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Balance in Körper und Geist: Das ist Dr. Werner Klingelhöffer auch im Ruhestand wichtig. 

Dr. Werner Klingelhöffer übergibt Tölzer Praxis 

Der Mensch ist nicht nur Physik und Chemie

Er war einst jüngster Notarzt Bayerns, arbeitete 30 Jahre als Orthopäde in Tölz und hat mit der Sportkinesiologie die Grenzen der Schulmedizin überschritten. Er hat städtische Projekte wie das Spa Natura Tölz mit angestoßen und ist ab sofort im Ruhestand: Dr. Werner Klingelhöffer.

Bad Tölz/Wackersberg – Eigentlich ist der Wackersberger ein streitbarer Mann, der für seine Überzeugungen eintritt und in den Kampf zieht. Mit zunehmendem Alter, so räumt der 67-Jährige ein, „wird man aber auch verletzlich“. Dann geht man eben nicht mehr mit jugendlichem Mir-gehört-die-Welt-Gefühl darüber hinweg, wenn eine hoffnungsvoll gestartete Zusammenarbeit mit der Stadt scheitert. Werner Klingelhöffer, der das Konzept für das neue Spa Natura Tölz erarbeitete und dafür zunächst hochgelobt wurde, kann in den jüngsten Entwürfen der Stadt nichts mehr von seinen Ideen wiederfinden. „Das ist x-beliebige Architektur geworden“, sagt er. Die Tölzer Stilelemente, die der Arzt gerne mit einem kinesiologischen Ansatz für den Saunenbau verknüpft hätte, gibt es nach seinen Worten nicht mehr. „Ich habe mich aus dem Projekt zurückgezogen.“

Auch für die eMotion-Base, die ebenfalls sein „Baby“ ist, könnte sich der Mediziner eine bessere Kooperation mit dem Bauherrn und Betreiber Stadt vorstellen. Es gebe zu wenig Interesse. Mit der Sportjugendherberge hingegen kooperiere er bestens.

Genug gegrübelt und gezürnt. Klingelhöffer ist seit Kurzem im Ruhestand und freut sich darüber. Kurzer Rückblick: Der gebürtige Münchner, der – unvergessen – als Bub einst dem Löwen-Torwart Petar Radenković den hinters Tor gerollten Fußball reichen durfte, hat einige Stationen absolviert, bevor er in Tölz landete. Die wichtigsten waren – abgesehen von der Hochzeit mit seiner Frau Isolde – die Zeit als jüngster Notarzt Bayerns und im Bundeswehrkrankenhaus München, Abteilung Orthopädie, „wo ich am meisten gelernt habe“. Über die Rheumaklinik in Aibling erreichte ihn 1983 dann der Ruf ans Tölzer Versorgungskrankenhaus, wo er unter Chefarzt Christian Buchert die Kniegelenk- und Band-Chirurgie mit aufbaute. Das war seinerzeit Pionierarbeit in Tölz. Klingelhöffer operierte auch ambulant. 1987 machte er sich selbstständig und arbeitete seitdem in einer Praxisgemeinschaft (Dr. Zistl, später Dr. Meichsner). Der Wechsel von der Badstraße in die neue Praxis am Moraltpark sei auch emotional ein Riesenschritt gewesen, erzählt der Arzt und erklärt, wie allein die Umstellung von alten auf neue Neon-Röhren für ein völlig neues Wohlfühlklima in der Praxis sorgte.

Wie wichtig Emotion sowie Balance in Körper und Geist für den Menschen sind, das ist dem Schulmediziner im Laufe seiner 30-jährigen ärztlichen Tätigkeit immer klarer geworden. „Der Mensch besteht eben nicht nur aus Physik und Chemie.“ Mit der Sportkinesiologie und Akupunktur hat Klingelhöffer die Grenzen der Schulmedizin überschritten und sich überregional als Ausbilder und Referent einen guten Namen gemacht.

Das sportkinesiologische Training will Klingelhöffer weiterhin durchführen. Am besten mit möglichst jungen Mannschaften. Dort seien nämlich Themen wie Empathie und Interaktion stark gefragt. Kinesiologie fördere die nötige analytische und emotionale Intelligenz.

Zu den positiven Aspekten der Praxisübergabe gehört für den 67-jährigen auch, dass er nicht mehr die überhandnehmende Bürokratie als Arzt hinnehmen muss. Dass die konservative Medizin immer öfter einer auf hohe Fallzahlen und Effizienz getrimmten Operationsmedizin weichen muss, bezeichnet der Orthopädie als „Irrweg. Aber es wird so kommen.“ Nicht mit ihm. Er übergibt am 1. Oktober an die „Praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie Isar-Loisachtal“.

Für ihn stehen ab sofort die Familie, das Fotografieren, Drechseln, und – wieder – das Gitarrespielen im Vordergrund. Und natürlich die Obhut für die eigene Kapelle, die Klingelhöffer in seinem Garten stehen hat. Die Peterbauernkapelle stammt von 1690 und kann mit dem alten Holzgebälk und ihrer Statik einen „Knochendoktor“ bestens gebrauchen.
Christoph Schnitzer

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