei denen es schon nach acht Wochen geht, bei anderen dauert es länger als ein Jahr“, sagt Magdalena Singer. Der Übergang kann auch schrittweise erfolgen – zum Beispiel zuerst nur in Mathe.

Ganz so, wie es sich Söder für seine „Deutschklassen“ vorstellt, handelt es sich bei den Übergangsklassen um kleine Gruppen: 13 Schüler sind es aktuell in Bad Tölz, „15 Kinder aus zehn Nationen“ nach Singers Auskunft in Geretsried. Eine Besonderheit im Landkreis ist – auch das ganz nach Söders Modell – die Ganztagsbeschulung. „Das hat den großen Vorteil, dass die Kinder nicht so separiert sind, wie wenn sie nach fünf oder sechs Unterrichtsstunden mittags nach Hause gehen.“ Ganzstagsschüler aller Klassen würden sich etwa beim Mittagessen treffen und bei der Mittagsfreizeit Kontakte knüpfen. „Jeden Donnerstag werden bei uns alle acht Ganztagsklassen ohnehin gemischt“, erklärt Müller.

Der Ministerpräsident möchte, dass in „Deutschklassen“ nicht nur die deutsche Sprache vermittelt wird, sondern auch „unsere Werte“. So etwas stehe zwar aktuell nicht explizit im Lehrplan, „aber ein guter Lehrer versucht, das mitzuvermitteln“, sagt Konrad. Wenn im Hauswirtschaftsunterricht ein Bub äußere, so etwas sei doch Frauensache, komme er nicht damit durch. Und im Sport werde „eine Kultur der Fairness gelebt“, so Konrad. Überhaupt bekämen die zugewanderten Kinder in der Schule viel gelebte bayerische Kultur mit. Dank Fördermitteln aus dem Europäischen Sozialfonds kümmern sich an beiden Schulen übrigens zusätzlich Sozialarbeiter um die Kinder aus den Übergangsklassen und deren Familien.

„Wir sind eine Art Trainingsraum für das Leben in Deutschland“, formuliert es Singer. Egal ob Essgewohnheiten, der Umgang zwischen den Geschlechtern oder Konfliktlösung durch Gespräche „und weder mit Schreien und Schlagen“ – all das werde den Schülern vermittelt. „Gerade bei Flüchtlingskindern haben wir auch besonderen Wert auf den Schwimmunterricht gelegt“, berichtet sie. „Die Kinder lernen bei uns, was ein Verein ist und wie man beitreten kann.“ Ähnlich sieht es an der Tölzer Südschule aus. „Aber man kann das sicher noch intensivieren“, meint Müller.

Er bezeichnet die Übergangsklasse sogar als „Vorzeigeklasse“, und auch Singer berichtet von positiven Erfahrungen. „Ein Kollege, der in der Übergangsklasse die Vertretung übernommen hat, hat mir vor ein paar Tagen ganz begeistert berichtet: ,Stellen Sie sich vor, die Kinder haben sich nach dem Unterricht bei mir bedankt.‘“

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