Arbeiten an der Verkehrswende: Landrat Josef Niedermaier (2.v.re.) und Matthias Schmid (li.), ÖPNV-Experte am Landratsamt.
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Arbeiten an der Verkehrswende: Landrat Josef Niedermaier (2.v.re.) und Matthias Schmid (li.), ÖPNV-Experte am Landratsamt.

Öffentlicher Personennahverkehr

Die Zukunft des ÖPNV: Diesen Plan hat der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    VonVeronika Ahn-Tauchnitz
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Die Debatte über die Zukunft der Kreisklinik stand im Mittelpunkt der jüngsten Kreistagssitzung. Darüber etwas untergegangen ist ein weiterer wichtiger Punkt. Nach monatelanger Vorarbeit hat das Gremium den neuen Nahverkehrsplan beschlossen. Klingt nicht zwingend spannend, ist es aber – zumindest wird es das in den kommenden Jahren.

Bad Tölz-Wolfratshausen - Der Nahverkehrsplan legt fest, welche Qualität der Öffentliche Personennahverkehr in Zukunft im Landkreis haben soll. Und will man das Papier mit Leben füllen, wird man Millionen investieren müssen, wie Landrat Josef Niedermaier und Matthias Schmid, ÖPNV-Experte am Landratsamt, im Interview betonen.

Für Laien erklärt: Was ist der Nahverkehrsplan?

Josef Niedermaier: Im Nahverkehrsplan macht sich der Landkreis genaue Gedanken, in welcher Qualität und Quantität er seinen Nahverkehr organisieren will. Es werden genaue Ziele festgelegt. Davor wird vieles analysiert - beispielsweise die Bevölkerungsstruktur und Arbeitsplätzestruktur und viele mehr, um zu sehen, wo es notwendig sein könnte, ÖPNV anzubieten. Dann legt die Kreispolitik fest, welche Ortsteile welcher Größe sollen wie oft angefahren werden. Nach diesen politischen Vorgaben befassen sich die Experten damit und machen konkrete Vorschläge zur Umsetzung, welche Linien künftig sinnvoll wären. Das ist ein ganzer Katalog. Alle Maßnahmen werden auch mit Kosten hinterlegt. Die Aufgabe von Herrn Schmid und seinem ÖPNV-Team im Landratsamt ist es dann, diese Vorgaben sinnvoll umzusetzen.

Welche Halbwertszeit hat so ein Plan? Der letzte hatte ja 25 Jahre auf dem Buckel...

Matthias Schmid: Der ganze ÖPNV ist ja eigentlich keine Pflichtaufgabe des Landkreises. Allerdings sollte der Aufgabenträger seinen Nahverkehrsplan schon alle fünf Jahre überarbeiten.

Wenn das alles freiwillig ist, warum ist der Plan dann so wichtig?

Schmid: Weil die Regierung von Oberbayern beispielsweise bei neuen Anträgen von Verkehrsunternehmen den Plan berücksichtigen muss. Würde also ein Unternehmen etwas beantragen, das nicht unseren Vorstellungen entspricht, dürfte die Genehmigung nicht erteilt werden.

Im 20- bis 30-Minuten-Takt mit dem Bus durch den Landkreis

Die Politik hat sich in diesem Plan für den ÖPNV ja durchaus hehre Ziele gesetzt. Will man die erreichen, ist an den meisten Stellen eine deutliche Taktverdichtung notwendig.

Schmid: Der Nahverkehrsplan ist eine Art Selbstverpflichtung. Gezwungen zur Umsetzung ist der Landkreis nicht. Aber wir haben uns natürlich im Vorfeld viele Gedanken gemacht. Für die Orte und Ortsteile mit mehr als 900 Einwohnern wurde in der Hauptverkehrszeit ein 20- bis 30-Minutentakt vorgesehen, in Orten zwischen 200 und 900 Einwohnern ein 60-Minuten-Takt. Das sind aber Richtwerte, die wir uns selbst auferlegt haben. In Einzelfällen muss man natürlich sehen, was Sinn hat und was nicht. Auf dieser Rahmenkonzeption basieren allerdings auch die konkreten Maßnahmen, die entwickelt wurden.

Tatsächlich gibt es eine ganze Fülle von Vorschlägen. Wo fangen Sie denn da jetzt an? Denn nur, weil es im Nahverkehrsplan steht, fährt ja noch kein einziger Bus mehr im Landkreis.

Niedermaier: Wir haben das in Prioritäten kategorisiert. Dabei wird beispielsweise auch geschaut, ob eine Linie noch vergeben ist und wie lange der Vertrag dafür noch läuft. Jede Maßnahme ist direkt mit Kosten hinterlegt. Und so nähert man sich Schritt für Schritt der Umsetzung.

Viele Maßnahmen sind mit Priorität eins versehen

Aber schon in Prio 1 ist die Liste recht lang. Sie reicht vom Angebotsausbau in Egling und Dietramszell bis zu einem Stundentakt zwischen Tölz und Holzkirchen oder auch einem Ortsbus in Lenggries. Ist das alles machbar – und finanzierbar?

Niedermaier: Entweder will ich eine Verkehrswende – oder ich will sie nicht. Klar haben einige kalte Füße bekommen, als sie zum ersten Mal die Kosten gesehen habe. Aber die Verkehrswende ist der erste Schritt zu Klimawende. Da müssen wir jetzt gemeinsam durch.
Schmid: Tatsächlich sind es viele Maßnahmen – auch, weil wir jetzt einen anderen Standard setzen. Bisher galt: Wir schaffen ein Angebot, wo Nachfrage besteht. Der neue Ansatz ist, dass wir ein Angebot schaffen, weil wir glauben, dass es Nachfrage nach sich ziehen wird. Das wird uns einiges an Geld kosten – und am Anfang tatsächlich noch etwas mehr. Denn bis zur Akzeptanz einer neuen Linie – das dauert ein paar Jahre. Niedermaier: Der Landkreis München geht von einer Erprobungsphase von vier Jahren aus, bis man wirklich sagen kann, ob ein Bus Sinn hat.

Wie geht es denn jetzt konkret weiter?

Schmid: Wir werden mit den Verkehrsunternehmen darüber sprechen, was sie bis zum Ende der Vertragslaufzeit beziehungsweise der Genehmigung zusätzlich leisten können. Dann wird es darum gehen, die Kosten zu konkretisieren und dann für die Politik sinnvolle Maßnahmenpakete zu schnüren.

Welchen zeitlichen Horizont gibt es für die Umsetzung?

Die Angst vor den Kosten der Verkehrswende ist bei manchen Kreisräten groß

Schmid: Heuer werden wir vermutlich noch keine Maßnahmen vorlegen. Wir werden das erst im Laufe des nächsten Jahres schaffen. Ausnahme ist heuer die Linie Kochel/Walchensee, weil wir hier schon länger mit dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen im Austausch stehen.

Was dem einen lieb ist, ist dem anderen zu teuer: Sehen Sie denn bei allen Kreisräten den unbedingten Willen zur Verkehrswende?

Niedermaier: Den Willen sehe ich schon. Aber auch die Angst vor der Finanzierung der Verkehrswende ist sehr groß.

Vermutlich werden schon noch einige Diskussionen zu führen sein, wenn es mal um konkrete Projekte und Kosten geht. Unterm Strich stehen in der höchsten Priorität jährliche Gesamtkosten von 2,55 Millionen Euro. Das sind zwei Punkte Kreisumlage, die die Gemeinden bezahlen.

Niedermaier: Diese Ausgaben sind vielen aber schon bewusst gewesen.
Schmid: Außerdem sind das Bruttokosten. Da müssen noch die Einnahmen aus den Ticketverkäufen gegengerechnet werden. Mit Blick auf die Finanzierung ist es aber natürlich tatsächlich sehr wichtig, dass die Kommunen dabei nicht allein gelassen werden. Wir schreiben gefühlt wöchentlich Briefe an den Bund und den Freistaat und erklären, dass die Kommunen noch mehr Hilfe bei der Finanzierung des ÖPNV brauchen.
Niedermaier: Bis jetzt gab es hier eine klare Trennung: Die Kommunen kümmern sich um die Busse, der Freistaat um den Schienenverkehr. Das wurde von Ministerpräsident Markus Söder nun durch die landesbedeutsamen Buslinien aufgeweicht – natürlich auch, weil die Kommunen gesagt haben: Lieber Freistaat, dann bau halt eine Zugverbindung beispielsweise zwischen Rosenheim und Weilheim.

Bis der Alpenbus wirklich fährt, kann es noch dauern

Auf dieser Strecke – zumindest zwischen Rosenheim und Murnau – soll irgendwann der Alpenbus fahren. Lange nichts mehr gehört: Was ist denn damit?

Schmid (seufzt): Das Problem ist, dass sechs Aufgabenträger (kreisfreie Städte und Landkreise, Anm. d. Red) von dieser Linie betroffen sind. Dass sich die auf einen Konsens einigen, wo der Bus hält, wie oft er fährt und wer was bezahlt – das ist ein noch dickeres Brett als ich am Anfang gedacht habe. Keiner will hier zu schlecht wegkommen. Wir einigen uns aber auf immer mehr. Wir sind auf einem guten Weg, müssen uns aber noch etwas gedulden. Auch, weil wir ein Jahr vorab bekannt machen müssen, dass wir die Linie ausschreiben. Bestenfalls fährt der Alpenbus zum Fahrplanwechsel im Dezember 2023. Realistisch ist eher Mitte 2024.

Und wie sieht es aus mit der MVV-Verbunderweiterung?

Niedermaier: Die läuft. Wir treten jetzt in Phase 2 der Studie ein. Da werden Verkehrszählungen gemacht, damit man den Kreistagen wirklich konkret sagen kann: So viel kostet Euch der Beitritt.

Ausgaben für den ÖPNV im Jahr 2025? Fünf bis sechs Millionen Euro

Apropos Kosten: Was wird der Landkreis, sagen wir mal 2025, für den ÖPNV ausgeben müssen?

Niedermaier: 5 bis 6 Millionen Euro.

Also doppelt so viel wie heute.

Niedermaier: Ja. Dabei gehe ich aber davon aus, dass der Freistaat die Tarifverluste bis zur Neuausschreibung bei BRB und Kochelseebahn trägt, die entstehen, wenn sie in den MVV-Tarif eintreten. Es gibt allerdings auch Überlegungen, dass die Kommunen ein Drittel dieser Verluste tragen sollen.

Wir lösen mit der Nordspange das jetzige Verkehrsproblem. 

Landrat Josef Niedermaier

Wäre es eigentlich nicht sinnvoller gewesen, die 48 Millionen Euro, die der Bund jetzt in den Straßenbau der Nordspange steckt, in den ÖPNV zu investieren?

Niedermaier: Nein. Wir lösen mit der Nordspange das jetzige Verkehrsproblem. Und wir entlasten die Blöcke im Lettenholz. Wir werden immer einen Ost-West-Verkehr haben. Der muss fließen, damit beispielsweise auch der Bus fahren kann. Die Nordspange ist unabdingbar.

Was ist eigentlich mit dem Bau von Radwegen?

Für 48 Millionen Euro könnte man auch eine Menge Radwege bauen...

Niedermaier: Das Geld für Radwege wäre schon da. Wir könnten den Radweg nach Sachsenkam seit 20 Jahren bauen, genauso wie den an der Töl 5 von Heilbrunn in Richtung Penzberg. Es scheitert einfach an den Grundstücken. Und der Bund hat keine Möglichkeiten zur Enteignung geschaffen.

Was ist denn generell mit dem Alltagsradwegenetz, das der Kreis schaffen will?

Niedermaier: Das läuft. Nächstes Jahr wird der Radschnellweg von Lenggries nach Tölz gebaut. Der Radweg an der B11 zwischen Schäftlarn und Dorfen entsteht. Auch im Zuge der Verlegung der B11 zwischen Schönrain und Reindlschmiede soll ein Radweg gebaut werden.

Auch Touristen sollen verstärkt auf den ÖPNV umsteigen

Ziel ist es ja auch, mehr Touristen für den ÖPNV zu begeistern, um die Verkehrsproblematik im Landkreis in den Griff zu bekommen, oder?

Niedermaier: Ja, dazu braucht es aber beispielsweise auch Individualangebote, um die letzte Meile zu schaffen. Ein Beispiel wären Ruftaxis, die aber im MVV-Tarif fahren müssen.
Schmid: Wir müssen bei uns im Landkreis schauen, was die für uns beste Lösung ist. Diese Bedarfsverkehre ergänzen natürlich perfekt Buslinien.

Weitere Infos: Der Nahverkehrsplan kann auf der Internetseite des Landratsamts eingesehen werden. Zu finden ist er auf www.lra-toelz.de/oepnv-schuelerbefoerderung-und-gastschulwesen

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