Hat den Traum von der Regie nie aufgegeben: Andreas Herzog.
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Hat den Traum von der Regie nie aufgegeben: Andreas Herzog.

Interview

„Die Toten von Marnow“-Regisseur Andreas Herzog spricht über seine Wurzeln im Tölzer Land

Andreas Herzogs TV-Mehrteiler „Die Toten von Marnow“ fand gerade eine große Publikumsresonanz. Im Gespräch mit dem Kurier erzählt der aus dem Tölzer Land stammende Regisseur von der Entstehung des Films und der Magie besonderer Orte.

Bad Tölz/München - Andreas Herzog wurde 1967 in Bad Tölz geboren. Da seine Eltern beide gerade einmal 16 Jahre alt waren, wuchs er in einer Pflegefamilie in Unterleiten und bei den Großeltern in Tölz auf. Als Erstklässler zog er 1973 zu seinen Eltern nach München ins Olympische Dorf. „Das war ein Kulturschock“, erinnert sich der Regisseur. „In Tölz wurden die erste und die zweite Klasse noch zusammen unterrichtet. Die Buben kamen barfuß und in Lederhosen in die Schule. Und plötzlich befand ich mich in einer neuen Beton-Trabantenstadt, inmitten von Kindern Besserverdienender.“

Als Cutter begann seine Karriere im Filmgeschäft

Mit diesem „irren Kontrast“ musste der Sechsjährige erst einmal zurecht kommen. Den Kontakt nach Tölz, zur Familie wie zur Pflegefamilie, hat Herzog indes nie abbrechen lassen. Und in München lebt er, abgesehen von einem einjährigen Austauschjahr als Schüler in den USA, nach wie vor. „Ich wüsste gar nicht, wo ich sonst leben möchte. Hier ist mein Ruhepol.“ Was ihm in diversen Hotelzimmern überall auf der Welt immer wieder bewusst wurde, spätestens als 1996 sein erster Sohn geboren wurde, dem fünf Jahre später ein zweiter folgte.

Als Filmeditor (früher sagte man Cutter) begann Herzogs Karriere im Filmgeschäft. Dabei wollte er immer schon Regisseur werden. „Aber als ich die Aufnahmekriterien der Filmhochschule gesehen habe, habe ich mir eine Bewerbung nicht zugetraut.“ Er beschloss, erst mal „was zu machen, was ich wirklich kann“ – und wurde Cutter. Den Traum von der Regie hat er aber niemals aufgegeben und begann ihn zu verwirklichen, nachdem er sich in der Branche einen Namen gemacht hatte.

Der Anfang war nicht unbedingt einfach

Doch leicht war der Wechsel nicht: „Es gibt doch schon so viele gute Regisseure“, wurde ihm vorgehalten. Also produzierte Herzog ein paar Kurzfilme, die er selbst finanzierte, um zu beweisen, dass er auch Regie kann. „Bis die ersten Aufträge kamen, vergingen sieben Jahre. Und nochmals drei, ehe ich davon leben konnte.“

Als Regisseur für einige Folgen der SOKO 5113 sowie vier Filme aus der Reihe „Unter Verdacht“ hatte er seine Fähigkeiten dann hinlänglich bewiesen und wurde unter anderem für Tatorte aus Köln und Dortmund angefragt. Das wirft die Frage auf, wie vertraut man mit einer Stadt sein muss, um ihren Charakter im Film widerspiegeln zu können? „Ich mache mich mit ihr vertraut“, erklärt Herzog. „Genau wie ich mich mit den Figuren einer Geschichte vertraut mache. Diese immer neuen Herausforderungen sind ja das Schöne an diesem Beruf. Man braucht allerdings eine nie nachlassende Neugierde und die Fähigkeit, immer wieder dazu zu lernen.“

„Die Toten von Marnow“ sind Andreas Herzogs jüngste Regiearbeit

Die brauchte es auch bei „Die Toten von Marnow“. Die Geschichte spielt in und um Schwerin, in der Mecklenburgischen Seenplatte, zum großen Teil auf einem Campingplatz am See in einem idyllischen Kiefernwäldchen. Das ist ein sehr spezielles Ambiente, das authentisch eingefangen ist. Wie findet man einen solchen Ort? „Am Anfang steht die Frage, was muss der Ort dramaturgisch leisten können?“, erklärt Herzog. In diesem Falle brauchte es einen Platz direkt am See, auf dem der Wohnwagen der Ermittlerin Platz finden konnte und verschiedene Bungalows in Sichtweite waren. Spezielle Location-Scouts gehen dann auf die Suche. Und die stellten fest: Es gibt in der ganzen Gegend keinen Platz, der alle Anforderungen erfüllt. Also wurde (für den Zuschauer unmerklich) auf zwei Plätzen gedreht. Die Geschichte spielt mit alten Verstrickungen aus der DDR-Zeit, insbesondere geht es um Versuche mit noch nicht zugelassenen Medikamenten an Ost-Patienten gegen West-Geld.

„Der Zuschauer muss sich mit den Figuren identifizieren können.“

Wie bekommt man als in Westdeutschland sozialisierter Regisseur dafür das richtige Gespür? „Das war wie bei jedem anderen Film auch: Ich lasse mich auf die Menschen ein, egal wo sie herkommen und welche Geschichte sie mitbringen“, lautet Herzogs Credo. Und das spürt der Zuschauer: Seine Figuren bekommen die Zeit und den Raum, die es braucht, um sie zu echten Charakteren werden zu lassen, zu Menschen aus Fleisch und Blut, über die Rolle der Ermittler hinaus. „Der Zuschauer muss sich mit den Figuren identifizieren können. Er muss sich fragen: Was würde ich an seiner oder ihrer Stelle nun tun?“, bringt es Herzog auf den Punkt. „Man muss sie mögen und ihnen wünschen, dass sie ihr Ziel erreichen.“

Dreharbeiten zu „Die Toten von Marnow“: Die Geschichte spielt in und um Schwerin, zum großen Teil auf einem Campingplatz am See in einem idyllischen Kiefernwäldchen.

Und das funktioniert: Obwohl sie alles andere als gesetzestreu agieren, entwickelt der Zuschauer für Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller) und Frank Elling (Sascha Gersak) starke Sympathien. Neben dem Ost-West-Konflikt steht das Grundthema „Recht und Gerechtigkeit“: Ist es Herzog ein besonderes Anliegen, auf die Diskrepanz zwischen beidem hinzuweisen? „Nein, mich interessiert der Konflikt, der daraus entsteht. Es geht um die Wahrnehmung des Einzelnen, was er als gerecht empfindet. Da gibt es zwangsläufig Schnittmengen und Unschärfen.“

In acht Folgen zu je 45 Minuten wird die Geschichte erzählt. Geht, wenn zwischen den einzelnen Folgen Zeit verstrichen ist, nicht vieles an Details der Wahrnehmung verloren, die Autor und Regisseur mit großer Mühe und viel Aufwand hergestellt haben? „Das Format ist darauf ausgelegt, es nicht linear im Fernsehen zu sehen, sondern in der Mediathek abzurufen. Und dann kann man mehrere Folgen hintereinander beziehungsweise manches wiederholt anschauen“, erklärt Herzog.

„Die Toten von Marnow“ in der Mediathek zu sehen

Und nur diese ausgedehnte Erzählweise gebe dem Zuschauer die Zeit zum Mitdenken – und daraus resultierend zum Mitfühlen. „So entsteht ein realer Rhythmus, nicht der fürs Fernsehen typische angeschaffte Rhythmus, bei dem man dem Zuschauer alles verbal erklären muss.“ Die Publikumsresonanz ist bisher jedenfalls durchweg positiv ausgefallen. „Die meisten waren begeistert. Gemeckert wurde nur wegen absoluter Kleinigkeiten, etwa einer Krawatte, die in einer Szene offen und in der nächsten gebunden war“, merkt Herzog mit einer gewissen Belustigung an. Und wann kommt nun der Achtteiler, der im Tölzer Land spielt? „Das würde ich wahnsinnig gerne machen! Ich bin aber Regisseur und kein Autor. Aber wenn mir einer einen passenden Stoff vorlegt, der in meiner Heimat spielt, bin ich sofort dabei.“

Die Toten von Marnow gibt es in der ARD-Mediathek zu sehen. (Von Sabine Näher)

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