Harald Dietl zeigt eine Auswahl der Briefe, die er nach 50-jährigem Exil zurück nach Tölz brachte.
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Harald Dietl zeigt eine Auswahl der Briefe, die er nach 50-jährigem Exil zurück nach Tölz brachte.

Dokumentenschatz

Briefe von Thomas Mann und König Ludwig III. wieder im Tölzer Stadtarchiv

  • Christoph Schnitzer
    VonChristoph Schnitzer
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Ein kleiner Schatz ist nach Tölz zurückgekehrt. Nicht anders kann man es formulieren, was sich vor einigen Tagen im Stadtarchiv zugetragen hat. Dort hat das Ehepaar Paula und Harald Dietl aus Oberschleißheim eine Aktentasche mit historischen Dokumenten abgegeben.

Bad Tölz - In der Aktentasche befanden sich Originalbriefe und -Karten von Thomas Mann, Paul von Hindenburg, König Ludwig III., Heinrich Himmler und anderen hochgestellten Persönlichkeiten, die an das Tölzer Stadtoberhaupt Alfons Stollreither gerichtet waren. Sie stammten alle aus dem Tölzer Stadtarchiv und kehren nach fast 50 Jahren Exil wieder dorthin zurück. Auch die Art und Weise, wie dieser Schatz geborgen wurde, ist dabei bemerkenswert und spannend.

Hier kommen Harald Dietl aus Oberschleißheim sowie der aufmerksame Hausmeister einer Anlage mit fast 500 Wohnungen ins Spiel. Der Mann hatte schon vor einiger Zeit einen seit Jahren herrenlosen Keller zu räumen, wobei ihm ein Karton mit alten Dokumenten auffiel. „Den kann man nicht wegschmeißen“, befand er und hob ihn auf. Bis er auf Harald Dietl, einen Handelskaufmann und Pharmareferenten im Ruhestand traf. Der wohnt auch in der Wohnanlage. Man habe sich halt, so erzählte er nun bei der Übergabe, ab und an unterhalten. Dem schon immer Geschichtsinteressierten vertraute der Hausmeister schließlich den Karton zur weiteren Verfügung an. Dietl stöberte in den Papieren und war nach eigenen Worten „sofort elektrisiert“ von der Bedeutung der Dokumente. Sie teuer bei Ebay zu verkaufen, sei für ihn nicht in Frage gekommen. Stattdessen habe er einen Aktendeckel mit Vermerk „Stadtarchiv Bad Tölz“ zum Anlass genommen, seine Fühler nach Tölz auszustrecken. Dietl suchte sich nach eigenen Worten bewusst einen Ansprechpartner von den Grünen (Franz Mayer) aus. Der vermittelte den Kontakt zu Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr, der hocherfreut („fast wie Weihnachten“) über diese unerwartete Rückkehr von verschollenen Dokumenten war. Den Stempel „Fehlt“ kann er nun bei mehreren Aktennummern löschen.

Auch historisch bedeutsam ist dieser Brief des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der der Stadt Tölz zur Ehrenbürgerschaft Hitlers gratuliert.

Wie kamen die Akten nach Oberschleißheim? Wahrscheinlich hat der frühere ehrenamtliche Tölzer Stadtarchivar Joachim P. das Konvolut in den Ruhestand mitgenommen. Vielleicht, um darüber zu arbeiten. Als er verstarb, geriet der Karton mit Schriften in Vergessenheit.

Hindenburg dankte Stollreither

Dabei hat er es in sich. Neben Bewerbungsschreiben für Tölzer Apotheken zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind es vor allem die Autographen, also mit Originalunterschriften versehene Dokumente von Prominenten, die einem sofort ins Auge fallen. Zum Beispiel eine ganze Reihe von Briefen des ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, in denen er sich beim Tölzer Bürgermeister Alfons Stollreither für Glückwünsche bedankt. Heraus sticht dabei das Schreiben vom 30. März 1933, in dem Hindenburg „mit Befriedigung“ zur Kenntnis nimmt, dass die Stadt Tölz auch Adolf Hitler zum Ehrenbürger gemacht hat. Das stützt auch im Nachhinein die These des Tölzer Arbeitskreises Hindenburgstraße, dass der ehemalige Reichspräsident ein bewusster Förderer des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers gewesen ist. Seit 2015 erklärt der Informationsweg Hindenburgstraße die verhängnisvolle Rolle des Reichspräsidenten.

„Königliche Angelegenheit“: Auch für Philatelisten ein spannendes Stück ist das Dankesschreiben von Prinzregent Luitpold an den Tölzer Bürgermeister.

Ein weiteres Dokument zieht die Blicke auf sich und ist, so Lindmeyr, „von historischer Bedeutung“. Thomas Mann bedankt sich 1929 bei Stollreither für die Glückwünsche zum Literaturnobelpreis. Das war zwölf Jahre nach seinem Weggang von Tölz und belegt, dass es, anders als vielfach angenommen, durchaus noch Kontakt gab. Sieben Jahre später, als Mann wegen der Nazis in die Schweiz emigrierte, hätte der nunmehrige NSDAP-Bürgermeister Alfons Stollreither von seinem überschwänglichen Glückwunschschreiben wohl nichts mehr wissen wollen.

Zittrige Unterschrift

Wie überhaupt die Autographensammlung den Eindruck nährt, dass der Tölzer Bürgermeister zunächst einmal in Sachen Marketing für die Stadt und natürlich für sich selbst unterwegs war, wie Stadtarchivar Lindmeyr feststellt. Stollreither dankte, gratulierte und kondolierte jedem erreichbaren Prominenten zu jedem möglichen Anlass. Die zwar höflich gehaltenen, aber nicht darüber hinausgehenden Dankesworte der Könige, Prinzen und Prominenter wie auch Heinrich Himmler wurden – was die Eingangsstempel belegen – dem Stadtrat stets umgehend zur Kenntnis gebracht und dann sorgfältig archiviert.

Immerhin darf sich die Stadt freuen, nun auch eine Originalkarte von König Ludwig III. zu besitzen. Ein kleines philatelistisches Schmuckstück ist auch der Dankesbrief von Prinzregent Luitpold für die Glückwünsche zum 90. Geburtstag. Das hohe Alter Luitpolds ist an der zittrigen Unterschrift abzulesen. Bemerkenswert ist das Briefkuvert mit dem Aufdruck „Königliche Angelegenheit“ und dem Einschreibezettel. Post des königlichen Hauses wurde portofrei befördert. Der Stempel – Ordnung muss sein – weist nach, dass der Brief der „Geheim-Kanzlei“ am Münchner Telegrafenamt I aufgegeben war.

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