Familienpaten im Landkreis sind gefragt: Manche Eltern brauchen etwas Entlastung. (Symbolfoto)
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Familienpaten im Landkreis sind gefragt: Manche Eltern brauchen etwas Entlastung. (Symbolfoto)

Martina Reichl entlastet Eltern im Landkreis und schenkt Zeit und Unterstützung

Zeit schenken, Eltern entlasten: Eine Familienpatin berichtet

  • Felicitas Bogner
    vonFelicitas Bogner
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Martina Reichl aus Bad Tölz erzählt, wie sie ehrenamtliche Familienpatin der Diakonie Jugendhilfe wurde - und wie sie in dieser Funktion Kinder und Eltern unterstützt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Sie nehmen sich ehrenamtlich Zeit, um Familien mit Kindern eine Stütze zu sein, überlasteten Eltern Zeit zu schenken oder – je nach individuellem Bedürfnis – zu helfen. Die Familienpaten der Diakonie Jugendhilfe Oberbayern am Standort Süd.

Eine von ihnen ist Martina Reichl. Die 57-jährige Tölzerin ist einmal pro Woche bei einer Familie aus dem Landkreis. Sie kümmert sich seit November jeweils zwei Stunden um den kleinen Sohn der alleinerziehenden Zweifachmutter. „Wir gehen meist gemeinsam raus an die frische Luft, sind in der Natur oder auf einem Spielplatz – das bietet sich mit Blick auf Corona aktuell gut an“, sagt Martina Reichl im Gespräch mit unserer Zeitung. In dieser Zeit kann die Mutter des Kleinkindes sich um ihre Ablage kümmern, einkaufen, „oder einfach mal durchschnaufen und die Zeit für sich alleine nutzen“.

Wie eine Bankerin Job-Coach und Familienpatin wurde

Zeit schenken und im Rahmen der Möglichkeiten für Entlastung sorgen – das sind zwei Motivationspunkte für Martina Reichl, das Ehrenamt auszuüben. Aber nicht nur das. Reichl hat einen besonderen Bezug zur „Hilfe zur Selbsthilfe“. Denn die 57-jährige ist als Job-Coach und Veränderungsberaterin selbstständig tätig.

Martina Reichl (57), Familienpatin aus Bad Tölz.

Das war nicht immer so. „Ich habe früher in Führungspositionen im Bankwesen gearbeitet“, berichtet sie. „Daher kenne ich es zu gut, einen sehr stressigen Alltag zu haben.“ 2011 änderte Reichl schließlich einiges. Sie machte sich selbstständig und konzentrierte sich beruflich auf das, worin sie ihre Bestimmung gefunden hat: „Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung Rückendeckung geben.“ Bereits im Bankwesen habe sie gemerkt, dass genau daran ihr Herz hänge. Ihr Schlüsselerlebnis auf dem Weg zu dieser Erkenntnis? „Ich habe viele Change-Projekte geleitet, bei denen ich Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen mitgenommen habe“, sagt sie. Eine Frau sollte bei einem Projekt etwas komplett anderes machen als all die Jahre zuvor. „Sie wollte das erst überhaupt nicht, aber als ich sie in ihrer Unsicherheit ernstgenommen habe und ihr gezeigt habe, wie viel von ihr selbst unentdecktes Potenzial da noch ist, hat es super funktioniert“, sagt Reichl. Ein späterer Dank dieser Mitarbeiterin bestärkte die Wahl-Tölzerin in ihrem Beschluss.

Jede Familie ist anders, und das darf auch so sein.

Martina Reichl, Familienpatin aus Bad Tölz

Auch als sie noch in München lebte, engagierte sich die Familienpatin schon ehrenamtlich. Nach ihrem Umzug nach Tölz machte die Beraterin dann Schulungen zu den Themen Kindeswohl und dem Konstrukt Familie. „Es macht mir große Freude, mich zu engagieren.“ Dabei sei es stets wichtig, nichts an den Strukturen der Familie zu ändern. „Jede Familie ist anders, und das darf so auch sein. Wir funken da nicht dazwischen.“ Ebenfalls schätzt Reichl die „regelmäßigen Treffen zum Austausch“ der Familienpaten. „Aktuell natürlich online.“ Diese seien stets eine Bereicherung – „auch vom sozialen Aspekt her. Man kommt auf eine angenehme Weise mit anderen Menschen in Kontakt. Das hat mir sehr gutgetan, als ich von München hierher gezogen bin“, erinnert sie sich.

Aber noch mehr profitieren freilich die Familien von ihrem Einsatz. „Pro Jahr habe ich eine Familie, um die ich mich kümmere.“ Es brauche Zeit, schließlich müsse man eine Bindung zu dem Kind aufbauen. „Es geht ja nicht von heute auf morgen, dass ein Kind einem vertraut“, berichtet sie. Doch das wachsende Vertrauen, die Lernbereitschaft und die Freude am Spiel ihres Patenkindes gebe auch ihr im Laufe der Monate ein sinnstiftendes Gefühl. „Es ist schön zu sehen, dass ein Kind Dinge annimmt und umsetzt, die man ihm zeigt“, sagt sie.

Die Chemie mit der Familienpatin muss stimmen, sonst geht gar nichts

Sollte es in einer Familie gravierendere Probleme geben, dann kann die Patin nur vermitteln. Denn: „Ich bin keine Familientherapeutin, und da muss ein klarer Strich gezogen werden.“ Ob überhaupt, wie lange und mit welchen Aufgaben die Paten helfen, hänge immer vom jeweiligen Fall ab. „Zum einen muss die Chemie stimmen, sonst klappt gar nichts. Zum anderen muss die passende Person für die bedarfsabhängigen Bedürfnisse gefunden werden.“ Manche Paten würden mit den Kindern auch Hausaufgaben machen, weiß Reichl. „Aber auch das sollte nicht als Nachhilfestunde verstanden werden.“

Sie selbst präferiere den Umgang mit kleineren Kindern. „Ich finde es toll, die Entwicklung zu sehen – Kleinkinder machen nahezu jede Woche einen Fortschritt. Das ist sehr spannend.“

Weitere Infos zu den Familienpaten gibt es auf www.familienkompass.net oder bei Annkatrin Rummel, Koordinatorin der Familienpaten Sozialraum Süd, Telefon 0177/7582670, oder per E-Mail an annkatrin.rummel@jh-obb.de.

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